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Handel : Das Ende von Karstadt-Quelle

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Trübe Aussichten: Der Konzern beharrte zu lange auf Althergebrachtem Bild: AP

An diesem Dienstag ist Stichtag. Dann soll das Insolvenzverfahren über Arcandor eröffnet werden. Es geht um eine der größten Pleiten der Nachkriegsgeschichte. Nun wird wieder getrennt, was nie wirklich zusammengehörte. Eine Analyse von Brigitte Koch.

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          An diesem Dienstag ist Stichtag. Dann soll das Insolvenzverfahren über den Essener Handelskonzern Arcandor eröffnet werden. Es geht um eine der größten Pleiten der Nachkriegsgeschichte. Und es geht um einen Schrecken, der fast kein Ende finden wollte. Um ein an den Nerven zerrendes, demotivierendes Wechselbad der Gefühle, das den zigtausend zu immer weiteren Zugeständnissen bereiten Beschäftigten am Ende kaum mehr zuzumuten war. Denn der Niedergang des Unternehmens, das vor seiner überflüssigen Umbenennung einmal Karstadt-Quelle hieß, zieht sich seit Jahren hin.

          Für das schmachvolle Ende steht eine Galerie von Vorstandsporträts, die einen Ausstellungsraum zum Thema fortgesetztes Missmanagement und Versagen füllen könnten. Selten zuvor haben sich in einem börsennotierten Unternehmen in so kurzer Zeit so viele Manager die Klinke in die Hand gegeben wie in der Unternehmenszentrale im feinen Essen-Bredeney.

          Die Wurzel des Übels reicht weit zurück. Die vor zehn Jahren erfolgte Fusion des Kaufhaus-Konzerns Karstadt mit dem Fürther Versender Quelle war aus der Not geboren. Selbst wenn es eine Strategie für das Zusammengehen gegeben hätte, so ist sie niemals aufgegangen. Synergien zwischen Quelle und der bis vor wenigen Jahren ebenfalls zum Konzern gehörenden Neckermann-Gruppe haben sich nie in Zählbarem niedergeschlagen. Als andere Handelskonzerne begannen, ihre Geschäftsbasis international abzusichern, blieb man in Essen lieber im Lande und beharrte auf Althergebrachtem.

          Trübe Aussichten: Der Konzern beharrte zu lange auf Althergebrachtem

          Thomas Middelhoff - ein Blender

          Spätere Versuche, den mit drastischen Marktanteilsverlusten in den Kerngeschäften kämpfenden Handelskonzern breiter aufzustellen, endeten in einem Sammelsurium von Beteiligungen vom Kaffeehaus über Shoppingkanäle bis zum Golfausrüster. Das hat nicht nur viel Geld gekostet, sondern auch Energien gebunden, die für das Stammgeschäft fehlten. Und für die Verkäufe der vielen Beteiligungsgesellschaften und des gesamten Immobilienbesitzes durch den Blender Thomas Middelhoff galt danach dasselbe: Die Schularbeiten in den Hauptfächern wurden wieder nicht gemacht. Schlimmer noch, der Aufbau des Touristikgeschäftes von Thomas Cook zur neuen Konzernsäule hat so viel gekostet, dass für die Sanierung von Karstadt und Quelle nicht mehr genug da war.

          Jetzt steht ein abgemagertes Unternehmensgerippe bar jeder Substanz da. Ein Unternehmen, aus dem jeden Tag deutlich mehr Geld rausfließt als hineinkommt. Ein Unternehmen, das um Staatshilfe betteln musste, diese mit Verweis auf hausgemachte Probleme konsequenterweise aber nicht erhielt. Ein Unternehmen, dessen tragende Geschäftsmodelle Warenhaus und Universalversand sich wegen des sich rasch und nachhaltig ändernden Konsumverhaltens nachwachsender Generationen dem Ende nähern.

          Hat es jemals so prominente Kollateralschäden gegeben wie bei dem Fall von Arcandor? Wohl kaum. Erinnert sei an die Pleiten der früheren Arcandor-Tochtergesellschaften Hertie, Sinn Leffers oder Wehmeyer oder das Schicksal der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, die leider den falschen Leuten vertraut hat. Sie verließ sich auf angestellte Manager, die sie ausgenommen haben und durch deren Versagen sie ihr Milliardenvermögen verloren hat.

          Auch am Niedergang des Bankhauses Sal. Oppenheim, Europas größter Privatbank, ist Arcandor nicht ganz unschuldig. Bis zuletzt haben die glücklosen Bankiers um die Vermeidung der Insolvenz und damit des Verlustes ihres Anteils an Arcandor gekämpft. Doch selbst wenn sie - wie von der Politik gefordert - dem schlechten noch gutes Geld hätten hinterherwerfen wollen, sie hätten es nicht mehr gekonnt.

          Der Schlussverkauf beginnt

          Nun kommt es zum ganz großen Schlussverkauf. Es wird wieder getrennt, was nie wirklich zusammengehörte. Besonders trübe sind die Aussichten für die Versandhandelsgruppe. Angeblich soll es Interessenten geben, doch ohne tiefe Einschnitte kann es nicht weitergehen. Auch mit neuen Eigentümern wird das überkommene Geschäftsmodell von Quelle nicht besser. Für Karstadt wird die Planinsolvenz und damit der weitgehende Zusammenhalt angestrebt. Es wäre aber illusorisch zu glauben, dass damit eine größere Schließungswelle unrentabler Standorte vermieden würde. Sollte später der Wettbewerber Metro mit seiner Tochtergesellschaft Kaufhof als Investor zum Zuge kommen, käme es zum schon seit Jahren durchgespielten Modell der Deutschen Warenhaus AG. Aber auch damit ginge eine Marktbereinigung einher.

          Ob sich am Ende der zu erwartenden Rodung allerorten einzelne Kerne für einen zukunftsfähigen Neubeginn herausschälen, steht dahin. Eine Erkenntnis ist in den drei Monaten seit dem Insolvenzantrag indessen deutlich geworden: Die Insolvenz hätte es schon vor fünf Jahren geben sollen. Als damals der Konzern am Abgrund stand, waren das Branchenumfeld und die Kapitalmarktverfassung stabiler, der Kreis der Investoren größer und die Sanierungschancen besser. Ein frühes Ende mit Schrecken wäre für das Unternehmen Arcandor, die Eigentümer und die Mitarbeiter besser gewesen als dieser Schrecken ohne Ende.

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