https://www.faz.net/-gqe-12u5l

Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

  • -Aktualisiert am

Aber wer denkt schon an sein künftiges Bild in der Geschichte, wenn es endlich wieder aufwärtsgeht? Und es geht aufwärts. Schon 1950, also im ersten vollen Geschäftsjahr nach seiner Rückkehr in den Betrieb, setzt Schickedanz mehr als 40 Millionen Mark um und stellt das Rekordjahr 1938 in den Schatten. Damit beginnt eine Erfolgsgeschichte, wie sie so, zumal im Handel, nur einmal geschrieben worden ist: Anfang der sechziger Jahre ist die Quelle, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung damals schreibt, das "Versandhaus der Superlative".

Dafür gibt es Gründe, darunter die bahnbrechende Integration von Automatisierung und elektronischer Datenverarbeitung in die Unternehmensabläufe, die Gustav Schickedanz im Vertrauen auf die Möglichkeiten wie mit Respekt vor den Grenzen der Technik forciert. Ehe die neue Versandanlage Ende März 1956 in Betrieb geht, weiß niemand, ob sie auch wirklich funktionieren wird. Vergleichbares ist bis dahin nicht geplant und versucht worden. "Wir wandelten damals einen Abgrund entlang", sagt Gustav Schickedanz später in einem seiner äußerst seltenen Auftritte im Fernsehen. Planen lässt er den neuen Gebäudekomplex von Georg Reinicke, einem ehemaligen General, und von Ernst Neufert, den man damals der Avantgarde der deutschen Architektenzunft zurechnet.

Für Jahrzehnte der Inbegriff des modernen Versandhauses

Was die beiden auf die grüne Wiese setzen, ist für Jahrzehnte der Inbegriff des modernen Versandhauses. Es ist so sensationell, dass sich die Besucher, unter ihnen die politische Prominenz der Zeit, Vertreter der nationalen wie der internationalen, namentlich der amerikanischen Konkurrenz, die Klinke in die Hand geben. Sie kommen nochmals, als im Dezember 1957 die elektronische Datenverarbeitung - "eine der größten kommerziellen Elektronikanlagen der Welt zur direkten und fortlaufenden Auswertung von Informationen" - in Betrieb genommen wird, um Kundenaufträge zu bearbeiten.

Bestellt werden vor allem Textilien, allen voran Kleidungsstücke. Mit deren Vertrieb hatte Gustav Schickedanz in den zwanziger Jahren begonnen, und noch im Todesjahr des Patriarchen steuert Bekleidung 40 Prozent zum Umsatz der Quelle bei. Aber Gustav Schickedanz und zunehmend auch Gattin Grete vertreiben nicht nur Mäntel, Röcke oder Anzüge, sie gestalten sie auch. Spätestens seit 1967, als der Modeschöpfer Heinz Oestergaard verpflichtet wird, schreibt die Quelle in Deutschland Modegeschichte. Als Oestergaard 1985 das Versandhaus verlässt, hat er die Mode und mit ihr die Kultur der Bundesrepublik geprägt wie kaum ein zweiter vor und wenige andere nach ihm - weil er mit seiner diskreten Modernität den Geschmack vor allem der weiblichen Kundschaft trifft und ihm für deren Verbreitung ein Forum zur Verfügung steht, wie es dann nur noch das Fernsehen bieten kann: der Katalog.

Der Katalog ist das wichtigste Kapital der Quelle

Neben der Kundenkartei ist der Katalog das wichtigste Kapital der Quelle, jedenfalls in der Ära von Gustav und Grete Schickedanz. Jahrzehntelang ist der Quelle-Katalog ein zuverlässiger, vielleicht der genaueste Spiegel der wirtschaftlichen, aber auch der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Republik.

Das wissen auch die Bewohner der DDR, für die der Katalog eine Art alternatives Kultbuch ist. Als 1989 die Mauer fällt, sehen sich die Quelle-Häuser in Grenznähe einem beispiellosen Ansturm katalogbewehrter Käufer aus Mitteldeutschland ausgesetzt. Jetzt zeigt sich, wie recht der Bonner Kolumnist Walter Henkels mit seiner Beobachtung hatte, Gustav Schickedanz sei durch seine Kataloge mit den "Massen" in eine „einzigartige Kommunikation“ getreten.

Weitere Themen

Unter fremdem Etikett

Marke und Produkt : Unter fremdem Etikett

Als Marke versteht sich heute alles und jeder. So werden auch aus Textilunternehmen, die ehemals nur Luxushäuser beliefert haben, eigenständige Labels. Über Namen, die weniger bekannt sind als ihre Produkte.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.