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Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

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Außer Frage steht allerdings auch, dass Gustav Schickedanz von den neuen politischen Verhältnissen profitiert. Mitte der dreißiger Jahre kann er sich in den Besitz einiger Firmen bringen, die damals unter anderen Umständen kaum zum Verkauf gestanden hätten. Das gilt insbesondere für die Vereinigten Papierwerke, die unter anderem die "Tempo"-Tücher und die "Camelia"-Binden produzieren, für die Papierfabriken der Gebrüder Ellern und für das Textilversandunternehmen Ignaz Mayer.

Gemeinsam ist allen Fällen, dass sich die Firmen in erheblichen wirtschaftlichen oder finanziellen Turbulenzen befinden, die schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgetreten waren. Gemeinsam ist ihnen auch, dass der Quelle-Gründer in keinem einzigen Fall die für die jüdischen Eigentümer zusehends bedrückenden politischen Rahmenbedingungen ausnutzt, sondern ihnen vielmehr durch korrekte Verträge hilft, ihre schwierige Lage im Rahmen des Möglichen zu klären. Gustav Schickedanz gehört zu den wenigen Unternehmern, die auch in dieser Zeit an den Maximen des Anstandes und der Redlichkeit festgehalten haben.

Gründlich untersucht, eindeutig entlastet

Das sahen Personen und Institutionen nicht anders, die nach dem Krieg mit dem Fall befasst waren. Man wird schwerlich einen zweiten Fall dieser Prominenz finden, der so gründlich untersucht und in dem ein unter erheblichem Verdacht Stehender so eindeutig rehabilitiert worden ist wie Gustav Schickedanz. So auch durch den Öffentlichen Ankläger im Entnazifizierungsverfahren: In „keinem Fall“, so sein Resümee, konnte „darauf geschlossen werden, dass der Betroffene in irgendeiner Weise skrupellos die gegebene Zwangslage der Juden ausgenützt hat, um einen bestimmten Vorteil zu erlangen“. Diesem Urteil schließt sich die Nürnberger Hauptspruchkammer an und stuft Gustav Schickedanz im März 1949 als „Mitläufer“ ein.

Dass dieses Kapitel damit für den Unternehmer gleichwohl noch nicht abgeschlossen ist, liegt an der Reaktion der vormaligen Eigentümer. Die nämlich leiten fast ausnahmslos Verfahren auf Rückerstattung ihres Besitzes ein. Dass sie nach allem, was ihnen in Deutschland angetan worden ist, Genugtuung fordern, versteht Gustav Schickedanz; dass sie ihn in die Pflicht nehmen wollen, irritiert und schmerzt ihn. Aber er stellt sich ihren Forderungen. Zur Abgeltung der Rückerstattungsforderungen wendet Schickedanz deutlich mehr auf, als er während der dreißiger Jahre ohnehin für die Firmen beziehungsweise Aktienpakete gezahlt hatte. In keinem Fall waren er und seine Anwälte von der Rechtmäßigkeit der Forderungen überzeugt. In allen Fällen deckte sich ihre Auffassung mit den Urteilen und Ergebnissen, zu denen die öffentlichen Kläger, die Gutachter, die amerikanische Militärverwaltung sowie nicht zuletzt die Spruchkammer im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens gekommen waren.

Eine Hypothek auf die Zukunft

Schickedanz ahnt damals nicht, dass er mit seiner Bereitschaft zur abermaligen Zahlung eine Hypothek auf die Zukunft aufnimmt: Indem er sich auf die Vergleiche einlässt, leistet er der Auffassung der Betroffenen Vorschub - und prägt damit zugleich die bis heute nachwirkende öffentliche Wahrnehmung seiner Rolle im Dritten Reich.

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