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186 Ermittler : Großrazzia wegen Untreue bei Porsche

Die Porsche-Zentrale in Stuttgart Bild: AFP

Im Zentrum des Interesses einer Großrazzia bei Porsche steht der frühere Betriebsratschef Uwe Hück – allerdings nicht als Beschuldigter.

          Großrazzia bei Porsche: 186 Ermittler haben bei einer großangelegten Durchsuchungsaktion an mehreren Orten Beweise gesichert, um einem möglichen Fall von Untreue nachzuspüren. Im Zentrum der Ermittlungen steht nach F.A.Z.-Informationen Uwe Hück, allerdings nicht als Beschuldigter, sondern als einer, der Geld genommen haben soll. Der langjährige Betriebsratschef des Sportwagenbauers hatte im Februar urplötzlich seinen Abgang verkündet, und dabei viele Fragen offengelassen, vor allem, wovon er künftig seinen Lebensunterhalt bestreitet und womit er all die Wohltaten finanzieren wird, für die er sich gern feiern lässt, beispielsweise die Lernstiftung in Pforzheim.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die bei der Razzia sichergestellten Unterlagen könnten Antworten darauf geben. „Es besteht der Verdacht, dass möglicherweise einem ehemaligen Betriebsratsmitglied der Porsche AG mit Rücksicht auf dessen Tätigkeit unverhältnismäßig hohe und damit nicht gerechtfertigte Vergütungen gezahlt worden sind“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart: „Die diesbezüglich sechs Beschuldigten, die teilweise Führungsverantwortliche der Porsche AG sind, könnten sich dadurch unter anderem der Untreue zu Lasten der Porsche AG strafbar gemacht haben.“

          Die Beschreibung passt

          Der Name Uwe Hück wird weder durch die Staatsanwaltschaft noch durch die Porsche AG offiziell bestätigt. Allerdings passt die Beschreibung des Sachverhalts ganz genau auf die Umstände, die im Zusammenhang mit Hücks abruptem Abgang als Betriebsratschef im Februar bekannt wurden. Offenbar hat die Staatsanwaltschaft daraufhin mit den Ermittlungen begonnen. So wurde damals selbst von Porsche bestätigt, dass Hück zeitweise einen Fahrer in Anspruch genommen hatte – was zumindest eine sehr interessante Konstellation ist für einen Betriebsrat, der doch die Aufgabe hat, die Arbeitnehmerinteressen zu vertreten.

          Außerdem gab es seit längerem Gerüchte, wonach Uwe Hück zwischen 400.000 und 500.000 Jahresgehalt bekommen habe, abwegig viel für einen, der einmal als Lackierer angefangen hat und seit 1994 für seine Betriebsratsarbeit freigestellt ist. Im Volkswagen-Konzern (zu dem der Sportwagenbauer seit zehn Jahren gehört) sind solche Summen indes nicht unvorstellbar. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh selbst hat vor zwei Jahren davon berichtet, dass er in seinen besten Jahren sogar 750.000 Euro verdient habe.

          Unabhängigkeit im Blickpunkt

          Bei der Bewertung solcher Zahlungen rückt die Unabhängigkeit von Betriebsräten in den Blickpunkt, die dadurch in Gefahr geraten könnte, dass solche Arbeitnehmervertreter anders behandelt werden als ihre Kollegen. Wer also unverhältnismäßig hohe Vergütungen bewilligt, kann sich der Untreue schuldig machen.

          Wer genau zu den Beschuldigten zählt, ist nicht klar, auch nicht, bis auf welche Führungsebene die Ermittlungen reichen. Auffallend war schon im Februar, dass für Uwe Hück eine grandiose Abschiedsveranstaltung gegeben wurde, auf der der einstige Profi-Thaiboxer umgeben vom Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume und weiteren Vorständen sich vor Tausenden Porsche-Mitarbeitern selbst feiern durfte. „Ich bin durch und durch Porscheaner“, rief er seinen Kollegen zu: „Aber nach knapp 35 Jahren bei dieser intergalaktischen Firma will ich mich jetzt ganz meiner anderen Leidenschaft widmen: Gutes mit der Lernstiftung zu tun.“

          Porsche-Vorstandschef Oliver Blume lobte Hück: „Er hat viel für die Porsche-Belegschaft und unser Unternehmen geleistet.“ Und auch Wolfgang Porsche als Repräsentant der Eigentümerfamilien wurde in der zum sofortigen Abgang verbreiteten Pressemitteilung zitiert: „Streitbar und kampflustig, aber immer auch sehr wirtschaftlich denkend - so habe ich Uwe Hück kennen und schätzen gelernt.“

          Pforzheim im Argen

          Die Razzia an diesem Dienstag diente nach Angaben der Staatsanwaltschaft zudem noch der Beweissicherung in einem anderen Fall. Dabei geht es um Bestechung im Zusammenhang mit der laufenden Betriebsprüfung bei Porsche. Nach den bisherigen Ermittlungen soll ein Beamter des Konzernprüfungsamts Informationen an einen Steuerberater von Porsche weitergegeben haben und dafür eine Gegenleistung in Anspruch genommen haben. Porsche wollte die beiden Sachverhalte nicht kommentieren, sondern erklärte lediglich, man kooperiere vollumfänglich mit den Behörden.

          Durchsuchungen gab es in den Büroräumen der Porsche AG in Stuttgart und Weissach, bei Finanzbehörden in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd, in einer Steuerberatungskanzlei in Stuttgart sowie in Privatwohnungen im Landkreis Karlsruhe, im Ostalbkreis und in Pforzheim. In Pforzheim ist Uwe Hück nach seinem plötzlichen Abgang als Porsche-Betriebsratschef schnell in den Wahlkampf gestartet, mit der Eröffnung eines „Revolutionsbüros“, wie er es nannte, um für die SPD in den Gemeinderat einziehen zu können.

          Hück schaffte es bei der Wahl am vergangenen Sonntag zum Stimmenkönig mit 26.669 Stimmen, das sind fast 7000 Stimmen zum Zweitplatzierten Hans-Ulrich Rülke, dem Fraktionsvorsitzenden der FDP im baden-württembergischen Landtag. Von der Arbeit als Kommunalpolitiker in Pforzheim kann der einstige Porsche-Mann aber kaum leben: selbst wenn die SPD (die trotz der Hück-Stimmen insgesamt ein Minus von 2,7 Prozent verbuchte) den ehemaligen Porsche-Mann zum Fraktionsvorsitzenden bestimmen sollte, würde er dafür nur 900 Euro pro Monat von der Stadt Pforzheim bekommen. Zu seiner Motivation hatte Hück im Februar gesagt: „Pforzheim liegt ebenso im Argen wie Porsche, als ich dort Betriebsrat wurde.“

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