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Gründerkultur : „Viele Studenten wissen nicht, was sie wollen“

  • Aktualisiert am

Ulrich Dietz ist Vorstandsvorsitzender des Softwareunternehmens GFT und Initiator von Code-N. Bild: GFT

Deutsche Unternehmen schaffen es nicht, ein Start-up-Netzwerk zu etablieren. Der Blick auf Berlin reicht nicht - und im Kanzleramt wäre ein Staatsminister für Digitales nötig, sagt einer, der es wissen muss.

          Herr Dietz, manchmal hat man das Gefühl, ganz Deutschland redet nur noch von Start-ups und Gründerkultur ...

           ...ja, aber alle denken dabei doch immer nur an Berlin.

          Und was passt daran nicht?

          Es geht nicht nur um die Start-up-Szene in Berlin, Deutschland muss es schaffen, im ganzen Land eine Gründerbegeisterung zu entfachen. Diese Begeisterung muss sich auf die großen und mittelgroßen Unternehmen übertragen. Da müssen Netzwerke entstehen - allein geht es nicht in einer immer globaleren und digitalen Welt. Hier muss man viel nachhaltiger miteinander arbeiten, als dies bisher geschieht.

          Es gibt doch aber eine Vielzahl von Veranstaltungen im ganzen Land, in dem es um Gründer und das Gründen geht.

          Ja, und es ist gut, dass es die gibt - aber auch hier geht es oft um Einzelinteressen, wirklich vernetzt ist da wenig.

          Gilt das nicht auch für den von Ihnen initiierten Start-up-Wettbewerb von Code-N, auch wenn dieser nun in ein dreitägiges Festival in Karlsruhe mündet?

          Code-N war von Beginn an darauf ausgerichtet, ein globales Gründernetzwerk hier im Land zu spinnen, viele Partner aus der Industrie mit ins Boot zu holen, die Themen, um die es geht, breiter zu diskutieren.

          Das mag sein, und doch müssen Sie jetzt erst einmal schauen, ob im September überhaupt genug Besucher zu Ihrem Festival nach Karlsruhe kommen werden.

          Da bin ich optimistisch. An den drei Tagen wird viel geboten. Aber wahr ist auch: Eigentlich müsste so ein Start-up und Innovations-Event, das Besucher für die neuesten Technologien begeistern soll, in Deutschland 100 000 Menschen anziehen.

          Das wird in diesem Jahr ja wohl noch nicht ganz klappen, aber auch den meisten deutschen Start-ups wird aus Amerika ja vorgeworfen, sich keine Ziele zu setzen, die ambitioniert genug sind ...

          Eben - und vergessen Sie nicht, wir werden in den Tagen in Karlsruhe eine ganze Stadt mit Innovationsthemen bespielen. So werden zum Beispiel die Schlosslichtspiele für das Festival verlängert. Da gibt es IT-basierte Medienkunst als Lichtspektakel auf der Barockfassade des Karlsruher Schlosses zu sehen.

          Zurück in den grauen Start-up-Alltag: Zur unmittelbaren Gründung, hört man oft, sei das Kapital in Deutschland vorhanden, aber dann gehe es meist nicht richtig weiter.

          Was daran stimmt, ist, dass vor allem die Fonds, die in Deutschland von Unternehmen ins Leben gerufen werden, zu wenig Druck haben, um Ergebnisse in Euro und Cent zu erzielen. Das ganze Finanzierungsumfeld ist mit dem in Amerika nicht vergleichbar. Aber gerade die Unternehmer müssten aus ihren Unternehmen mehr machen.

          Und in Deutschland gibt es noch andere Defizite, die meisten Studenten wollen doch in den öffentlichen Dienst.

          Das glaube ich nicht. Aber es wissen ganz bestimmt zu wenige Studenten, was sie eigentlich einmal werden wollen.

          Und in der Schule wird kaum Informatik unterrichtet.

          Das wiederum ist wahr. Es gibt für das Fach zu wenige Lehrer, es ist meist kein Pflichtfach - und wenn es angeboten wird, können es die Schüler kaum wählen, weil es nicht in die vorgegebenen Fach-Schemata vor dem Abitur passt.

          Was ist mit den Unternehmen? Haben die inzwischen erkannt, welchen Wert Daten und Kundenplattformen haben?

          Die Unternehmen haben zwar den Wert der Daten erkannt, aber besitzen oft nicht die Kompetenz und die Ideen, daraus auch etwas zu machen. Das Umdenken muss in reale Vorhaben umgesetzt werden - das geht nicht ohne Investitionen in Humankapital und IT-Lösungen.

          Und die Gründer, die Sie so kennenlernen und begleiten, welche Defizite stellt man bei denen fest?

          Ich würde mir mehr Hartnäckigkeit und Ausdauer wünschen - gerade im Verkaufsprozess. Sie sind auch oft nicht hart genug gegenüber sich selbst und ihren Mitarbeitern, wenn es darum geht, mit wenig Geld auf den Durchbruch hinzuarbeiten. Und sie unterschätzen, wie lange es manchmal dauert, bis sich Interessenten wirklich dazu entscheiden, konkrete Verträge zu unterschreiben.

          Bleibt der Staat - die Themen Innovation und Digitalisierung sind in Berlin auf viele Ministerien aufgeteilt.

          Ja, das wird sich auch nicht ändern lassen. Ein eigenes Digitalministerium ist nicht praktikabel. Eine machbare und schnell umsetzbare Lösung wäre es, einen Staatsminister für Digitales im Kanzleramt zu installieren. Dieser koordiniert die Arbeit der einzelnen Ministerien auf diesem Gebiet. Weiterhin muss es ein Pendant als Referatsleiter in jedem Ministerium geben.

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