https://www.faz.net/-gqe-a187p

Abspaltung von Siemens Energy : „Joe Kaeser hat nichts gelernt“

Joe Kaeser bei der virtuellen Siemens-Hauptversammlung am 9. Juli Bild: dpa

Die größte Transformation der Siemens-Geschichte ist fast einmütig abgesegnet worden. Der Börsengang der Energiesparte dürfte das Ereignis des Jahres am deutschen Aktienmarkt werden. Fridays for Future sieht ein „fossiles Geschäftsmodell“.

          6 Min.

          Der wichtigste Baustein für die größte Transformation in der Geschichte des Siemens-Konzerns ist am Donnerstag von den Aktionären einmütig zu 99,36 Prozent abgesegnet worden. Sie stimmten der Abspaltung der Sparte Energietechnik unter dem Namen „Siemens Energy“ zu. Damit ist der Weg frei, den mächtigen Anbieter von Kohle- und Gaskraftwerken, von Windkraftanlagen sowie Stromübertragung mit 91.000 Mitarbeitern und 28,8 Milliarden Euro Umsatz am 28. September an die Börse zu bringen. Es dürfte das große Ereignis des Jahres am deutschen Aktienmarkt werden.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Der „historische Moment“, wie der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser ihn bezeichnete, ging auf der virtuell ausgetragenen außerordentlichen Hauptversammlung (HV) des Technologieunternehmens sehr leise über die Bühne. Nur vereinzelt wurden  von Sprechern und Fondsvertretern Zweifel über den Erfolg laut. Sie hatten vorab schriftlich Fragen eingereicht. Schon vor Beginn jedoch  war klar: Stimmenrechtsvertreter, Aktionärsvereinigungen und Fondsgesellschaften würden der Transaktion zustimmen, womit die erforderliche Dreiviertel-Mehrheit der HV-Präsenz keine Hürde darstellte.

          Keine Demonstrationen wegen Coronavirus

          Das Sondertreffen der Aktionäre sollte eigentlich wieder von lauten Protesten der Gegner von Kohle- und Gasverstromung begleitet werden. Die noch zu normalen Zeiten angedachten Demonstrationen und Aktionen sind jedoch dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Vor der Pandemie-Zeit hatten sie schon auf der ordentlichen Hauptversammlung am 5. Februar die Schlagzeilen um Siemens bestimmt. Der Konflikt entbrannte damals an einem kleinen, aber wichtigen Signaltechnik-Auftrag für die umstrittene Kohlemine Adani in Australien.

          Diesmal sagte Nick Heubeck von Fridays For Future F.A.Z.: „Mit dem fossilen Geschäftsmodell von Siemens Energy wird klar, dass Joe Kaeser aus dem Fiasko rund um das Adani-Kohleminenprojekt überhaupt nichts gelernt hat.“ Und er setzte noch einen oben drauf: Siemens Energy sei ein fossiles Unternehmen durch und durch. Um die Pariser Klimaziele einzuhalten, müsse Kaeser in den nächsten Jahren komplett aus allen fossilen Energieträgern aussteigen. „Dreckiges Gas dabei als Übergangstechnologie zu propagieren, ist reines Greenwashing von Siemens.“

          Kaeser selbst scheinen die ereignisreichen Tage im Vorfeld der damaligen Hauptversammlung auch heute noch in deutlicher Erinnerung zu sein. Er ging in seiner Rede am Donnerstag auf die Klimathematik ein. „Ich habe den Vorstand der Siemens Energy AG gebeten, zügig einen stakeholdergerechten Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle vorzulegen“, sagte er, nannte allerdings keine Zeithorizonte. „Dieser wird verantwortungsvoller sein, als manche Aktivisten das einseitig fordern, aber sicher konsequenter als Zögerlinge dies für notwendig halten.“ Der Kampf gegen den Klimawandel erfordere eine entschlossene Umstellung der Stromproduktion, da sie etwa 40 Prozent der globalen energiebezogenen CO2-Emissionen ausmache und der  Strombedarf weiter rasant steigen werde.

