https://www.faz.net/-gqe-12u5l

Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

  • -Aktualisiert am

Gustav Schickedanz gründete den Versandhandel Quelle 1927. Seine Frau Grete ist die wahre Führungsfigur Bild: Unternehmen

Ein Versandhaus schrieb Geschichte: Mit ihrem Gründer Gustav Schickedanz säumte die „Quelle“ wie kein zweites Unternehmen den Weg der Deutschen in die Wohlstandsgesellschaft - ein Lebenswerk voller atemberaubender Strategiewechsel und erheblicher Orientierungslosigkeit.

          Keiner hat sie gezählt. Aber es dürften 25.000 Menschen gewesen sein, die sich in die endlose Warteschlange einreihten, um Abschied zu nehmen. „Ringsumher“, schreibt der Berichterstatter der Lokalzeitung, „herrscht bedrücktes Schweigen, und vor allem die altgedienten Mitarbeiter des Hauses nehmen weinend Abschied.“ Als am 31. März 1977 in der Fürther St. Paulskirche die offizielle Trauerfeier stattfindet, sind auch Josef Neckermann und Werner Otto unter den Gästen. Die Großen des deutschen Versandhandels sind gekommen, um Abschied von einem Größeren zu nehmen.

          Gustav Schickedanz, den die Zeitungen den „Versandhauskönig“ nennen, hatte den Versandhandel revolutioniert, der deutschen Konsumgesellschaft ihr Gesicht gegeben und das Bild des gleichermaßen erfolgreichen und verantwortlichen Unternehmers geprägt. Zu seinem Vermächtnis gehört ein ordentlich bestelltes Haus - und der mächtige Schatten, in dem seine Nachfolger stehen, ob sie das wollen oder nicht.

          Gut 8,3 Milliarden Mark setzt die Unternehmensgruppe im Todesjahr des Patriachen um. Es ist auch das Jubiläumsjahr des 1927 gegründeten Versandhauses „Quelle“. Mehr als 43.000 Menschen sind bei Schickedanz in Lohn und Brot, die meisten in der Handelsgruppe, also im Versand und in den Kaufhäusern, die es zusammen auf einen Umsatz von gut 7,3 Milliarden Mark bringen. Die restliche Milliarde steuern die Brauereien und die Papierfabriken bei, die Mitte der neunziger Jahre verkauft werden.

          Jeder zweite Haushalt ein Quelle-Kunde

          Jeder zweite Haushalt in der Bundesrepublik bezeichnete sich damals als Quelle-Kunden, und der rund 930 Seiten starke Jubiläumskatalog des Jahres 1977 mit seinen 80.000 Artikeln erreichte eine Auflage von mehr als siebeneinhalb Millionen Exemplaren. Mit annähernd 25 Millionen Päckchen und Paketen im Jahr ist die Quelle der größte Einzelkunde der damals noch staatlichen Bundespost.

          Anfang der sechziger Jahre, als sich sein Versandhandel in kometenhaftem Aufstieg befand, hatte Gustav Schickedanz einer deutschen Illustrierten erzählt, dass seine Vorstellung von Erfolg lange Zeit in dem Wunsch gegipfelt habe, „einmal zu erleben, dass die Post zu mir kommt“, um die Pakete abzuholen. Der frühe Traum spiegelte die bescheidenen und schwierigen Anfänge. Nie hat er diese vergessen.

          Gustav Schickedanz ist zweiunddreißig Jahre alt, als er in seiner Heimatstadt Fürth das Versandhaus Quelle gründet. Hinter ihm liegen eine abgeschlossene Realschulausbildung, eine kaufmännische Ausbildung bei einem Nürnberger Spielwarenhersteller, ein insgesamt fünfjähriger Militär- und Kriegsdienst, eine mehr als dreijährige Tätigkeit als Angestellter bei einem Fürther Grossisten und eine erste Firmengründung.

          „Großhandel mit Kurzwaren“

          Dieser „Großhandel mit Kurzwaren“, den der „Kaufmann Gustav Schickedanz“ Anfang 1923 in das Handelsregister seiner Vaterstadt eintragen lässt, bleibt zeitlebens eines der Standbeine seines Imperiums. Knapp fünf Jahre später, am 7. November 1927, lässt Schickedanz am gleichen Ort sein Versandhaus registrieren. Weil der Jungunternehmer überzeugt ist, dass "die Leute an der Quelle" kaufen wollen, erhält sein neues, das zweite Geschäft schon bei der Gründung den Namen, bei dem es bleiben wird.

          Am 13. Juli 1929 trifft den Vierunddreißigjährigen ein Schicksalsschlag: Bei einem Verkehrsunfall werden seine Frau Anna und sein fünf Jahre alter Sohn Leo getötet; sein Vater erliegt wenige Tage später den schweren Verletzungen. Gustav Schickedanz selbst kann die Klinik erst Wochen später verlassen. Lediglich die vier Jahre alte Tochter Louise überlebt die Katastrophe unverletzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.