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Handel : Karstadt verliert im Versandhandel noch viel Geld

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Harald Pinger, Finanzchef von KarstadtQuelle Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Großversender Neckermann und Quelle werden auch in diesem Jahr noch viel Geld verbrennen, sagt Karstadt-Finanzvorstand Pinger der F.A.Z. Man müsse froh sein, wenn man Ende 2007 eine schwarze Null darstellen könne.

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          Der Versandhandel von Karstadt-Quelle hat noch mindestens zwei schwierige Jahre vor sich. „Im Warenhausbereich haben wir den negativen Trend stoppen und umkehren können, im Versandhandel sind wir bei der Sanierung noch nicht soweit“, sagt Finanzvorstand Harald Pinger im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Versandhandel - das sind die Großversender Neckermann und Quelle - werde auch in diesem Jahr noch viel Geld verbrennen. Man müsse froh sein, wenn man Ende 2007 eine schwarze Null darstellen könne.

          Pinger zeigt sich mit dem Zwischenergebnis aber dennoch zufrieden. Die Umkehrung des Negativtrends in den Warenhäusern nach zehn Jahren sei ein gewaltiger Schritt, und im Versand sei die Größe des Problems jetzt klar. Das würden offenbar auch die Anleger positiv sehen, sagt Pinger mit Blick auf die erstaunlichen Kursgewinne der Karstadt-Quelle-Aktie. Seit Anfang Dezember ist der Kurs um fast 50 Prozent gestiegen.

          Immobilien sollen 3,5 Milliarden Euro bringen

          Neben den ersten Sanierungserfolgen hat die Ankündigung des Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff kursfördernd gewirkt, durch den Verkauf der Karstadt-Immobilien den Konzern bis Ende dieses Jahres zu entschulden. Ob man alle Immobilien in einem Paket verkauft oder mehrere Pakete schnürt, werde derzeit nicht zuletzt unter steuerlichen Aspekten geprüft. Pinger geht davon aus, daß Karstadt-Quelle etwa 3,5 Milliarden Euro für die Immobilien erzielen und die Transaktion spätestens bis Ende September abgeschlossen sein wird. „Der Zeitpunkt für den Immobilienverkauf ist günstig, weil der Markt jetzt aufnahmefähig ist und Karstadt-Quelle aufgrund seiner Sanierungsfortschritte heute in einer stärkeren Verkaufssituation ist als vor einigen Monaten.“

          Noch nicht aus dem Gröbsten 'raus: Neckermann

          Die Transaktion soll vorrangig über die Investmentbank Goldman Sachs abgewickelt werden, die einer der wichtigsten Finanzpartner bei der Sanierung von Karstadt-Quelle ist. Das Geld soll dazu dienen, die Bankschulden abzutragen. Gegenüber dem jetzigen Zinsaufwand von über 300 Millionen Euro (2006) wird Karstadt-Quelle trotz höherer Mietkosten bis zu 100 Millionen Euro einsparen, sagt Pinger. Der Preis dafür ist, daß man sich vom Tafelsilber und damit von den letzten Reserven trennt.

          Gespräche mit Lufthansa über Thomas Cook

          Parallel zum Immobilienverkauf will Karstadt-Quelle mit der Deutschen Lufthansa über die strategische Ausrichtung der gemeinsamen Tochtergesellschaft Thomas Cook sprechen. Karstadt-Quelle hat öffentlich seine Bereitschaft erklärt, die von der Lufthansa gehaltenen zweiten 50 Prozent an dem Touristikkonzern zu übernehmen. „Wir stehen hier nicht unter Zeitdruck, wollen aber bis Ende des Jahres zu einer Entscheidung über die strategische Ausrichtung kommen“, steckte Pinger den Zeitrahmen ab.

          Ob die eingeleiteten Maßnahmen den Kurssprung der Aktie in den letzten Wochen rechtfertigten, will er nicht beurteilen. Das müsse der Markt entscheiden. Vehement wehrt sich Pinger gegen Vorwürfe, der Vorstand habe versucht, den Kurs zu beeinflussen. Die Vorwürfe gehen dahin, durch eine Dramatisierung der Lage vor eineinhalb Jahren habe man der Großaktionärin Madeleine Schickedanz die Möglichkeit gegeben, preiswert ihren Anteil von damals 38 auf inzwischen schätzungsweise 58 Prozent zu erhöhen. „Wir haben den Kurs weder runter- noch später hochgeredet“, versichert Pinger. Aus heutiger Sicht werde die Dramatik der Situation vor ein bis eineinhalb Jahren verkannt. Damals sei nur durch den Dreiklang von Stillhalteabkommen der Banken, einem Solidarpakt der Belegschaft und einer Kapitalerhöhung eine Fortführung des Konzerns ermöglicht worden. „Wir standen vor der Insolvenz“, hebt Pinger hervor.

          „Geringe Umsätze mit Aktien relativieren Kursanstieg“

          Der Kursanstieg habe offenbar auch damit zu tun, daß man an der Börse lange Zeit nicht an einen Sanierungserfolg geglaubt habe. Zuletzt war im Juli 2005 das Gewinnziel (Ebitda) von 500 Millionen auf 350 Millionen Euro abgesenkt worden, ein Ziel, das Karstadt-Quelle erreicht haben dürfte. Außerdem relativierten sich die Kurszuwächse durch die geringen Umsätze an der Börse. Wer jetzt zukaufe, wisse er nicht. Neben den bekannten Anteilseignern (58 Prozent Schickedanz, 7 Prozent Allianz und 5 Prozent Eigenbesitz) gebe es keine Anmeldung von mehr als 5 Prozent. „Aufgrund des Handelsvolumens der letzten Wochen gehe ich aber davon aus, daß auch die restlichen Aktien in Paketen gehalten werden. Wir kennen die Eigentümer allerdings nicht.“ Daher wisse er auch nichts über eventuelle Absichten der Eigentümer.

          Gerüchte über ein eventuelles Delisting von Karstadt-Quelle an der Börse sieht Pinger offenbar recht leidenschaftslos. „Wir brauchen die Börse derzeit nicht“, stellt er pragmatisch fest. Eine Börsennotierung habe zwar den Vorteil, daß die Veröffentlichungspflichten einen Vorstand immer wieder zwängen, sich selbst Rechenschaft abzulegen. „Aber gebraucht wird die Börse nur in einer Expansionsphase, in der man Geld benötigt. Karstadt-Quelle hat aber nicht die Absicht, kurzfristig den Kapitalmarkt anzuzapfen, und braucht daher kurzfristig auch keine Börsenöffentlichkeit.“ Daraus aber zu schließen, der Vorstand liebäugele mit einem Rückzug von der Börse oder habe gar entsprechende Aufträge erteilt, sei absolut falsch.

          Der Einzelhandelskonzern hat im vergangenen Jahr 15,7 Milliarden Euro umgesetzt. In diesem Jahr sollen es nach Unternehmensangaben zwischen 17 und 18 Milliarden Euro werden. Die jetzigen Arbeitsplätze seien bei dieser Entwicklung sicher.

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