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Handel : Arcandor stellt Nobelkaufhäuser zur Disposition

  • -Aktualisiert am

Vorzeigekaufhaus in Berlin: Das Kadewe Bild: AFP

Dem Handelskonzern Arcandor geht es schlecht. So schlecht, dass sich der Konzernchef Karl-Gerhard Eick sogar von der Crème de la Crème der deutschen Kaufhäuser trennen könnte: Das Kadewe in Berlin, der Oberpollinger in München und das Alsterhaus in Hamburg sollen zur Disposition stehen.

          Der mit beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Essener Arcandor-Konzern steht vor tiefen Einschnitten. Am Sonntag wollte der seit März amtierende Vorstandsvorsitzende Karl-Gerhard Eick dem Aufsichtsrat ein entsprechendes Konsolidierungsprogramm präsentieren, über das er auch umgehend die Öffentlichkeit informieren will.

          Zu den Eckpunkten seines Sanierungsprogramms zählt sowohl im Warenhausgeschäft von Karstadt als auch im Versandhandel von Primondo die Konzentration auf das Kerngeschäft. „Gerade bei Quelle und bei Karstadt müssen wir prüfen, wo wir Geld verdienen und wo nicht“, kündigte Eick gestern in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ an. So stehen nach seinen Worten einzelne Standorte zur Disposition, deren Betriebsgröße, Sortimente oder Zielgruppen nicht zu seinem künftig vor allem auf die Mitte der Gesellschaft abzielenden Warenhaus-Konzept passen.

          Auch das Kadewe gehört dazu

          Dazu gehören offenbar auch die Premiumhäuser Kadewe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg und der Oberpollinger in München. Diese Filialen, die Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff ursprünglich in internationale Allianzen mit Nobelkaufhäusern wie Printemps und La Rinascente einbringen wollte, bedienen das gehobene Segment und sind stark auf teure Markenartikel und Luxusgüter konzentriert. Damit bringen die bisher als die strahlenden Vorzeigefilialen geltenden Häuser im gemeinsamen Einkauf mit den übrigen Karstadt-Filialen nur wenig an Synergien. Einsparpotentiale im Einkauf zu heben, ist indessen ein weiterer Punkt auf der Aufgabenliste des neuen Arcandor-Chefs. Vor allem dürften sich die international renommierten Warenhaus-Marken Kadewe oder Alsterhaus selbst in der gegenwärtigen Situation noch gut zu Geld machen lassen und dringend benötigte Liquidität bringen. Die Immobilien selbst sind nicht Eigentum des Unternehmens. Als Interessenten kämen ausländische Wettbewerber wie beispielweise der finanzstarke spanische Händler El Corte Inglés oder die Wunschpartner der einst von Middelhoff angestrebten Allianz in Frage.

          Arcandor stellt die Nobeladressen zur Disposition

          Im Versandhandel sollen vor allem die Technik-Center von Quelle auf der Streichliste stehen, ist zu hören. Diese noch verbliebenen rund 115 Technik-Läden sind in ihrer Struktur sehr inhomogen und arbeiten seit Jahren mit Verlusten. Marc Sommer, im Arcandor-Vorstand für den Versandhandel zuständig, hatte schon im vergangenen Herbst eine Bereinigung dieses defizitären Geschäftes angekündigt und dabei auch eine mögliche Trennung in Erwägung gezogen.

          „Wir schauen in alle Töpfe“

          Eick, der sich in dem Zeitungsinterview nochmals ausdrücklich zu den drei Konzernsäulen Warenhaus, Versandhandel und Touristik (Thomas Cook) bekennt, benötigt für sein Sanierungskonzept zusätzliche Finanzmittel und hofft auf Unterstützung der Banken (Arcandor sucht schon wieder nach Geld für Karstadt). Ob eine abermalige Kapitalerhöhung erwogen wird - im vergangenen Herbst hatte das Bankhaus Oppenheim für eine Finanzspritze gesorgt - wollte der Unternehmenssprecher am Sonntag nicht kommentieren. Im Juni steht für den mit 2,6 Milliarden Euro hoch verschuldeten Konzern die nächste Bankenrunde an, in der es um die Refinanzierung einer Kredittranche von 650 Millionen Euro geht. Bei Arcandor wurde bereits vor Tagen eingeräumt, dass Eick Gespräche in Berlin geführt hat, um alle Optionen staatlicher Förderprogramme und Hilfen zu sondieren. „Um die 86.000 Arbeitsplätze zu erhalten, schauen wir in alle Töpfe“, heißt es in Essen. Man hielte es für fahrlässig, die Unterstützung der Öffentlichen Hand von vornherein auszuschließen.

          Mit der Konzentration auf die Kerngeschäfte und der Abgabe von Standorten und nicht mehr passender Aktivitäten wird es zwangsläufig zu einem weiteren Arbeitsplatzabbau bei den Essenern kommen. Derzeit sind in den 92 Warenhäusern und im Versandhandel rund 52.000 Mitarbeiter beschäftigt. Vermeiden will Eick angeblich betriebsbedingte Kündigungen. „Bei der Telekom haben wir die Umstrukturierung ohne betriebsbedingte Kündigungen geschafft. Das streben wir auch bei Arcandor an“, sagte der langjährige Finanzchef der Deutschen Telekom der „Bild am Sonntag“. Im Rahmen des mit der Gewerkschaft Verdi geschnürten sogenannten Zukunftspakts haben die Mitarbeiter bereits beträchtliche Zugeständnisse beim Gehalt gemacht. Das Programm sieht in den nächsten drei Jahren Einsparungen von rund 345 Millionen Euro vor.

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