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Handel : Praktiker kauft Baumarktkette Max Bahr

  • Aktualisiert am

Praktiker: Neue Größe und neue Strategie Bild: ddp

Praktiker hat sich auf den Weg gemacht, dem Marktführer Obi näherzukommen. Das Unternehmen plant eine Zwei-Marken-Strategie für Schnäppchenjäger und anspruchsvolle Kunden.

          In die Welt der Heimwerker-Filialen ist Bewegung gekommen: Der saarländische Baumarkt-Filialist Praktiker kauft das operative Geschäft des Hamburger Konkurrenten Max Bahr und schließt damit dichter zum Marktführer Obi auf.

          Die Übernahme steht zwar noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamts, doch Praktiker-Chef Wolfgang Werner gab sich am Mittwoch mit Blick auf den reichlich zersplitterten deutschen Markt siegesgewiß: Die größten fünf Baumarktketten deckten nur 30 Prozent des gesamten Marktes ab. Nach Werners Angaben hat Obi einen Marktanteil von 9,7 Prozent, auf Praktiker werden nach der Übernahme 9,2 Prozent entfallen. Insgesamt werde Praktiker mit knapp 20.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von nahezu 4 Milliarden Euro erwirtschaften.

          Zwei-Marken-Strategie

          Die bisher in Familienhand befindliche Max-Bahr-Kette hat im vergangenen Jahr an 77 Standorten mit knapp 3.200 Mitarbeitern einen Nettoumsatz von 726 Millionen Euro erzielt. Die Börse reagierte positiv auf die Ankündigung der Übernahme. Binnen weniger Minuten stieg der Kurs der Praktiker-Aktie von 24 Euro auf Kurse über 25,50 Euro.

          Die Übernahme eröffnet Praktiker die Möglichkeit, eine Zwei-Marken-Strategie zu wählen. Während die Praktiker-Märkte mit einem bewußt schmalen Sortiment und einem preisaggressiven Marktauftritt tendenziell Schnäppchen-Jäger im Visier haben, soll Max Bahr mit seinen sehr großflächigen Märkten als „service-orientierte Premiummarke“ weitergeführt werden.

          Polarisierung der Kunden

          Auch im Baumarktbereich sei festzustellen, daß es zu einer immer stärkeren Polarisierung der Kundschaft komme. „Wachstum findet, wenn überhaupt, nur noch an den Polen statt“, meint Werner. Max Bahr sei nicht nur in dieser Hinsicht eine ideale Ergänzung für Praktiker, sondern auch regional: Während die im saarländischen Kirkel angesiedelte Holding bisher schwerpunktmäßig im Süden, Westen und Osten der Republik tätig ist, hat Max Bahr vor allem in Norddeutschland Filialen.

          Einige der kleineren Max-Bahr-Filialen im Norden würden künftig vielleicht als Praktiker firmieren, umgekehrt werde man im Süden großflächige Märkte auf das Max-Bahr-Konzept umstellen, kündigte Werner an. Praktiker werde so eine besonders effektive Marktabdeckung haben: „Wir verfügen nicht nur über eine neue Größe, sondern auch über eine neue Qualität des Angebots. Dem kann zur Zeit kein Wettbewerber etwas Vergleichbares entgegensetzen.“

          Vergleichbar mit Media-Markt und Saturn

          Wenngleich es auch zur Schließung von Standorten kommen könne, stehe Personalabbau nicht im Vordergrund. Auch für die Führungskräfte, die das Konzept mittrügen, eröffneten sich in der international aufgestellten Praktiker-Holding neue Chancen, verspricht Weber.

          Der Praktiker-Chef, der früher bei Metro tätig war, vergleicht die Strategie mit der des Handelsriesen im Elektrosektor: „Man erkennt doch am Beispiel Media-Markt und Saturn, wie man mit viel Erfolg zwei Marken unter einem Dach betreiben kann.“

          Ergebnis soll sich im nächsten Jahr verbessern

          Beide Baumarktketten hätten ihre eigenen Stärken, legte Weber dar. Man werde sich beobachten und jeweils die bessere Lösung umsetzen. Er sei sich sicher, daß die Größenvorteile - mit Synergieeffekten bei Beschaffung, Logistik und Verwaltung - daher auch in höhere Profitabilität umgemünzt werden könnten. Das Ergebnis der Praktiker-Gruppe werde durch die Übernahme des gut geführten Hamburger Unternehmens bereits im nächsten Jahr verbessert.

          Für das Jahr 2008 erwarte Praktiker einen „signifikant steigenden Gewinnbeitrag“, der alle Finanzierungskosten abdecke. Nach Angaben von Praktiker-Vorstand Thomas Ghabel erwirtschaftete Max Bahr eine operative Marge von gut 2 Prozent. Das Ergebnis sei in diesem und im nächsten Jahr noch durch Vorlaufkosten für Neueröffnungen belastet.

          Stillschweigen über den Kaufpreis

          Über den Kaufpreis haben die Parteien Stillschweigen bewahrt. Die Finanzierung sei kein Problem, signalisierte Praktiker-Vorstand Ghabel und verwies auf den Quartalsabschluß Ende Juni, in dem liquide Mittel von mehr als 300 Millionen Euro zu Buche stehen. Auch habe man freie Kreditlinien, ergänzte er. Eine Kapitalerhöhung, wenngleich dank eines Vorratsbeschlusses möglich, sei angesichts einer Eigenkapitalquote von mehr als 50 Prozent nicht nötig, machte Ghabel klar. Selbst nach Abschluß der Transaktion werde die Eigenkapitalquote noch über 40 Prozent liegen.

          Trotz der Akquisition sei es das erklärte Ziel der Praktiker AG, in Osteuropa die Expansion massiv voran zutreiben, betonte Praktiker-Chef Weber. Spekulativ waren in den vergangenen Tagen Preise von bis zu 1,5 Milliarden Euro für die Baumarkt-Kette Max Bahr genannt worden. Diesen Betrag solle man vergessen, hieß es bei Praktiker unter Verweis darauf, daß Praktiker lediglich das operative Geschäft von Max Bahr übernehme, nicht aber die deutlich werthaltigeren Immobilien.

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