https://www.faz.net/-gqe-6mi77

Größter Pressegroßhändler : „Ich lebe mit, für und von Print“

  • -Aktualisiert am

PVG-Geschäftsführer Thomas Kirschner in der Zentrale in Frankfurt: „Auf eins dürfen wir uns nicht verlassen: darauf, dass kein anderer unsere Arbeit machen kann” Bild: Frank Röth

Der Presseeinzelhandel schrumpft, aber der Frankfurter Großhändler wächst. Gesellschafter Thomas Kirschner setzt dafür ganz auf Logistik. „Zeitschrift und Zeitung sind Grundnahrungsmittel der Demokratie“, sagt er.

          Auch Erfolg schmeckt mal schal. Thomas Kirschner darf sich freuen, wenn er ein, zwei Jahre verhandelt und dann den Zuschlag erhält, einen anderen Pressegroßhandel zu kaufen. Doch gleichzeitig weiß er, dass er Menschen entlassen wird. Nur damit kann er die Skaleneffekte nutzen, nur so lohnt sich der Zusammenschluss. Den Mitarbeitern sagt er, dass es ein halbes Jahr wie bisher weiterlaufen wird, bevor das gekaufte Unternehmen schließt. Die Verwaltung wird dann aus Frankfurt gesteuert. Kirschner setzt sich mit jedem zusammen, dem er kündigt, auch wenn dieser 20 oder 30 Jahre gut gearbeitet hat. Eine Niederlage im Erfolg. „Da kann ich nicht stolz drauf sein“, sagt der 43 Jahre alte Kirschner: „Aber leider gibt es manchmal wirtschaftliche Zwänge.“ Was dem einen schadet, hilft dem anderen.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gewachsen, um zu bleiben: Das ist die Erfolgsformel im schrumpfenden Presseeinzelhandel, dem jedes Jahr einige Prozent an Umsatz wegbrechen. „Der Presse-Grosso-Markt wird immer kleiner“, merkt Thomas Kirschner seit zehn Jahren. Er ist Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter des Frankfurter Pressegroßhandels, der PVG Presse-Vertriebs-Gesellschaft. Unter ihm ist das Unternehmen zum größten Grosso-Betrieb Deutschlands gewachsen - durch die Zukäufe.

          Wie 70 andere Pressegrossisten liefert die PVG als neutraler Dienstleister Zeitschriften und Zeitungen an den Einzelhandel. In ihrem Gebiet haben Grosso-Betriebe das Alleinlieferungsrecht, aber gleichzeitig auch die Pflicht, alle Publikationen an den Kiosk zu bringen und nicht verkaufte Exemplare wieder abzuholen. Durch den freien Marktzugang sichert das Vertriebssystem die Pressevielfalt und -freiheit. Die PVG liefert in Teilen von Hessen und von Rheinland-Pfalz auf einer Fläche von 18.000 Quadratkilometern aus und versorgt 6.800 Einzelhändler und 4,6 Millionen Einwohner.

          „Wir haben nur eine Chance, in einem immer kleiner werdenden Markt Anteile hinzuzugewinnen und unseren Kunden darüber hinaus weitere Dienstleistungen anzubieten”

          Nach außen scheinen die Großhändler eine sichere Position zu haben, doch die Verlage erhalten in Verhandlungen einen immer höheren Anteil vom Verkaufspreis - zu Lasten der Grossisten. Gerade steht auch das ganze System vor Gericht, weil der Hamburger Bauer-Verlag den Branchenkonsens verlassen hat und mit dem Großhandel im Rechtsclinch liegt (siehe Gericht stärkt Bauer-Verlag: Gegenwind für Pressegroßhandel in der Kartellklage). Das beschäftigt selbst den Bundesgerichtshof in Karlsruhe (siehe Presse-Grosso vor Gericht: Sprengstoff für die gesamte Branche). Der Ausgang ist ungewiss. „Auf eins dürfen wir uns nicht verlassen: darauf, dass kein anderer unsere Arbeit machen kann“, sagt Kirschner. Er will mit Leistungen die Verlage überzeugen - selbst wenn er nicht das Alleinlieferungsrecht hätte, sollten die Verlage ihn zu ihrem eigenen Vorteil beauftragen.

