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Handel : Ihre Quelle ist längst versiegt

  • -Aktualisiert am

Ruth Piskol und ihr Quelle-Shop Bild: Wolfgang Eilmes

Mit dem Ende von Quelle werden auch die 1500 Quelle-Shops verschwinden. Die Händlerin Ruth Piskol hat ihren kleinen Laden in Frankfurt schon im Juni aufgegeben. Das Ende ihres Shops begann, als sich Quelle und Neckermann trennten. Jan Hauser hat sie in ihrem ehemaligen Geschäft besucht.

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          Als sich Quelle und Neckermann trennen, ist das der Anfang vom Ende für ihren Quelle-Shop. Dabei mag Ruth Piskol ihren kleinen Laden in Frankfurt; sie bedient ihre Kunden gerne und nimmt viel Arbeit für wenig Geld in Kauf. In ihr Geschäft im Erdgeschoss eines Wohnhauses kommen die Menschen, um Quelleartikel zu bestellen - wenn sie jedoch nichts finden, bietet Piskol ihnen Produkte von Neckermann an. Und umgekehrt verweist sie auf Quelle, wenn einer bei Neckermann ordern möchte, dort aber das Gewünschte nicht sieht.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Keiner soll sie mit leeren Händen verlassen müssen. "Das ist für mich verkaufen." Doch das Geben und Nehmen endet, als Quelle ihr verbietet, weiter Produkte des nun konkurrierenden Neckermann-Unternehmers zu verkaufen. Damit sinkt ihr Umsatz so sehr, dass sich das Geschäft nicht mehr rechnet. Sie trennt sich von dem Quelle-Shop und kündigt, bevor der Mutterkonzern seine große Not bekanntgibt.

          Die Shops funktionieren nach dem Provisionsprinzip

          Schon das Sanierungskonzept von Klaus Hubert Görg, dem Insolvenzverwalter der Arcandor-Gruppe, zu der Quelle gehört, sah einen deutlichen Kahlschlag für die 1500 Quelle-Shops vor. Ein Drittel sollte geschlossen werden. Das ging den potentiellen Käufern nicht weit genug. In den Verhandlungen verlangten alle Bieter, den Flächenvertrieb vollständig aufzugeben. Doch zu einer Übernahme wird es nicht mehr kommen. Insolvenzverwalter und Gläubigerausschuss sehen keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland. Damit werden auch die Geschäfte von der Bildfläche verschwinden.

          Die Quelle-Shops funktionieren nach dem Provisionsprinzip. Jeder Betreiber erhält ein Zehntel der Summe, die er für seine Kunden von Quelle bestellt. Von 2004 bis 2008 ändern sich Piskols Provisionen nicht stark, sie liegen brutto im niedrigen fünfstelligen Bereich. In den ersten Monaten dieses Jahres zeichnet sich jedoch ab, dass sie wahrscheinlich um fast die Hälfte sinken würden. Zudem verdient Piskol an Bestellungen für Neckermann, Avon und Weltbild und verkauft allerlei Kleinkram wie Wolle, Windlichter oder Vasen. Die Einnahmen daraus liegen deutlich unter ihren Quelleprovisionen; sind jedoch ein gutes Zubrot. Ihre festen Kosten wie Miete und Strom sowie Ausgaben für Banken, Versicherungen und Werbung summieren sich auf etwa 1000 Euro. So arbeitet sie 50 bis 60 Stunden in der Woche und kommt auf einen Verdienst, der wohl einem 400-Euro-Job entspricht.

