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Der Fall Unister : Aus mit dem Urlaub

Blumen und Grabkerzen vor der Eingangstür zum Firmensitz von Unister in Leipzig Bild: dpa

Die Reisebranche erlebt eine Großinsolvenz. Der Fall von Unister mit den Portalen fluege.de und „ab-in-den-urlaub“ ist eine verworrene Geschichte. Hinzu kommt jetzt ein Kriminalstück über ein obskures Geschäft des tödlich verunglückten Gründers.

          Wir sind einer der Größten – so steht es noch immer sinngemäß auf der Internetseite. Für Urlaubskunden, die glaubten, über das Reisegutscheinportal U-Deals der Leipziger Unister-Gruppe ein Schnäppchen ergattert zu haben, bemisst sich die Größe aber eher im Ausmaß des Desasters. Die U-Deals GmbH ist insolvent, gefallen in einem Dominoeffekt, nach dem Tod des Gründers Thomas Wagner und der Insolvenz mehrerer Unister-Gesellschaften mit Portalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de. Deutschland erlebt in der Feriensaison den Fall des größten Pauschalreisevermittlers, der im Jahr Urlaube für fast 2 Milliarden Euro vermittelt. Die sächsische Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs- und Untreueverdachts und wegen möglicher Insolvenzverschleppung. Dazu kommt ein Kriminalstück über ein obskures Geschäft des Gründers, das mit einem Flugzeugabsturz auf dem Rückweg von Venedig nach Leipzig endete.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer auf Unister-Seiten eine Pauschalreise gebucht hat, darf sich weiter auf die Ferien freuen, dafür haben der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther und der Reiseversicherer Generali gesorgt. 14.000 Käufer eines U-Deals-Gutscheins halten aber etwas in den Händen, das aktuell fast nichts wert ist. Bezahlt hatten sie im Durchschnitt 120 bis 160 Euro für die Aussicht auf günstige Hotelnächte. „Die geleisteten Zahlungen fallen in die Insolvenzmasse“, sagt Flöther. Auf der U-Deals-Seite schreibt das Unternehmen dazu nichts, sondern lobt sich unverdrossen als „einer der deutschen Marktführer in der Vermittlung von Reisedeals“.

          Das Flugzeugwrack in einem Wald in Slowenien

          Einer der Größten zu sein – mit diesem Selbstbewusstsein agierte Unister, bis das Geld knapp wurde. Ein Geschäftspartner vergleicht es mit der mythologischen Gestalt des Ikarus, der im Übermut zu nah an die Sonne flog. Pikanterweise kam Wagner ums Leben, als sein Kleinflugzeug auf dem Weg von Venedig nach Leipzig so hoch aufstieg, dass die feuchten Flügel vereisten und die Maschine in einem slowenischen Wald zerschellte. Was zuvor in Venedig passierte, erscheint als obskure Betrugsgeschichte, in der Wagner zum Opfer wurde, weil er auf der Suche nach neuen Geldgebern für sein angeschlagenes Imperium offenbar zu leichtfertig handelte.

          Der Name Unister steht für „University“ und „Napster“

          Nach Informationen der F.A.Z. soll er mit einem größeren Eurobetrag angereist sein. Dieser sollte als Ausfallversicherung für eine noch größere Summe Schweizer Franken dienen, die ihm ein vermeintlicher Geldgeber leihen wollte. Am Ende soll Wagner mit 10.000 Franken und einer Menge Falschgeld dagestanden haben. Er erstattete Anzeige, das bestätigt die Polizei. Obskur bleibt, wie ein Unternehmer, dem es gelang, den deutschen Urlaubsmarkt aufzuwirbeln, womöglich auf eine derartige Betrugsmasche hereinfallen konnte. Daniel Kirchhof, Mitgründer und -gesellschafter, einst Wagners Freund und Finanzchef, zuletzt aber sein Gegner, hat Anzeige wegen einer möglichen Veruntreuung erstattet – formal gegen unbekannt.

          Voller Tatendrang, gepaart zuweilen mit Leichtfertigkeit – so beschreiben einstige Partner den Aufstieg von Unister aus einem Studentenwohnheim zum Konzern, der mit Reisen zur Größe wurde. Dabei war Wagner kein Touristiker. Der BWL-Student, der sein Studium abbrach, entwarf eine Internetseite, auf der teure Hochschul-Fachliteratur geteilt werden sollte wie kopierte Musikdateien auf dem Portal Napster. Der Name Unister ist eine Kombination aus University und Napster. Erst der rechtliche Ärger des Vorbildportals brachte ihn und seine Gefährten dazu, diese Idee nicht umzusetzen. Das eigene Handeln in der Gründerzeit bezeichnete Wagner selbst mal als „naiv“.

          Thomas Wagner wurde nur 38 Jahre alt.

          Doch er hatte erkannt, dass sich mit der Vermittlung von Reisen eher Geld verdienen lässt. Er war schneller als der Rest der Branche, als es darum ging, Websites prominent in Suchmaschinen unterzubringen und über Werbeschlagworte bei Google Kunden anzulocken. Schneller war er auch damit, aus Flug- und Hoteldatenbanken Pauschalreisepakete zusammenzubauen. Die großen Konzerne mussten teuer nacharbeiten. Genial waren seine Ideen nicht, aber Wagner war fleißiger und schneller als andere – agierte im Verkauf aber auch an Grenzen des Zulässigen mit Preisaufschlägen und Reiseversicherungs-Abonnements, die flüchtig lesende Kunden zu spät als solche erkannten. Das brachte Unister Verbraucherschützerklagen ein. Auch strafrechtliche Ermittlungen nagten am Ruf, obwohl bislang kein Prozess begonnen hat. Zeitgleich legten konkurrierende Portale Rabattaktionen auf, bei denen sie ahnten, dass Unister kaum mithalten konnte.

          Der einstige Glanz des Start-ups ist weg. Ein Geschäftspartner beschreibt es als größten Fehler Wagners, dass er 2015 ein Angebot für die Reisesparte ausschlug. Bieter wie Pro Sieben Sat 1 hatten sich dafür interessiert. Der gebotene dreistellige Millionenbetrag, der einen Abschlag für die Rechtsrisiken enthielt, war Wagner aber zu niedrig. Diese Risiken waren auch der Grund, warum nach dessen Tod niemand dem Alleingeschäftsführer nachfolgen wollte. Nun muss Insolvenzverwalter Flöther Käufer für die Gruppe finden, in der immer wieder umgebaut wurde, wie es Gründer und wirtschaftliche Zwänge verlangten. Flöther müht sich, einen Überblick zu bekommen. Das könne Wochen dauern, heißt es aus Unternehmenskreisen. Immerhin hat sich eine zweistellige Zahl an Interessenten gemeldet, die in der Insolvenz von Risiken befreite Teile kaufen wollen – auch Pro Sieben Sat1 mit seiner Reisesparte, zu der das Konkurrenzportal weg.de gehört, soll dazugehören.

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