          Er ist noch keine 30 Jahre alt und will in den Betrieb einsteigen

          Aufgewachsen ist Thomas Kirschner zwischen Zeitungen und Zeitschriften. Sein Vater war Pressegroßhändler in Troisdorf für die Bonner Region. Die Kinder spielten im Altpapiercontainer. Und mit 13 Jahren stand Kirschner jeden Sonntag um 4 Uhr auf - um Zeitungen auszutragen. Damit musste er sich beeilen. Denn er spielte Tennis und stand am gleichen Tag meist um 9 Uhr auf dem Platz, um Bälle über das Netz zu spielen. Abends wusste er dann, was er getan hatte, erinnert sich Kirschner heute.

          Im Rückblick hört sich viel nach einem großen Plan an. Für Kirschner war es wohl wirklich einer. Sein Vater war mit dem Frankfurter Kollegen, Alfons Geubels, eng befreundet. Thomas Kirschner hält den Kontakt zu dessen Familie: Während der Schule und des Studiums arbeitet er immer im Frankfurter Pressevertrieb und remittiert etwa Zeitungen, weil er mit einem Einstieg liebäugelt. Denn er bekommt mit, dass sich die Gesellschafter der PVG uneinig sind. 1997 steht die Hälfte des Betriebs zum Verkauf, zahlreiche Interessenten - andere Grossisten und Verlage - wollen einsteigen. Auch Kirschner. Damals ist er noch keine 30 Jahre alt, kennt sich aber in der Branche und im Frankfurter Grosso-Betrieb aus. Er kämpft, holt sich einen Bankkredit, wirbt um Verständnis der Kunden und die Zustimmung der Gesellschafter.

          Sein großer Erfolg: Der Plan geht auf, 1999 übernimmt er eine Mehrheit. Die Schulden dafür hat er mittlerweile abbezahlt. In den ersten Jahren bleibt der Umsatz gleich, aber von 2001 an sinkt er. Die Schlussfolgerung ist damals wie heute gleich. „Wir haben nur eine Chance, in einem immer kleiner werdenden Markt Anteile hinzuzugewinnen und unseren Kunden darüber hinaus weitere Dienstleistungen anzubieten“, sagt Kirschner. Die PVG expandiert. 2005 kauft sie den Presse-Vertrieb Merkur in Liederbach nahe Frankfurt, der den Einzelhandel in Teilen der Stadt und der Region mit Zeitungen und Zeitschriften beliefert. 2009 übernimmt die PVG die Becker & Winarek Presse Grosso in Longuich in Rheinland-Pfalz - und wird zum größten Pressegroßhandel Deutschlands.

          Andere gingen zu Investmentbanken oder Internetunternehmen

          Kirschner erhält die Logistikdependancen in Trier, Bad Kreuznach und Mainz, aber der kaufmännische Bereich muss gehen. In Trier entlässt er 60 Mitarbeiter. Die Verwaltung steuert er komplett von Frankfurt aus. Zudem verlässt das Unternehmen den reinen Pressegroßhandel. „Wir werden neben Print, was immer unser Kerngeschäft bleiben wird, auch in andere Märkte hineingehen“, sagt Kirschner. 2005 kauft die PVG den Logistikdienstleister VCA im hessischen Mörfelden. 2008 übernimmt sie Infox, einen Informationslogistiker für die Touristikbranche, der im Auftrag von Reiseveranstaltern mit Zehntausenden Reisebüros kommuniziert. Auf das Unternehmen stößt Kirschner, weil es in der Straße seines elterlichen Betriebs liegt. Er sieht, wie es wächst und große Mengen Reisekataloge ankommen. 2008 steht Infox kurz vor der Insolvenz. Kirschner greift zu, einigt sich mit den Banken und saniert rasch.