          Quelle verbietet ihr jedoch, von Januar 2009 an weiter mit Neckermann zu handeln. Dadurch fehlen ihr diese Einnahmen. Auch kommen weniger Kunden zu ihr und sie verkauft weniger, meint Piskol. "Die festen Kosten konnte ich gerade noch zahlen, aber ansonsten hatte ich keinerlei Verdienst mehr." Deswegen kündigt sie im Dezember 2008. Für 2009 war das Minus schon absehbar. Sie fragt Quelle noch, ob sie statt des Quelle-Shop eine Bestellannahme betreiben dürfe. Dann bekäme sie zwar eine niedrigere Provision, aber dürfte weiter Artikel von Neckermann verkaufen. "Lasst mir doch mein Leben", bittet sie. Aber die Geschäftsleitung habe das abgelehnt. Darüber ist sie noch heute enttäuscht: Dass Quelle ihr nicht hilft, obwohl sie sich immer für das Geschäft eingesetzt und Loyalität zu Quelle gezeigt hat.

          Die Nöte zeichnen sich schon lange ab

          2003 übernimmt sie das Geschäft in Frankfurt-Griesheim mit ihrem Mann, der als Unternehmensberater arbeitet. Zuvor war sie mehr als 20 Jahre im Einzelhandel tätig. Als sie betriebsbedingt gekündigt wird, ist sie fast 50 Jahre alt und findet keinen neuen Arbeitsplatz. Sie bewirbt sich um einen Quelle-Shop, und Quelle erlaubt es ihr.

          Im Laufe der Zeit bürdet Quelle den Läden immer mehr auf. Für ein neues Computersystem müssen die Shopbetreiber zeitweise monatliche Beiträge zahlen. Außerdem kommen auf einmal Kunden mit Quelleartikel zu Piskol, die sie gar nicht bei ihr bestellt hatten, aber ihr trotzdem zur Retour geben. Dies hatte der Versandhändler den Kunden zuvor mitgeteilt, ohne dass Piskol davon erfuhr. Das Bearbeiten der Retouren soll sie zusätzlich erledigen. Es bringt ihr ein wenig Mehraufwand und nicht mehr Umsatz, aber es soll Quelle Geld sparen. Ruth Piskol macht mit - aus Loyalität zu Quelle.

          In welchen Nöten das Versandunternehmen steckt, zeichnet sich schon länger ab. Ruth Piskol bestellt für einen Kunden einen großen Fernseher und kurz darauf für einen anderen noch einen. Beide sollen bei Quelle im Lager stehen, doch finden ihren Weg nicht zum Kunden. Diese wollen nicht zwei Monate auf einen Fernseher warten und stornieren die Bestellung. Der Fernseher hätte um die 1000 Euro gekostet - womit Piskul eine hohe Provision durch die Finger rinnt, ohne dass sie irgendetwas machen kann. Sie hakt bei Quelle nach. Wir warten, ist die Antwort: Wir sammeln die Bestellungen, und dann irgendwann geht es zum Lieferanten. Quelle hatte die Ware nicht mehr wie früher auf Lager. Klar, dass sich so die Lieferzeit verlängert. Auch Lieferungen von Großgeräten und hochwertigen Möbel dauern länger als geplant, bemerkt Piskol. Damals habe sie das noch nicht mit der finanziellen Lage des Unternehmens verknüpft. Das Ende der Quelle-Shops stimmt Piskol traurig. "Diese Shops fand ich immer als eine Institution für Dörfchen und Gegenden, in denen die Leute keine Chancen haben, herauszukommen oder sich verständlich zu machen." Einer älteren Kundin, die nicht mehr das Haus verlassen konnte, hat sie den Katalog immer vorbeigebracht. Ihr Geschäft suchten meist Menschen ohne Internet, Ausländer und vor allem Stammkunden auf, die seit 30 Jahren bei Quelle gerne gekauft haben.

          Heute arbeitet Piskol als Verkäuferin am Frankfurter Flughafen. Die Hauptsache ist, dass ihre Versicherung bezahlt werde, für die sie zuvor noch 200 Euro im Monat zahlte. "Deswegen ist mir der geringe Stundenlohn egal." Ruth Piskol freut sich jetzt, dass sie nicht nur etwas verdient, sondern auch Geld übrig hat.

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