https://www.faz.net/-gqe-aid4f
Foto: dpa

„Ein Duo mit Spannungspotential“

Foto: dpa

26. November 2021 · Robert Habeck und Christian Lindner werden die Wirtschafts- und Finanzpolitik in der nächsten Legislaturperiode bestimmen. Die F.A.Z. hat sich umgehört: Die Unternehmen im Land scheinen sich auf den ersten Grünen-Wirtschaftsminister zu freuen, der zugleich Klimaminister wird. FDP-Chef Lindner soll als Finanzminister das Korrektiv sein und für stabile Finanzen sorgen.


Martin Brudermüller, Vorstandschef BASF

Foto: BASF SE
Bemerkenswert sind Geschwindigkeit und Geschlossenheit, mit der die drei Parteien eine Vereinbarung erzielt haben. Das ist ein ermutigendes Zeichen. Ich sehe viele geeignete Maßnahmen, die zum Erreichen der Klimaziele beitragen können. Dazu gehören die Entlastung des Strompreises und die Maßnahmen für einen schnelleren Ausbau von Erneuerbaren Energien und Infrastruktur. Entscheidend wird sein, dass hierbei auch die Bedürfnisse von energieintensiven Standorten wie Ludwigshafen berücksichtigt werden, an denen eine lokale Versorgung mit Erneuerbaren Energien nicht annähernd im erforderlichen Umfang möglich ist.


Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoor-Unternehmens Vaude

Foto: Verena Müller
Das ist eine Zeitenwende, dass Nachhaltigkeit ins Wirtschaftsministerium einzieht und nachhaltiges Wirtschaften in der politischen Agenda ganz nach oben rückt. Nachhaltigkeit ist für Unternehmen mit Nachteilen verbunden, da sie sich bisher auf eigene Kosten engagiert haben. Wir erwarten, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen und nachhaltige Standards erfüllen müssen. Diese Aufgabe erfolgreich zu meistern, trauen wir Robert Habeck mit seinen Erfahrungen und Kompetenzen zu. Wir sehen große Chancen in der Ampelkoalition. Schon der Stil der Verhandlungen zeigt, dass sachorientiert um Lösungen gerungen wird.


Wolfgang Grupp, Inhaber Trigema

Foto: dpa
Ich schätze Herrn Habeck, weil er als grüner Realpolitiker sehr vernünftig erscheint. Die Wirtschaft muss nachhaltiger werden. Daran arbeiten wir jeden Tag. Bei Herrn Lindner bin ich zuversichtlich, dass er als Finanzminister die Vorhaben der Koalition mit Augenmaß umsetzen wird.


Mark Bezner, Geschäftsführer Olymp, FDP-Mitglied

Foto: dpa
Auf die Bewährungsprobe als Wirtschaftsminister muss Habeck erst noch gestellt werden. Der Beginn einer neuen Ära könnte angebrochen sein. Deutschland hat das Potential, sich mit Ideen und Technologien für Umweltschutz global zu profilieren. Für den Wirtschaftsminister heißt das: gewaltige Aufgaben und ebenso große Chancen. Lindner erachte ich für hervorragend qualifiziert. Die Staatsverschuldung muss zwingend stabilisiert werden. Die Professionalität einer partnerschaftlichen Kooperation zum Wohl unseres Landes traue ich beiden zu.


Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG

Foto: dpa
Beim ersten Überfliegen des Koalitionsvertrags gefallen mir drei Zahlen: 15 Millionen Elektroautos, 1 Million Ladepunkte und 80 Prozent Erneuerbare Energien. Das sind drei konkrete Ziele fürs Jahr 2030, die die Transformation der Automobilindustrie in diesem Jahrzehnt unterstützen werden. Und sie entsprechen unserer Strategie bei Mercedes-Benz.


Toralf Haag, Vorsitzender der Geschäftsführung Voith

Foto: dpa
Die Ressortverteilung stimmt uns zuversichtlich, dass das zentrale Thema, der Klimawandel, und die notwendige Transformation der Industrie nun mit Hochdruck und in Partnerschaft mit der Wirtschaft vorangetrieben wird. Unternehmen wie Voith bieten bereits innovative nachhaltige Technologien, um die Industrieproduktion künftig CO2-neutral zu gestalten. Was wir von der neuen Regierung benötigen, sind bessere Rahmenbedingungen, um diese schneller zu marktreifen Produkten zu machen.


Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des Kettensägenherstellers Stihl

Foto: Rainer Wohlfahrt
Habeck hat in Schleswig-Holstein gezeigt, dass er Wirtschaft kann. Ein grüner Bundeswirtschaftsminister steht für die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Lindner, mit dem wir schon in unserem Haus gesprochen haben, darf nicht zum Schuldenminister werden. Der Koalitionsvertrag ist fiskalisch eine Wette auf die Zukunft. Die Schuldenbremse ist der Rettungsanker, ohne sie kennen die rot-grünen Ausgabenpläne kein Halten. Die Maastricht-Kriterien dürfen nicht in Frage gestellt werden. Habeck und Lindner sind zum Erfolg verdammt. Auf dem Papier ist der Finanzminister wichtiger, auf dem Platz entscheidet die Teamfähigkeit der Duz-Freunde. Sonst könnte Scholz der lachende Dritte sein.


Rolf Buch, Vorsitzender des Vorstands Vonovia

Foto: Reuters
Es ist offiziell: Der Koalitionsvertrag sieht die Bildung eines Bauministeriums vor. Eine kluge und wichtige Entscheidung; nur so hat das Thema „Bauen und Wohnen“ auf politischer Ebene endlich einen, den Herausforderungen angemessenen, Stellenwert.


Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW

Foto: LBBW
Habeck und Lindner sind ein Duo mit Spannungspotential. Habecks „neues“ Wirtschaftsministerium ist das Schlüsselressort für die notwendige Transformation. In den Altmaier-Jahren ist da einiges liegengeblieben. Ich habe ihn persönlich erlebt und den Eindruck, dass er fähig ist, seine pragmatische Linie gegenüber der Parteibasis zu verteidigen. Lindner ist der Gewinner. Die FDP-Positionen sind konkret im Koalitionsvertrag ausgeführt, Grüne Forderungen finden sich dort eher als Absichtserklärungen wieder. Seine größte Herausforderung werden die europäischen Fiskalregeln. In der Vergangenheit hat er sich hier als harter Hund präsentiert. Diese Position wird er modifizieren müssen, ohne im finanzkonservativen Lager als Umfaller wahrgenommen zu werden. Die Konflikte zwischen den beiden sind vorgezeichnet. Habeck wird ein großes Investitionsprogramm liefern müssen. Lindner sitzt als Finanzminister am längeren Hebel.


Manfred Horstmann, Geschäftsführer GlobalFoundries Dresden

Foto: GF
Wir begrüßen die Ambition der künftigen Regierungskoalition, Deutschlands Position bei zentralen Schlüsselindustrien wie der Mikroelektronik zu stärken. Damit Deutschland weiter in der globalen Halbleiterindustrie aufschließen kann, braucht es nun zeitnah verlässliche Rahmenbedingungen, damit private Investitionsvorhaben umgesetzt werden können.


Christian Klein, Vorstandssprecher des Software-Konzerns SAP

Foto: dpa
Die Pandemie hat Defizite in vielen Bereichen schonungslos offengelegt und gezeigt, dass eine einheitliche Herangehensweise fehlt. Damit Deutschland langfristig wirtschaftlich erfolgreich bleibt, ist eine zügige und flächendeckende Digitalisierung entscheidend. Von der neuen Regierung erwarten wir zudem, dass sie über Deutschland hinausdenkt. Hier steht nichts weniger als die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem Spiel.


Marco Beicht, Gründer des Software-Unternehmens Powercloud

Das grüne Parteibuch von Habeck allein wird keine Zeitenwende auslösen. Aber der Ressortzuschnitt bringt einen neuen Dreh in die Wirtschaftspolitik. Bislang trat das Wirtschaftsministerium gegenüber dem Umweltministerium als Anwalt energieintensiver Branchen auf. Damit dürfte Schluss sein. Habeck braucht kurzfristige Erfolge. Er hat nur 3 Jahre Zeit. Die Wirtschaft muss hoch, die Emissionen runter. Wenn Habeck klug ist, ich halte ihn für klug, setzt er auf die digitale Karte. Hier sind die schnellsten Erfolge möglich, ohne dass es zu Verwerfungen kommt. Lindner muss deutlich machen, dass zur Nachhaltigkeit nachhaltige Finanzen gehören. Gleichzeitig werden massive Investitionen in Infrastrukturen, Dekarbonisierung und Digitalisierung nötig.

FINANZPLÄNE DER AMPEL: Los geht es mit einem Nachtragsetat
KOALITIONSVERTRAG DER AMPEL: Ein revolutionäres Programm

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.11.2021 11:08 Uhr