          Jedes Jahr soll der Umsatz um 5 Prozent wachsen. Die VCA hat inzwischen Standorte in Hamburg und Berlin, ab Oktober auch in Stuttgart und München. Für einen Autohersteller kommissionieren sie Bordbücher und Anleitungen für die Werkstätten. Sie lagern, verpacken und verschicken bundesweit einige Produkte eines Pharmakonzerns. Sie arbeiten für die hessische Lottogesellschaft, die Lufthansa und deutsche Banken. Kirschner will weitere logistische Dienstleistungen übernehmen. Er bietet Unternehmen an, die Poststelle zu übernehmen und damit ein Drittel der Kosten zu sparen. Infox hat sich auf Wunsch seiner Kunden digitale Druckmaschinen zugelegt, aber kann diese nicht auslasten. So drucken sie jetzt für große Fotobuchhersteller.

          Als Kirschner in den Pressevertrieb einsteigt, belächeln ihn die Kommilitonen. Sie gehen zu Investmentbanken oder Internetunternehmen. Heute ist er sich sicher, den richtigen Weg gewählt zu haben. Trotz der Umsatzrückgänge glaubt er an Gedrucktes. „Zeitschriften und Zeitungen sind Grundnahrungsmittel der Demokratie, und die wird es auch immer geben“, sagt er. „Ich lebe mit, für und von Print.“ Auch sein Sohn wird in einem Jahrzehnt als Jugendlicher Zeitungen austragen müssen - genau wie der Vater.

          Das Unternehmen

          1946 gründet Alfons Geubels den Frankfurter Pressegroßhändler, heute ist die PVG Presse-Vertriebs-Gesellschaft der größte Pressegrossist Deutschlands. Vor allem seit Kirschners Einstieg wurde expandiert. Neben ihm sind vier Enkel des Gründers als stille Gesellschafter beteiligt. Zur Unternehmensgruppe gehören die Logistikgesellschaft VCA und Infox, ein Dienstleister der Touristikbranche. 2010 setzte die Gruppe mit 700 Mitarbeitern erstmals mehr als 200 Millionen Euro um, 160 Millionen Euro davon im Presse-Grosso.

          Der Unternehmer

          Thomas Kirschner , Jahrgang 1967, wächst als Sohn eines Pressegroßhändlers im Rheinland auf. Er macht Abitur, eine Lehre zum Steuerfachgehilfen und studiert Betriebswirtschaftslehre in Trier. Nach dem Abschluss 1994 arbeitet er zwei Jahre in einer kleineren Unternehmensberatung und danach im Familienbetrieb in Troisdorf nahe Bonn, den heute sein älterer Bruder lenkt. 1999 kauft er mit 32 Jahren die Mehrheit an der PVG. Kirschner hält mehr als 51 Prozent und entscheidet über das operative Geschäft.

          Weitere Themen

          Jamie Olivers Restaurantkette ist pleite

          Starkoch : Jamie Olivers Restaurantkette ist pleite

          Lange Zeit war Oliver einer der kommerziell erfolgreichsten Köche der Welt. Nun droht „Jamie’s Italian“ das Aus. Die Gruppe ist schon länger in Schwierigkeiten – und Oliver gehört nicht mehr zu den reichsten Briten.

          Topmeldungen

          Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

          FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

          Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.
          Der Lautsprecher Amazon Echo ermöglicht den Kontakt mit Alexa – viele Menschen werden mit ihr bald mehr sprechen als mit ihrem Umfeld, glaubt die Unesco.

          Kritik von der Unesco : Alexa, förderst du Vorurteile über Frauen?

          Eine Frauenstimme, die jeder Bitte folgsam nachkommt: Laut einem Bericht der Unesco tragen Sprachassistenten wie Alexa und Siri zur Verbreitung von Geschlechterklischees und der Akzeptanz von sexistischen Beleidigungen bei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.