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Wirtschaftskrise : Härtetest für die Banker

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Wir sind stark genug für die Corona-Rezession, sagen Deutsche Bank und Commerzbank. Aber die wahre Gefahr kommt erst noch.

          5 Min.

          Der Vorstand der Commerzbank wollte es genau wissen: Einen ganzen Nachmittag lang saß die Führungsriege von Deutschlands zweitgrößter privater Bank dieses Frühjahr zusammen und ackerte gemeinsam die Kreditunterlagen von Dutzenden wichtiger Unternehmenskunden durch, die dem Institut Geld schulden und als Wackelkandidaten angesehen werden. „Wir sind das Fall für Fall durchgegangen“, sagt Marcus Chromik, Chief Risk Officer der Commerzbank.

          Normalerweise geht Risikomanagement anders, die Banker stützen sich dabei üblicherweise stark auf Computermodelle. „Aber in der Corona-Krise versagen die Prognosemodelle, weil sie eben so einzigartig ist“, sagt der Commerzbank-Vorstand Chromik. Deshalb werde jetzt verstärkt Einzelfallanalyse betrieben. Im Vergleich zur globalen Finanzkrise, die vor zwölf Jahren nach dem Kollaps von Lehman Brothers losbrach, sei die Corona-Krise „intellektuell viel anspruchsvoller“, findet der promovierte Physiker.

          Die Pandemie und wie sie sich durch die Wirtschaft frisst – das ist Neuland für die Banker. „Noch nie dagewesene Herausforderungen“ müssten die Kreditinstitute meistern, so warnte kürzlich die europäische Bankenaufsicht EBA. Der Industriestaatenverbund OECD veröffentlichte soeben eine weitere düstere Prognose: Um mindestens 6 Prozent werde die globale Wirtschaftsleistung dieses Jahr einbrechen. Das ist doppelt so viel wie der Internationale Währungsfonds Mitte April schätzte – ein Absturz von epochalem Ausmaß, wie es ihn seit fast einem Jahrhundert nicht gegeben hat und der noch vor wenigen Monaten undenkbar erschien. Im Vergleich dazu war die Rezession nach der Weltfinanzkrise ein Sturm im Wasserglas.

          Für die Banken bedeutet das natürlich nichts Gutes: Anders als 2008 sind sie dieses Mal zwar nicht Ausgangspunkt und Verursacher der Krise, aber sie könnten trotzdem zu Opfern werden. Wenn Millionen Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren und ihre Ratenkredite und Hypotheken nicht mehr zahlen können, wenn Hunderttausende Unternehmen – vom Mittelständler bis zum Großkonzern – in Existenznot geraten, Zins und Tilgung nicht mehr bedienen, dann drohen den Instituten hohe Abschreibungen auf ihre Forderungen.

          Milliardenschwere Corona-Risikovorsorge

          Schon jetzt sind die Schäden groß. Im ersten Quartal, das ja nur zum Teil von der Seuche betroffen war, haben führende Banken global rund 80 Milliarden Dollar an Rückstellungen für befürchtete Kreditausfälle gebildet. Allein die drei amerikanischen Bankenriesen JP Morgan, Citigroup und Bank of America stellten dafür insgesamt 20 Milliarden Dollar zurück. Auch europäische Institute wie Santander, HSBC und Barclays legten jeweils Milliarden für den erwarteten Corona-Crash in ihren Kreditbüchern zurück. Doch das ist erst der Anfang.

          Viele Banken in Europa gehen mit Ballast in die Krise: Jetzt rächt es sich, dass es ihnen in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, profitabler zu werden und ihre Altlasten abzuräumen. Ende 2019 ächzte der Bankensektor der Eurozone unter Problemkrediten von mehr als einer halben Billion Euro. Fast die Hälfte der Institute verdiente noch nicht einmal ihre Kapitalkosten.

          Und wie steht es im Corona-Sturm um die deutschen Banken? Die Ertragslage war jedenfalls schon alarmierend, bevor die Seuche kam. In keinem Land der Eurozone war die Profitabilität der Branche 2019 so gering wie in Deutschland. Dennoch sagt Commerzbank-Vorstand Chromik, sein Haus habe genügend Reserven, um diesen Härtetest durchzustehen. „Unsere Eigenkapitalausstattung ist sehr auskömmlich, damit können wir viel abpuffern“, versichert er. Während der Weltfinanzkrise musste der Staat die Commerzbank retten und ist bis heute ihr größter Aktionär. Noch mal, so die Botschaft von Chromik, sollen die deutschen Steuerzahler die Commerzbank nicht raushauen müssen.

          Noch offensiver ist der Branchenprimus Deutsche Bank: Weitere 800 Millionen Euro an Vorsorge für Kreditverluste werde man im laufenden Quartal bilden, kündigte die Bank vergangene Woche an. Das ist zwar der höchste Betrag seit mehr als einem Jahrzehnt, aber zugleich wenig im Vergleich zu vielen europäischen und amerikanischen Wettbewerbern. Noch wichtiger war deshalb eine andere Zusicherung: Im zweiten Halbjahr rechnet die Deutsche Bank mit sinkenden Belastungen durch Corona. Das Geldhaus kämpft wie die Commerzbank seit Jahren mit großen Problemen und ist nur noch ein Schatten früherer Jahre.

