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Gustav Schickedanz : Seine Nachfolger hatten nie eine Chance

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Mit Rücksicht auf dieses Mädchen wartet Schickedanz mehr als ein Jahrzehnt, ehe er Anfang Juni 1942 eine zweite Ehe eingeht: Grete Lachner, seine große Liebe, ist im Januar 1927, also noch vor Gründung der Quelle, als fünfzehnjähriges Lehrmädchen in den Großhandel mit Kurzwaren eingetreten. Als Grete Schickedanz im Juli 1994 stirbt, ist sie 67 Jahre in dem von ihrem Mann gegründeten Unternehmen tätig gewesen - länger als dieser selbst. 17 Jahre stand sie als dessen Nachfolgerin an der Spitze des Imperiums.

Die Dominanz der Ehefrau

Schon wegen der Dominanz seiner Frau haben die Töchter des Gründers im Unternehmen keine Rolle gespielt beziehungsweise spielen wollen. Das gilt auch für Madeleine, die am 20. Oktober 1943 als erstes und einziges Kind von Gustav und Grete Schickedanz im bombensicheren Bunker der Nürnberger Frauenklinik das Licht der Welt erblickt hat. So gesehen war ihre Entscheidung konsequent, das Schicksal des Konzerns nach dem Tod der Mutter Mitte der neunziger Jahre in die Hände eines familienfremden Managements zu geben. Dass hier eine der Wurzeln für das Debakel des Juni 2009 liegt, weiß man heute.

Aber wir wissen auch, dass sich Madeleine Schickedanz dem Erbe der Eltern stets verpflichtet gefühlt hat - emotional wie finanziell. Ihre Erklärung am 11. Juni, dem Tag nach dem Insolvenzantrag, „stets zum Unternehmen gestanden“ und ihm „auch in schwierigsten Zeiten die Treue gehalten“ zu haben, bilanziert diese Einstellung; ihre Feststellung, sich mit ihrem „gesamten Vermögen engagiert“ zu haben, signalisiert, dass die Ära Schickedanz sich auch in dieser Hinsicht ihrem Ende zuneigt.

Gustav Schickedanz trauert noch um seine Familie, als zwei Herausforderungen anderer Art zu bewältigen sind. Erst meistert die Quelle die große Wirtschaftskrise, weil sich sein Gründer mit sicherem Instinkt und bemerkenswertem Mut auf die Lage und die Bedürfnisse seiner krisengebeutelten Kundschaft einzustellen weiß. Dann streben die Nationalsozialisten an die Macht. Für Schickedanz ist das eine schlechte Nachricht, haben die Nazis doch, um Sympathien im Mittelstand zu gewinnen, in ihrem Parteiprogramm den "Groß-Warenhäusern" den Kampf angesagt. Das trifft auch den Versandhandel. Zwar kommt es dann nicht so schlimm wie befürchtet, weil die Machthaber angesichts der Beschränkungen des Konsums - ein Ergebnis der Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Kriegsvorbereitung - auf Warenhäuser und Versandhandel angewiesen sind. Aber das sieht man dann.

NSDAP-Mitglied „bar jeder nationalsozialisitischen Gesinnung“

Für Gustav Schickedanz ist die „schon lange vor 1933“ erkennbare „Kampfansage“ an den Versandhandel nicht der einzige, aber entscheidende Grund, um im November 1932 der NSDAP beizutreten. Nach dem Ende des Dritten Reiches hat dieser Schritt manche Frage aufgeworfen. Richtig ist, dass Schickedanz in der NSDAP, aber beispielsweise auch im Fürther Stadtrat, dem er damals für einige Jahre angehört, keine herausgehobene Rolle spielt; richtig ist auch, dass er immer wieder mit lokalen Parteigrößen wie Julius Streicher, dem Gauleiter vor Ort und Herausgeber des „Stürmer“, in Konflikt gerät; richtig ist schließlich, dass der Sicherheitsdienst der SS im März 1939 zu dem Schluss kommt, der Quelle-Chef sei „bar jeder nationalsozialistischen Gesinnung und Verantwortung als Betriebsführer“.

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