https://www.faz.net/-gqe-6mi77

Größter Pressegroßhändler : „Ich lebe mit, für und von Print“

  • -Aktualisiert am

Im Rückblick hört sich viel nach einem großen Plan an. Für Kirschner war es wohl wirklich einer. Sein Vater war mit dem Frankfurter Kollegen, Alfons Geubels, eng befreundet. Thomas Kirschner hält den Kontakt zu dessen Familie: Während der Schule und des Studiums arbeitet er immer im Frankfurter Pressevertrieb und remittiert etwa Zeitungen, weil er mit einem Einstieg liebäugelt. Denn er bekommt mit, dass sich die Gesellschafter der PVG uneinig sind. 1997 steht die Hälfte des Betriebs zum Verkauf, zahlreiche Interessenten - andere Grossisten und Verlage - wollen einsteigen. Auch Kirschner. Damals ist er noch keine 30 Jahre alt, kennt sich aber in der Branche und im Frankfurter Grosso-Betrieb aus. Er kämpft, holt sich einen Bankkredit, wirbt um Verständnis der Kunden und die Zustimmung der Gesellschafter.

Sein großer Erfolg: Der Plan geht auf, 1999 übernimmt er eine Mehrheit. Die Schulden dafür hat er mittlerweile abbezahlt. In den ersten Jahren bleibt der Umsatz gleich, aber von 2001 an sinkt er. Die Schlussfolgerung ist damals wie heute gleich. „Wir haben nur eine Chance, in einem immer kleiner werdenden Markt Anteile hinzuzugewinnen und unseren Kunden darüber hinaus weitere Dienstleistungen anzubieten“, sagt Kirschner. Die PVG expandiert. 2005 kauft sie den Presse-Vertrieb Merkur in Liederbach nahe Frankfurt, der den Einzelhandel in Teilen der Stadt und der Region mit Zeitungen und Zeitschriften beliefert. 2009 übernimmt die PVG die Becker & Winarek Presse Grosso in Longuich in Rheinland-Pfalz - und wird zum größten Pressegroßhandel Deutschlands.

Andere gingen zu Investmentbanken oder Internetunternehmen

Kirschner erhält die Logistikdependancen in Trier, Bad Kreuznach und Mainz, aber der kaufmännische Bereich muss gehen. In Trier entlässt er 60 Mitarbeiter. Die Verwaltung steuert er komplett von Frankfurt aus. Zudem verlässt das Unternehmen den reinen Pressegroßhandel. „Wir werden neben Print, was immer unser Kerngeschäft bleiben wird, auch in andere Märkte hineingehen“, sagt Kirschner. 2005 kauft die PVG den Logistikdienstleister VCA im hessischen Mörfelden. 2008 übernimmt sie Infox, einen Informationslogistiker für die Touristikbranche, der im Auftrag von Reiseveranstaltern mit Zehntausenden Reisebüros kommuniziert. Auf das Unternehmen stößt Kirschner, weil es in der Straße seines elterlichen Betriebs liegt. Er sieht, wie es wächst und große Mengen Reisekataloge ankommen. 2008 steht Infox kurz vor der Insolvenz. Kirschner greift zu, einigt sich mit den Banken und saniert rasch.

Jedes Jahr soll der Umsatz um 5 Prozent wachsen. Die VCA hat inzwischen Standorte in Hamburg und Berlin, ab Oktober auch in Stuttgart und München. Für einen Autohersteller kommissionieren sie Bordbücher und Anleitungen für die Werkstätten. Sie lagern, verpacken und verschicken bundesweit einige Produkte eines Pharmakonzerns. Sie arbeiten für die hessische Lottogesellschaft, die Lufthansa und deutsche Banken. Kirschner will weitere logistische Dienstleistungen übernehmen. Er bietet Unternehmen an, die Poststelle zu übernehmen und damit ein Drittel der Kosten zu sparen. Infox hat sich auf Wunsch seiner Kunden digitale Druckmaschinen zugelegt, aber kann diese nicht auslasten. So drucken sie jetzt für große Fotobuchhersteller.

Als Kirschner in den Pressevertrieb einsteigt, belächeln ihn die Kommilitonen. Sie gehen zu Investmentbanken oder Internetunternehmen. Heute ist er sich sicher, den richtigen Weg gewählt zu haben. Trotz der Umsatzrückgänge glaubt er an Gedrucktes. „Zeitschriften und Zeitungen sind Grundnahrungsmittel der Demokratie, und die wird es auch immer geben“, sagt er. „Ich lebe mit, für und von Print.“ Auch sein Sohn wird in einem Jahrzehnt als Jugendlicher Zeitungen austragen müssen - genau wie der Vater.

Das Unternehmen

1946 gründet Alfons Geubels den Frankfurter Pressegroßhändler, heute ist die PVG Presse-Vertriebs-Gesellschaft der größte Pressegrossist Deutschlands. Vor allem seit Kirschners Einstieg wurde expandiert. Neben ihm sind vier Enkel des Gründers als stille Gesellschafter beteiligt. Zur Unternehmensgruppe gehören die Logistikgesellschaft VCA und Infox, ein Dienstleister der Touristikbranche. 2010 setzte die Gruppe mit 700 Mitarbeitern erstmals mehr als 200 Millionen Euro um, 160 Millionen Euro davon im Presse-Grosso.

Der Unternehmer

Thomas Kirschner , Jahrgang 1967, wächst als Sohn eines Pressegroßhändlers im Rheinland auf. Er macht Abitur, eine Lehre zum Steuerfachgehilfen und studiert Betriebswirtschaftslehre in Trier. Nach dem Abschluss 1994 arbeitet er zwei Jahre in einer kleineren Unternehmensberatung und danach im Familienbetrieb in Troisdorf nahe Bonn, den heute sein älterer Bruder lenkt. 1999 kauft er mit 32 Jahren die Mehrheit an der PVG. Kirschner hält mehr als 51 Prozent und entscheidet über das operative Geschäft.

Weitere Themen

Kein Android mehr für Huawei? Video-Seite öffnen

Google-Boykott : Kein Android mehr für Huawei?

Google kappt in weiten Teilen seine Geschäftsbeziehungen mit dem chinesischen Hightech-Konzern Huawei. Damit beugt sich Google nach eigenen Angaben dem neuen Dekret von Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zur Telekommunikation. Das könnte weitreichende Folgen für Huawei-Nutzer haben.

Topmeldungen

„Zerstörung der CDU“ bei Youtube : Kommt damit klar!

„Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen“: Ein politisches Video des Youtubers Rezo sorgt unter Jugendlichen für Aufregung. Sein Titel: „Die Zerstörung der CDU“.

John Bolton : Er will sie das Fürchten lehren

Trumps Sicherheitsberater trommelt seit Jahren für einen Militärschlag gegen Iran. Europäische Diplomaten halten ihn für einen Ideologen. Doch jetzt hat er das Ohr des Präsidenten für sich.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.