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Konzert- und Ticketingriese : Eventim baut neue Arena und blickt nach Asien

Corona-konform auf Abstand: Rund 6000 Zuschauer waren Ende Juni zum Konzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne zugelassen. Bild: dpa

Der M-Dax-Konzern rüstet weiter auf für die Zeit nach Corona. Die hiesige Konzertbranche diskutiert derweil über den Umgang mit Geimpften, Genesenen & Getesteten – und die Rückkehr zu vollen Venues.

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          Sollen Konzerte nur für Geimpfte möglich sein? Die Debatte ist in Deutschland kürzlich abermals aufgeflammt, während es in den USA solche Shows schon seit einiger Zeit gibt. Auch in Großbritannien will die Regierung von September an einen Impfnachweis zur Voraussetzung für den Konzertbesuch machen.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Motivation für den ursprünglichen Vorstoß von Jens Michow, dem geschäftsführenden Präsidenten des Branchenverbands BDKV, liegt auf der Hand: Zwar gibt es wie schon im Sommer 2020 diverse pandemietaugliche Formate wie etwa Picknickdecken- oder Strandkorbkonzerte. Mitunter sind sie auch etwas größer als im vergangenen Jahr und immerhin ergibt sich so ein wenig Arbeit für die diversen Dienstleister und eine Bühne für Kultur. Ein tragfähiges Geschäftsmodell stellen solche Formen für Veranstalter in dem ohnehin nicht gerade margenstarken Segment auf Grund von Abstands- und Hygieneregeln allerdings kaum dar. Für einen echten Neustart brauche es voll auslastbare Kapazitäten, also Konzerte ohne Abstand – zur Not eben zunächst nur für Geimpfte.

          Neu ist der Kern der Forderung keineswegs. Klaus-Peter Schulenberg, der Chef des Veranstaltungs- und Ticketingriesen CTS Eventim hatte schon Anfang Februar gesagt: „Wenn einmal alle die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen, ist es eine individuelle Entscheidung. Dann sollten privatwirtschaftliche Veranstalter einen Impfnachweis zur Zugangsvoraussetzung machen können.“ Schon darüber, wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, lässt sich natürlich streiten. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärte Schulenberg Anfang Juli, er hoffe, „dass wir im vierten Quartal Indoor-Konzerte mit voller Kapazität ohne Abstand und Maske sehen werden.“ Voraussetzung hierfür sei bis aus Weiteres die 3-G-Regel.

          Standard 3-G-Regel

          Diese ist hierzulande derzeit Standard für die diversen kleineren Konzert-Formate. Auf ihrer Basis sind etwa in Österreich hingegen schon seit dem 1. Juli grundsätzlich wieder Veranstaltungen ohne Abstandsregel und Kapazitätsbeschränkungen möglich – wobei dort neben Antigen-Schnelltests oft auch PCR-Gurgeltests genutzt werden. Am Mittwoch forderte entsprechend der deutsche Verband der Musikspielstätten, Livekomm, unter anderem ab dem 1. Oktober eine 100-prozentige Auslastung von Clubs mit Genesenen, Geimpften oder Personen mit negativem PCR-Testergebnis zu ermöglichen. Das von einer Eventim-Gesellschaft für August geplante Frequency-Festival mit 55.000 Besuchern wurde in Österreich in des unter Verweis auf die Delta-Variante und auch die zahlreichen Ansteckungen auf einem Festival in Utrecht kürzlich dennoch abgesagt. Die Unsicherheit für die vielschichtige Branche ist folglich weiterhin hoch, weshalb der Großteil der einmal geplanten internationalen Touren ohnehin längst auf 2022 verschoben ist.

          Eine Visualisierung der in Mailland geplanten Halle
          Eine Visualisierung der in Mailland geplanten Halle : Bild: CTS EVENTIM/Arup

          Der M-Dax-Konzern verweist derweil schon seit Beginn der Pandemie auf liquide Mittel im hohen dreistelligen Millionenbereich – und stellt die Weichen für die Zeit nach der Pandemie. Ein Baustein soll eine neue Multifunktionshalle in Mailand werden. Die nach Eventim-Angaben „größte und modernste“ Arena Italiens entstehe im Rahmen des Stadtentwicklungsprogramms Milano Santa Giulia und soll eine Kapazität von bis zu 16 000 Zuschauern haben sowie über ein großes Außengelände verfügen. Die Investitionssumme für das Projekt bezifferte Eventim auf rund 180 Millionen Euro. Als Baubeginn ist Herbst 2022 vorgesehen.

          Die Arena solle Anfang 2026 das IOC für die olympischen Winterspiele nutzen, danach übernehme Eventim. Der Konzern betreibt mit der Lanxess Arena, der Berliner Waldbühne oder auch dem Apollo in London schon einige prominente Spielstätten selbst. Die Mailänder Arena werden „ein must-play für alle großen Tourneen sein und wir werden zudem durch die vier italienischen Veranstalter in unserem Promoter-Netzwerk Eventim Live der Region rund um Mailand und darüber hinaus absolute Top-Events aus dem Eventim-Portfolio in unserer eigenen Arena bieten können“, ließ sich Schulenberg zitieren.

          102 Millionen Euro aus November- und Dezemberhilfe

          Neben den selbst betriebenen Spielstätten gehören mehr als 30 Veranstalter zum Netzwerk des Konzerns – darunter Größen wie FKP Scorpio, Semmel Concerts oder die Peter Rieger Konzertagentur. Dazu kommen die Ticketing-Plattformen, über die vor der Pandemie rund 250 Millionen Karten verkauft wurden, der Großteil im Auftrag von Veranstaltern außerhalb des Konzerns. Nach der Gründung eines Joint Ventures in Amerika, dem Heimatmarkt des weltgrößten Konzert- und Ticketing-Unternehmens Live Nation, Anfang 2020 will Eventim zudem baldmöglichst auch in Asien angreifen. Mit Jason Miller leitet der ehemalige Live-Nation-Verantwortliche für Touren in Asien und im Nahen Osten das kürzlich gestartete Gemeinschaftsunternehmen Eventim Live Asia mit Sitz in Singapur. Live Nation seinerseits will 2022 in Deutschland eine Ausgabe des britischen Download-Festival veranstalten. Die von Marek Lieberberg geführte Dependance gab jüngst einen Termin für Ende Juni auf dem Hockenheimring bekannt.

          Der Konzern, zu dem auch die Plattform Ticketmaster gehört, hat am Dienstag Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt, die einmal mehr die unterschiedliche Lage für die Branche in Amerika und Europa unterstreichen. Der Umsatz stieg im Vergleich zum freilich stark von der Pandemie betroffenen Vorjahresquartal um 677 Prozent auf 575,9 Millionen Dollar. Einnahmen aus dem Ticketverkauf noch nicht stattgefundener Shows mitberücksichtigt, waren es 2,1 Milliarden Dollar. Eventim veröffentlicht erst Ende August die Halbjahreszahlen. 2020 stand insgesamt ein Umsatz in Höhe von 256,8 Millionen Euro zu Buche, nach 1,44 Milliarden Euro in 2019. Anfang Juli erklärte der Konzern, 102 Millionen Euro an November- und Dezemberhilfen erhalten zu haben.

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