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Handel : Arcandor fordert Luft für Verhandlungen mit Metro

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Sanierungsfähig oder nicht: Unter Wirtschaftsprüfern gehen die Meinungen über die Aussichten für den angeschlagenen Arcandor-Konzern und seine Warenhaus-Tochtergesellschaft Karstadt auseinander Bild: AP

Nachdem Arcandor staatliche Hilfen in Höhe von 437 Millionen Euro beantragt hat, gehen unter Wirtschaftsprüfern die Meinungen stark auseinander. Ist Arcandor sanierungsfähig oder nicht? Klar ist: Eine Insolvenz hätte nicht nur Folgen für Arcandor selbst, sondern zum Beispiel auch für die Deutsche Post.

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          Mit der Zuspitzung der Lage bei dem in Finanznöten steckenden Essener Arcandor-Konzerns dürfte die Warenhausallianz aus den beiden Unternehmen Karstadt und Kaufhof rasch Konturen gewinnen. Wie am Freitag in Essen verlautete, würde der als staatliche Rettungsbeihilfe beantragte Kredit über 437 Millionen Euro dem Arcandor-Management Luft verschaffen, in gemeinsamen Gesprächen mit dem Düsseldorfer Metro-Konzern ein betriebswirtschaftlich sinnvolles und konstruktives Konzept zu erarbeiten.

          Mit dem Notkredit, über den jetzt sehr zeitnah entschieden werden soll, wäre die notwendige Liquidität für die nächsten sechs Monate gesichert. Damit bleibt dem Arcandor-Konzern ausreichend Zeit, an dem inzwischen offenbar auch von politischer Seite gewollten Entwurf einer Deutschen Warenhaus AG mitzuarbeiten. Nach einem ersten Treffen zwischen Metro-Chef Eckhard Cordes und dem Arcandor-Vorstandsvorsitzenden Karl-Gerhard Eick vor gut zwei Wochen war man sich zwar im Grundsatz darüber einig, dass eine Allianz ein vernünftiger Weg für die Warenhäuser in Deutschland sein könnte. Eick wollte aber stets „auf Augenhöhe“ verhandeln. Eine Insolvenz von Arcandor sollte nicht die Voraussetzung sein.

          Die beantragte Bürgschaft über 650 Millionen Euro, über die am kommenden Montag der Lenkungsrat der Staatssekretäre aus Wirtschafts- und Finanzministerium sowie dem Kanzleramt entscheiden soll, bleibt nach Mitteilung von Arcandor von dem Antrag auf Rettungsbeihilfe zunächst unberührt. Allerdings gelten die Chancen auf die Gewährung nach dem Veto der Europäischen Union und äußerst kritischen Äußerungen unter anderen von Bundeskanzlerin Angela Merkel als sehr gering.

          Ein im Auftrag der Bundesregierung erstelltes Gutachten der Prüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC), das die von Arcandor eingereichten Zahlen und Konzepte bewertet, sieht die Übernahme eines Bürgschaftsengagement mit deutlichen Risiken behaftet. Die Restrukturierungsansätze könne man zwar als weitgehend plausibel nachvollziehen. Sie müssten aber in einem sehr schwierigen und von hoher Wettbewerbsintensität gekennzeichneten Marktumfeld umgesetzt werden, heißt es. Hinzu komme, dass der Konzern nach den Restrukturierungsaktivitäten der vergangenen Jahre mittlerweile praktisch über keine freie Substanz mehr verfüge, um etwaige Fehlentwicklungen zumindest in begrenztem Umfang zu kompensieren. Mögliche weitere Desinvestitionen könnten unter Umständen zu beträchtlichen Buchverlusten und damit entsprechendem Kapitalverzehr führen, schreiben die Prüfer in einer kurzen Zusammenfassung. Ein weiteres, im Auftrag der kreditgebenden Banken von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG erstelltes Gutachten, das das unter Mithilfe von Roland Berger erarbeitete Sanierungskonzept für die nächsten fünf Jahre unter die Lupe genommen hat, hält den Essener Konzern grundsätzlich für sanierungsfähig. Voraussetzung sei aber, dass die Finanzierung des Konzept sichergestellt ist und alle Beteiligten – wie im Sanierungskonzept vorgesehen – ihren Beitrag leisten.

          Auf Initiative der Betriebsräte und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wollen die Mitarbeiter von Karstadt in der Nacht von Sonntag auf Montag und am frühen Montagmorgen vor vielen Filialen Mahnwachen einrichten. Einige Filialen wollen ihre Schaufenster zudem mit Packpapier zukleben. Damit soll schon einmal ein Eindruck vermittelt werden, wie es bei einem Aus für das Unternehmen in den prominenten Innenstadtlagen aussehen könnte.

          Auch die Deutsche Post bekäme die Folgen einer Arcandor-Pleite zu spüren. Die Karstadt-Kaufhäuser und der Versandhändler Quelle gehören in Deutschland zu den größten Kunden. Die Post betreibt für Arcandor die Lagerhaltung, stellt Pakete an Versandhandelskunden zu und beliefert die Warenhäuser mit Nachschub für die Regale. Rund 4000 Arbeitsplätze des Bonner Konzerns hängen davon ab, sagte ein Unternehmenssprecher. Die meisten der Beschäftigten waren 2005 zur Post gekommen, als diese große Teile der Konzernlogistik von Karstadt-Quelle übernahm. Gleichzeitig schloss die Post einen Zehn-Jahres-Vertrag über den Logistikauftrag ab, dessen Umsatzvolumen seinerzeit mit mehr als fünf Milliarden Euro angegeben wurde.

          Umsatzeinbußen der Post scheinen in jedem Fall unvermeidlich zu sein, denn eine Sanierung von Arcandor ohne die Schließung eines Teils der Warenhäuser ist undenkbar. Zudem droht eine Nachverhandlung der Vertragskonditionen, bei der die Post möglicherweise Preiszugeständnisse machen muss. Das gilt vor allem dann, wenn es zu einem Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof kommen sollte.

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