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France Telecom : Früherer Konzern-Chef nach Suizidfällen wegen Mobbings verurteilt

Der ehemalige France-Telekom-Chef Didier Lombard wird von Polizisten bewacht. Bild: AFP

Nach einer Vielzahl von Selbstmorden ist der ehemalige Chef von France Telecom wegen Mobbings und „moralischer Belästigung“ zu einem Jahr Haft verurteilt worden. Auch der Konzern muss eine Geldstrafe zahlen.

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          Dieses Urteil wird in der Unternehmenswelt aufhorchen lassen: Die drei ehemals höchsten Manager des französischen Konzerns France Télécom tragen eine Mitschuld an Dutzenden von Selbstmorden in ihrem Unternehmen. Das entschied am Freitag ein Strafgericht in Paris. In dem Prozess ging es um die Auswirkungen von Sparplänen, die die Angeklagten France Télécom vor rund zehn Jahren verordnet hatten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Selbstmorde von 35 Beschäftigten wurden untersucht. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der Tatbestand des „Mobbing“ („harcèlement moral“) vorliege, auch wenn die Spitzenmanager nicht in direktem Kontakt mit den Opfern standen. Sie hätten bewusst ein System errichtet, das die Beschäftigten unter hohen Druck setzte. „Die Führungskräfte entschieden sich für eine Politik, die einem Gewaltmarsch gleich kam“, sagte die Vorsitzende Richterin Cécile Louis Loyant.

          Dabei hätten die Manager die „latente Anfälligkeit“ des Personals nicht ignorieren dürfen. „Die gewählten Mittel zum Erreichen von 22.000 Eigenkündigungen waren verboten“, urteilte das Gericht. Die Verurteilten hätten auf ihre Untergebenen gezielt Druck ausgeübt, den diese in der Hierarchie weitergeben sollten. „Es handelte sich um eine konzertierte Aktion mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verschlechtern, damit sich die Abgänge beschleunigen“. Das Topmanagement wollte „ein Klima der Angst schaffen“.

          Hoher Wettbewerbsdruck der France Télécom

          Der damalige Vorstandsvorsitzende Didier Lombard, sein Stellvertreter Louis-Pierre Wenès und der Personalvorstand Olivier Barberot erhielten jeweils Haftstrafen von vier Monaten. Die Gesamtstrafen betrugen für jeden einzelnen von ihnen 12 Monate Haft, davon 8 Monate auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 15.000 Euro. Das Gericht ging damit bis an die Höchstgrenzen.

          Das Unternehmen France Télécom, das seit 2013 Orange heißt, wurde zu einer Geldstrafe von 75.000 Euro verurteilt. Der ehemalige Konzernchef Lombard kündigte Berufung gegen das Urteil an. „Dieses Urteil ist ein kompletter Rechtsirrtum, es handelt sich um eine politische Analyse und eine demagogische Politik“, sagte sein Anwalt Jean Veil am Freitag.

          Die Verteidigung wies daraufhin, dass France Télécom Mitte des vergangenen Jahrzehnts unter hohem Wettbewerbsdruck gestanden habe. Der ehemalige Staatsmonopolist, der noch einen hohen Anteil von Beamten in der Belegschaft hatte, sah sich „aggressiven“ Konkurrenten gegenüber sowie „extrem schnellen technologischen Entwicklungen“. France Télécom sei überschuldet und in seiner Existenz gefährdet gewesen.

          Personalabbau musste freiwillig erfolgen

          Zum Personalabbau gab es somit keine Alternative. Aufgrund des Beamtenrechts sei die Verabschiedung eines klassischen Sozialplanes jedoch nicht möglich gewesen. Der Personalabbau musste alleine auf freiwilliger Basis erfolgen. Zwei Sparpläne namens „Next“ und „Act“ hatten zwischen 2007 und 2010  das Ziel die Belegschaft von etwa 120.000 Personen um 22.000 Stellen zu verringern und zu 10.000 Versetzungen zu führen.

          Diese Restrukturierungspläne hatten auf den verschiedenen Hierarchiestufen indes teilweise dramatische Auswirkungen. Aus Sicht der Gewerkschaften und der Staatsanwaltschaft handelte es sich um „Mobbing von oben“. Mitarbeitern wurden von einem auf den anderen Tag ganz neue Aufgaben zugewiesen, andere hatten gar keine Arbeit mehr; als Alternativen wurde teilweise ein Job in einem Call-Center oder in einer Boutique für den Handy-Verkauf angeboten. Vorgesetzte wurden daran gemessen, wie viel Stellenabbau sie schafften.

          Für den Druck von oben gab es konkrete Belege. Der damalige Konzernchef Lombard sagte in einer Besprechung nach Zeugenaussagen: "Ich drücke die Stellenstreichung durch. Die Leute gehen durch die Tür oder fliegen durchs Fenster raus." Der damalige Personalchef Barberot soll die Vorgesetzten angehalten haben, sich "psychologischer Mechanismen" zu bedienen, die zur "Lust, ein neues Leben anzufangen" führen. Gezielte "Frustration" war offenbar das Ziel. Für manche war das zu viel. Mehrere Selbstmörder hinterließen Abschiedsbriefe, in denen sie France Télécom direkt verantwortlich machten.

          Orange verzichtet im Gegensatz zu Ex-Konzernchef Lombard auf eine Berufung. Das Unternehmen hat eine auch mit den Gewerkschaften abgestimmte Kommission gegründet, welche die Selbstmordfälle untersucht und über Schadensersatzleistungen entscheidet. Damit sollen lange gerichtliche Auseinandersetzungen vermieden werden, teilt das Unternehmen mit. Orange hat nach eigenen Angaben gezielte Maßnahmen gegen psychologische Belastungen am Arbeitsplatz eingeführt. Mehr als 1000 Beschäftigte seien in dem Unternehmen heute offiziell mit der Vermeidung psychologischer Risiken beauftragt. Rund 40 Prozent der Belegschaft des Telekomanbieters sind heute noch Beamte.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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