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Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

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Wirklich greifbar wird die Belastung durch die Häuser erst nach Schickedanz' Tod, als dem riesigen, allenfalls noch von seinem Gründer überschauten Unternehmen die ordnende Hand fehlt. Es ist kein Zufall, dass zwei familienfremde Manager in ihren kurzen, aber wirkungsvollen Zeiten als Vorstandsvorsitzende der Quelle während der Ära Grete Schickedanz dafür sorgen, dass die Warenhäuser abgestoßen werden. 1989 wechseln acht der ursprünglich 29 Quelle-Häuser den Besitzer, 1993 werden fast alle übrigen verkauft - zehn von ihnen übrigens an Hertie.

Die Trennung von den Kauf- beziehungsweise Warenhäusern ist betriebswirtschaftlich gesehen ein richtiger und notwendiger Schritt. Aber er fällt schwer, vor allem Grete Schickedanz. Sie war ja dabei gewesen, als fast ein halbes Jahrhundert zuvor an der Fürther Freiheit das erste Kaufhaus der Quelle seine Tore öffnete. Stärker noch als ihr Mann, für den die Kaufhäuser immer auch ein Element im Konkurrenzkampf mit Neckermann gewesen sind, waren sie für seine Erbin und Nachfolgerin Ausdruck der Bodenständigkeit des fränkischen Unternehmens. Kein Wunder, dass Grete Schickedanz die Tränen in den Augen stehen, als sie schließlich dem Verkauf der Häuser zustimmt.

Doch alles wieder in Frage gestellt

Wenige Jahre nach ihrem Tod wird doch alles wieder in Frage gestellt. Als die Quelle 1999 mit Karstadt fusioniert, kauft sie sich nicht nur bei einem Konzern ein, dessen Rückgrat das Warenhausgeschäft ist. Vielmehr trifft sie ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihres Gründers unter dem Dach von Karstadt ausgerechnet auf den Nachlass ihres größten Konkurrenten Neckermann. Der hatte die Flucht in die Arme des Karstadt-Konzerns allerdings schon zu Lebzeiten antreten müssen: 1976 war Karstadt im Zuge einer Kapitalerhöhung und mit der Option auf die Aktienmehrheit bei Neckermann eingestiegen; 1984 war die Neckermann-Aktie vom Markt verschwunden.

Den Anfang vom Ende seines Widersachers hat Gustav Schickedanz noch erlebt. Dass sich seine Quelle ziemlich genau 25 Jahre später an der Seite von Neckermann unter fremdem Dach wiederfinden, gemeinsam mit dessen Versandgeschäft zumindest zeitweilig auch noch zu den Verlustbringern von Karstadt zählen und im Juni 2009 mit Arcandor am Abgrund stehen würde, hat sich der Patriarch selbst in seinen Albträumen nicht vorstellen können.

In seinem Nachlass findet sich ein kleines Notizbuch, das er in den siebziger Jahren stets mit sich geführt und in das er Zahlen, Daten, Namen, einzelne Wörter, manchmal auch Gedanken eingetragen hat. Dort notiert er an seinem Lebensabend: „Ich bin der Helle - der gute Geist von Quelle.“ Gustav Schickedanz war ein vornehmer, bescheidener, zurückhaltender Mann. Nie hätte er einen solchen Gedanken öffentlich geäußert. Aber er wusste oder ahnte doch, dass sein Lebenswerk an seine Person und sie beide an die Zeit des Wirtschaftswunders, die Zeit der prosperierenden Konsumgesellschaft, gebunden waren. So gesehen hatten seine Nachfolger, eben weil sie sich seinem Vermächtnis verpflichtet fühlten, nie wirklich eine Chance.

Dass sein Lebenswerk dann doch noch mehr als 30 Jahre voller atemberaubender Strategiewechsel, erheblicher Orientierungslosigkeit und - vor allem in der letzten Phase - dramatischen Versagens der Konzernleitung überstanden hat, spricht für die Kraft des Geistes, den der Quelle-Gründer seinem Unternehmen eingehaucht hat.

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