https://www.faz.net/-gqe-12u5l

Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

  • -Aktualisiert am

Tatsächlich gilt spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre: Was sich nicht im Quelle-Katalog findet, ist für die bundesdeutsche Wohlstandsgesellschaft weder bedeutsam noch charakteristisch, und das heißt im Umkehrschluss: Die Marken und Produkte, die in den Katalog aufgenommen werden, bewähren sich über kurz oder lang am Markt. 1954 finden sich im Quelle-Sortiment Möbel und Gartengeräte, Autozubehör und Fahrräder, Werkzeuge sowie elektrische Herde. 1955 und 1956 folgen die ersten Elektrogroßgeräte, eine Waschmaschine beziehungsweise ein Kühlschrank der Marke "Quellux", und 1957 werden erstmals Großbildfernseher und Kleinbildkameras angeboten. Seit 1962 gibt es Fertighäuser, und seit Ende der sechziger Jahre führt die Quelle deutsche Wohnwagen, finnische Saunen und tschechoslowakische Motorräder im Programm, von Bandscheibenstützmiedern für den Autofahrer oder Blitzschutzmatten für Steilwandzelte gar nicht zu reden.

Selbst Hunde werden jetzt aus Fürth offeriert

So wächst das Angebot Jahr um Jahr, ungebremst und unaufhaltsam - wird dabei teils exklusiver, teils abwegiger, und droht sein spezifisches Gesicht zu verlieren. In den siebziger Jahren gibt es kaum mehr ein Produkt, das nicht über den Hauptkatalog oder die Kataloge und Prospekte eines der immer zahlreicheren Spezialversender wie der Foto- oder der Garten-Quelle zu beziehen wäre. Selbst Hunde werden jetzt aus Fürth offeriert - sechs verschiedene Rassen, darunter ein Kleinpudel, ausgerüstet mit Ahnentafel, internationalem Impfzertifikat und Lebensversicherung.

Für diesen Trend gibt es zwei Gründe: zum einen die wachsenden Ansprüche einer scheinbar grenzenlos prosperierenden Wohlstandsgesellschaft, die sich ihren Konsumrausch einstweilen auch noch nicht von Rückschlägen wie der ersten Ölkrise der Jahre 1973/74 verderben lässt, zum anderen aber und vor allem: einen Wettbewerber. Die Geschichte des deutschen Versandhandels der Nachkriegszeit ist auch die Geschichte des Konkurrenzkampfes zwischen dem Marktführer Gustav Schickedanz und seinem hartnäckigsten Verfolger Josef Neckermann. Das ist durchaus auch persönlich zu sehen, und wenn man nach den Ursachen für den späteren Niedergang und das traurige Ende des einen wie des anderen Unternehmens sucht, wird man auch hier, wenn nicht vor allem hier fündig.

Schickedanz, Neckermann - und Otto, der lachende Dritte

Denn die beiden Männer liefern sich einen „harten“, einen geradezu „unerbittlichen Wettbewerb“, wie Werner Otto, der aufstrebende Konkurrent beider und schließlich der lachende Dritte einmal gesagt hat. In Fürth wie in Frankfurt, wo Neckermann residiert, sind die Wochen, in denen die neuen Kataloge herauskommen, Zeiten höchster Anspannung. Da wird Seite für Seite des Druckwerks auf falsche Behauptungen hin geprüft, werden Detektive angesetzt und Verfahren angestrengt, und natürlich wird beim Angebot sofort nachgezogen und der Preis gedrückt.

Aus Sicht der Quelle hat der Konkurrent auf einem Gebiet den entscheidenden Vorsprung: Neckermann weiß, dass der Kunde die Ware häufig vor dem Kauf in Augenschein nehmen möchte und stellt ihm mit seinen Kaufhäusern gleichsam Schaufenster zu Verfügung. Weil das eine richtige Überlegung ist und zudem vom schärfsten Rivalen stammt, forciert Gustav Schickedanz den Ausbau des stationären Geschäfts seit den sechziger Jahren derart, dass die Kaufhäuser schließlich Kräfte und Mittel binden, die andernorts fehlen. Das hochgesteckte Ziel, einmal 50 Prozent zum Umsatz beizusteuern, wird nie auch nur annähernd erreicht.

Weitere Themen

Unternehmer im Klimastreik Video-Seite öffnen

Nachhaltig wachsen! : Unternehmer im Klimastreik

Längst protestieren neben Schülern auch immer mehr Gründer für mehr Klimaschutz. „Entrepreneurs for Future“ ist mit über 4000 deutschen Unternehmen eine von vielen Initiativen, die jetzt deutlich machen: Es ist an der Zeit, anders zu wirtschaften!

Topmeldungen

Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.