          „Deutschland meistert die Krise besser als fast jedes andere Land“

          Die Börse konnten die Deutschbanker mit ihrer forschen Ansage erst einmal überzeugen: Die Aktie des Geldhauses legte nach der Ankündigung einen Kurssprung hin. Im Gespräch mit der F.A.S. versichert Stuart Lewis, der für das Risikomanagement verantwortliche Vorstand der Deutschen Bank: „Wir haben genügend Kapital, um schwere Krisen durchzustehen.“ Die derzeit absehbaren Belastungen könne die Deutsche Bank wegstecken, ohne ihre Eigenkapitalbasis übermäßig zu schwächen. Man könne dabei in Kauf nehmen, dass die angestrebte harte Kapitalquote von 12,5 Prozent „vorübergehend geringfügig“ unterschritten werde. Operative Hiobsbotschaften gebe es nicht, sagt Lewis: „Im zweiten Quartal entwickelt sich das Geschäft weiterhin ordentlich.“

          Zur Wahrheit gehört aber auch: Wie schon während der Finanzkrise profitieren die Banker auch dieses Mal wieder massiv vom Geld der deutschen Steuerzahler, wenn auch indirekt. Keine andere Regierung in Europa kann es sich leisten, derartig gewaltige Summen im Kampf gegen die Corona-Rezession aufzubieten wie die in Berlin. Aber wenn die Politiker Dax-Konzerne wie die Lufthansa retten und vielen tausend Mittelständlern unter die Arme greifen, dann hilft das auch deren Gläubigerbanken.

          Stuart Lewis sagt ganz offen, dass in der Krise der Heimatmarkt zum Standortvorteil geworden sei: „Zum Glück liegen fast 50 Prozent unseres Kreditbuchs in Deutschland, das diese Krise besser meistert als fast alle anderen Länder. Das kommt auch uns zugute.“ Die Bundesrepublik sei in der Pandemie „zum Vorbild geworden“, findet der Schotte.

          Von der Betonburg der Bundesbankzentrale im Frankfurter Norden aus hat Joachim Wuermeling die Bürotürme des deutschen Finanzzentrums gut im Blick. Er ist im Vorstand der Zentralbank für die Bankenaufsicht verantwortlich. „Die deutschen Banken sind gut kapitalisiert in die Corona-Krise gegangen“, sagt Wuermeling und nennt Zahlen: Die Bundesbank schätzt, dass die Institute, wenn es schlecht läuft, 100 Milliarden Euro an Kreditverlusten erleiden werden. Aber auch solche hohen Belastungen könne die Branche verkraften, versichert Wuermeling.

          Andere Fachleute halten die Lage allerdings für deutlich brenzliger als der Bundesbanker. Die Ökonomen der OECD mahnen, die Bundesregierung sollte sich für den Notfall vorbereiten, die ertragsschwachen deutschen Banken mit zusätzlichem Kapital auszustatten. Sascha Steffen, Professor an der Frankfurt School of Finance, schätzt, dass die Kreditinstitute hierzulande „einen deutlich zweistelligen Milliardenbetrag“ an Eigenkapital benötigen könnten. Europaweit drohe im Bankensektor eine Kapitallücke von mindestens 200 Milliarden. Steffen wirbt für eine breit angelegte staatliche Rekapitalisierung, ähnlich wie das die Regierung in Washington während der Weltfinanzkrise erfolgreich vorgemacht habe. In der Europäischen Zentralbank gibt es derweil Überlegungen zu einer staatlichen „Bad Bank“, die den europäischen Instituten notleidende Kredite abnehmen könnte.

          Für die Banken hat der Corona-Härtetest gerade erst begonnen. „Ganz klar: Es wird Kreditausfälle geben“, sagt der Commerzbank-Vorstand Chromik. „Aber mit einer Zeitverzögerung von drei, sechs oder auch zwölf Monaten.“ Als problematisch gelten in den Banken nicht zuletzt die Zulieferer der Autoindustrie. Abzuwarten bleibt außerdem, ob es im Herbst zu einer Pleitewelle in Deutschland kommt, wenn die vorläufige Lockerung der gesetzlichen Insolvenzpflicht Ende September ausläuft.

          Das Albtraumszenario der Banker

          Für die Banken wird viel davon abhängen, wie lange es dauert, bis sich die Wirtschaft aus der Rezession wieder herausgekämpft hat. Der Exportweltmeister Deutschland ist dabei auf eine Erholung der Weltwirtschaft angewiesen. Die Bundesbank-Volkswirte etwa prognostizieren, dieses Jahr werde die deutsche Wirtschaft um 7 Prozent schrumpfen und 2021 um 3 bis 4 Prozent wachsen. Die Wirtschaft würde also bis Ende nächsten Jahres weniger als die Hälfte der Einbußen wettmachen. Aber je länger sich die Erholung hinzieht, umso mehr Unternehmen werden auf der Strecke bleiben, umso mehr Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren – und umso größer werden die Kreditausfälle der Banken. Auch die amerikanische Notenbank warnte diese Woche, es werde mehrere Jahre dauern, bis die drastisch gestiegene Arbeitslosigkeit in der größten Volkswirtschaft der Welt wieder abgebaut sei.

          „Stand heute rechnen wir nicht mit einer Bankenkrise“, sagt der Bundesbank-Vorstand Wuermeling. „Aber solange wir die Größe des gesamtwirtschaftlichen Schocks durch die Corona-Krise nicht kennen, ist auch keine abschließende Aussage über die Stabilität des Bankensektors möglich.“ Das Albtraumszenario von Bankern und Aufsehern: Es gibt eine zweite Ansteckungswelle, die so heftig ist, dass ein weiterer Lockdown der Wirtschaft notwendig wird. „Dann sähe die Lage anders aus“, sagt Wuermeling.

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