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Haben wir die richtigen Chefs? : „Ich verlange mehr Demut“

Anselm Bilgri Bild: Privat

Anselm Bilgri, Unternehmensberater und ehemaliger Benediktinermönch, über die Skandale der Deutschen Bank, hohe Managergehälter und die Zehn Gebote.

          Herr Bilgri, was hat Sie in diesem Jahr mehr empört: Das 17-Millionen-Euro-Gehalt von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn oder die Serie an Skandalen und Affären bei der Deutschen Bank?

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          So gefragt, die Skandale bei der Deutschen Bank, denn da geht es um ganz andere Summen, wobei beides mit dem Verlust von Bodenhaftung zu tun hat. Das Maßhalten scheint heutzutage schwierig geworden zu sein. In beiden Fällen sind Manager ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.

          Volkswagen und Deutsche Bank sind Ikonen der deutschen Wirtschaft ...

          ... und gerade deswegen stehen sie in einer besonderen Verantwortung. Als Manager solch großer Konzerne hat man eine Vorbildfunktion nicht nur ins eigene Unternehmen hinein und nicht nur gegenüber den Anteilseignern, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Das sehen viele leider nicht. Hybris macht sich breit, und manche Manager sagen: „Wir können alles, wir dürfen alles.“ Dem ist aber nicht so.

          Ist diese Entwicklung überhaupt noch umkehrbar?

          Ich weiß es nicht, denn es müsste ja das ethische Empfinden bei den handelnden Personen selbst gestärkt werden, sprich das Gewissen. Wenn das nicht geht, wenn die sozialen Ungleichheiten größer werden und den Frieden in der Gesellschaft stören, dann muss der Staat eingreifen und manche Fehlentwicklungen stoppen. Im Finanzsektor ist seit der Krise der Ruf nach Erneuerung leider unerhört geblieben. Man hat heute sogar das Gefühl, dass die propagierte Erneuerung von Werten nur auf die materielle Seite dieses Begriffes ausgerichtet ist. Dabei müsste es ein Umdenken geben, ein inneres Umsteuern, einen Wertewandel.

          Stattdessen werden Versicherungsvertreter zu einer Sexreise nach Budapest eingeladen.

          So etwas kommt dann leider vor. Gleichzeitig setzt die Werbekampagne dieser Versicherung auf den Wert „Vertrauen“. Wo soll das denn herkommen bei dem Verhalten der eigenen Mitarbeiter? Transparenz, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit müssen in Unternehmen vorgelebt werden. Und Vorstände müssen dafür realistische Ziele vorgeben, die also auch erreichbar sind - und nicht nur blumige Marketingsprüche! Da verlange ich mehr Demut von Managern.

          Nur von Managern? Wie bewerten Sie die Nebeneinkünfte des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück?

          Generell gilt für alle Führungskräfte: Das Reden muss mit dem Handeln übereinstimmen. Sonst entsteht der Vertrauensverlust, den die Menschen in der Wirtschaft ebenso beklagen wie in der Politik. Wichtig ist, dass die Betroffenen, sobald ihre Fehlleistungen aufgedeckt sind, daraus lernen und das auch glaubhaft machen können. Wenn Peer Steinbrück das gelingt, kann ihn dieser Fehler am Ende womöglich sogar stärken. Einsicht ist schließlich auch ein wichtiger gesellschaftlicher Wert, und dazu gehören im christlichen Menschenbild Verzeihung und Versöhnung.

          Keine schärferen Regeln für Politikereinkünfte?

          Vielleicht. Wir alle müssen damit leben, dass der Mensch schwach ist. Deshalb brauchen wir Sanktionen, deshalb brauchen wir Gesetze. Sonst würden ja die Zehn Gebote ausreichen.

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