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Großbritannien : Aktionäre protestieren gegen Verstaatlichung von Northern Rock

  • Aktualisiert am

Sein Ruf ist ramponiert: Gordon Brown (l.) neben Schatzkanzler Darling Bild: AP

Die Kreditkrise ist in Großbritannien zu einer politischen Krise geworden. Nach der Verstaatlichung der strauchelnden Hypothekenbank Northern Rock spürt ausgerechnet der Finanzplatz London den faden Beigeschmack des Sozialismus.

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          Aktionäre der britischen Hypothekenbank Northern Rock haben am Montag mit Entsetzen auf die Regierungspläne zur Verstaatlichung des Instituts reagiert. Das Vorhaben hat die Regierung von Gordon Brown in erhebliche Erklärungsnot gebracht. „Wir haben die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt aus den richtigen Gründen getroffen“, verteidigte Premierminister Brown am Montag in London die Entscheidung. Mit der erklärtermaßen vorübergehenden Verstaatlichung schütze die Regierung die Bank vor den Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten. Die Regierung versuchte sich auch mit einem Vergleich aus der Affäre zu ziehen. Banken in den Vereinigten Staaten und Deutschland seien ebenfalls in dem schlechten wirtschaftlichen Umfeld in Schwierigkeiten geraten. „Ich glaube, wir waren besser vorbereitet“, sagte Brown.

          Das klingt wie Hohn, stellte die britische Regierung doch umgerechnet sagenhafte 73 Milliarden Euro an Notkrediten und Garantien für die Krisenbank bereit. Die Kosten sollen nun sogar auf fast 150 Milliarden Euro steigen. Kritisiert wurde vor allem, dass die vorübergehende Verstaatlichung, die vielen schon lange als unvermeidlich erschien, erst fünf Monate nachdem die Bank in die Krise schlitterte, verkündet wurde.

          Die erste Verstaatlichung seit den 70er Jahren

          Der Handel mit Northern-Rock-Aktien wurde am Montag ausgesetzt; nachdem Finanzminister Alistair Darling den Schritt am Vortrag angekündigt hatte. Entsprechende Notgesetze sollten durch das Parlament gebracht werden. Es ist die erste Verstaatlichung in Großbritannien seit den 70er Jahren, und die erste einer Bank im Vereinten Königreich. Für viele hat die Verstaatlichung einer Bank den faden Beigeschmack des Sozialismus - und das ausgerechnet am Finanzplatz London, dem wichtigsten in Europa. Die veröffentlichte Meinung kannte am Montag keine Gnade. „Desaster“, „Schande“, „unglaubliche Blamage“, titelten die Zeitungen. Für die Spekulationsfehler der Bank am amerikanischen Immobilienmarkt muss der Steuerzahler in die Bresche springen.

          Der neue Chef Ron Sandler wird zahlreiche der 6500 Stellen streichen
          Der neue Chef Ron Sandler wird zahlreiche der 6500 Stellen streichen : Bild: REUTERS

          Das Geschäft übernimmt der bewährte City-Manager Ron Sandler, der 90.000 Pfund pro Monat für den Posten bekommt. Unklar war, wie viel die Anteilseigner im Gegenzug erhalten würden. Aktionärsvertreter erklärten am Montag, rechtliche Schritte zu prüfen. Es wird davon ausgegangen, dass das der fünftgrößte Baufinanzierer Großbritanniens zahlreiche der 6500 Stellen streichen wird.

          Der Fels, ein Wrack

          Die Hypothekenbank war vor einem halben Jahr im Zuge der amerikanischen Immobilienkrise ins Trudeln geraten und musste von der Bank of England vor dem Untergang gerettet werden. Die Bank aus Newcastle, einst wegen ihrer Standhaftigkeit „The Rock“ genannt und nun in „The Wreck“ (das Wrack) umgetauft, machte vergangenen September Schlagzeilen: Die Bilder von Kunden, die vor den Filialen Schlange standen und ihr Erspartes retten wollten, gingen um die Welt. Zusammen mit dem Notkredit und den staatlichen Garantien stecken 55 Milliarden Pfund (73 Milliarden Euro) der Steuerzahler in der Bank. Die Summe soll nach Medienangaben nun auf 110 Milliarden Pfund steigen. Weder der Milliardär Richard Branson mit seiner Virgin-Gruppe noch das bankeigene Management hatten nach Angaben des Finanzministeriums ein Angebot vorgelegt, „das die Interessen der Steuerzahler“ wahre.

          Der Schritt weckt düstere Erinnerungen an eine Zeit, in der die Labour-Partei an der Macht war und das Land mit seinen Staatsunternehmen tief in der Krise steckte. Für Brown ist es deshalb eine Niederlage, genoss der ehemalige Schatzkanzler bisher doch hohes Ansehen für seinen Wirtschaftsverstand. „Dass Brown mit seinem ökonomischen Sachverstand den guten Ruf verloren hat, ist eine Tragödie für einen Mann und seine Partei. Aber der Schaden für die Wirtschaft Großbritanniens ist eine Bürde für uns alle“, kommentierte die Zeitung „Independent“.

          Privatanleger „geschockt, dass die Regierung dies getan hat“

          Der Schattenkanzler der Konservativen, George Osborne, nannte die Entscheidung den Tag, „an dem Labours Ruf für ökonomische Kompetenz gestorben ist“. „Ich bin geschockt, dass die Regierung dies getan hat“, sagte Robin Ashby vom Verband der Privatanleger von Northern Rock. „Das ist ein sehr trauriger Tag für den Aktienmarkt, die Bankenbranche und den Ruf Großbritanniens als Finanzplatz“, sagte der Chef des Hedgefonds SRM, der zusammen mit dem Konkurrenten RAB Capital fast 20 Prozent an der Bank kontrolliert. „Wir werden die Übertragung dieser Gesellschaft an eine dritte Partei nach einer verübergehenden Verstaatlichung nicht hinnehmen, aus der diese dritte Partei anschließend erheblichen Gewinn ziehen wird“, sagte Roger Lawson von der britischen Aktionärsvereinigung. Northern Rock hat insgesamt rund 180.000 Aktionäre.

          Die Labour-Regierung zeigte sich trotz der Verstaatlichung offen für neue Angebote. Wenn es Interessenten mit entsprechenden Angeboten für die Bank gebe, werde er ihnen zuhören, sagte Darling am Montag der BBC.

          Analysten gingen jedoch davon aus, dass Northern Rock mindestens drei Jahre unter den Fittichen des Staates bleibt. Abhängig ist das auch von der wirtschaftlichen Situation. Da Großbritannien aber seit Monaten einen schweren Schlag durch die Finanzmarktturbulenzen fürchtet und die Hauspreise auf der Insel fallen, könnte es weiter ein zäher Kampf bleiben, die Bank wieder in Privatbesitz zu bringen.

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