          Große neue Aufgabe für Joe Kaeser

          Die neue Rest-Siemens mit den verbliebenen drei Geschäftsaktivitäten Digitale Industrieautomation, intelligente Infrastruktur (Smart Infrastructure) und Bahntechnik (Siemens Mobility) entledigt sich damit der an Gewicht gewinnenden Diskussion um den Klimaschutz. Nicht aber Joe Kaeser: Er wird der Aufsichtsratsvorsitzende von Siemens Energy und widmet sich nach seinem Ausscheiden Anfang Februar 2021 formal als Konzernchef einer neuen großen Aufgabe. Er wird eine machtvolle Position als Chefkontrolleur der neuen Gesellschaft übernehmen und ein scharfes Auge auf den erst im Mai eingetretenen Neuen Christian Bruch werfen. Der frühere Linde-Vorstand hat den überraschend ausgeschiedenen Michael Sen abgelöst, der gleichzeitig mit dem damaligen Finanzvorstand Klaus Patzak nach einem Streit mit Kaeser gegangen war.

          Historisch ist die  Abspaltung allein schon deshalb, weil Siemens damit einen großen Teil seiner Wurzeln kappt. Dahinter steckt der Gedanke, dass das kapitalintensive Energiegeschäft mit seinen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sich schneller und flexibler entwickeln und besser über die Kapitalmärkte Geld für Investitionen beschaffen könnte. Zudem aber kann sich der Rest-Konzern mit einem verbleibenden Umsatz von 58 Milliarde Euro (Geschäftsjahr 2019) auf seine margenstärkeren Industrieaktivitäten konzentrieren. Siemens Energy hat schließlich in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2019/2020 (30. September) einen Nettoverlust von 337 Millionen Euro geschrieben.

          Gleich in die Minderheit

          Die Abtrennung ist noch schwerwiegender als der Börsengang der Medizintechnik (Siemens Healthineers) im März 2018. An der ist die Siemens AG immer noch mit 85 Prozent beteiligt. Der Konzern wird nämlich schon mit dem ersten Schritt der Abspaltung und des Börsengangs nur noch insgesamt 45 Prozent halten. Anders als bei einer Emission mit einem breiten öffentlichen Zeichnungsangebot an Investoren, bleiben die  Siemens-Aktionäre Eigner von Energy. Sie erhalten eine Energy-Aktie für zwei Siemens-Papiere. Damit kann der Börsengang unabhängig vom derzeit äußerst labilen Klima am Aktienmarkt erfolgen. Für Kaeser ist der Hauptgrund aber ein anderer: „Wir haben uns gegen einen Börsengang entschieden, weil wir den von der Siemens AG gehaltenen Anteil an Siemens Energy im Vorfeld exakt festlegen wollten und weil wir so einen weitaus größeren Anteil an Siemens Energy-Aktien abgeben können.“ Das unterstreicht die Entschlossenheit, sich aus diesem Geschäft zu verabschieden.

          Zwar sind  drei Vertreter des Siemens-Konzerns – neben Kaeser auch Thomas und Matthias Rebellius aus dem Vorstand der Sparte Smart Infrastructure – im neuen Aufsichtsgremium. Doch ist eine „Entherrschung“ vereinbart, womit Zugriff und Einflussnahme durch den Konzern beschränkt werden. Zudem ist geplant, dass Siemens seinen Anteil in den kommenden zwölf bis 18 Monaten weiter reduzieren will, auf 20 bis 25 Prozent. So verhielt es sich auch bei der Abspaltung von Osram im Juli 2013. Siemens hatte drei Jahre später den Restanteil von knapp 20 Prozent abgestoßen.

          Hoffen auf den Dax

          „Wir sind zuversichtlich, dass die Siemens-Energy-Aktie in den M-Dax aufgenommen wird, wobei auch eine spätere Aufnahme in den Dax oder andere Indices nicht ausgeschlossen ist“, sagt Finanzvorstand Thomas. Unbestritten handelt es sich um ein neues Börsenschwergewicht, wobei die Analystenschätzungen zwischen einem Wert von 15 bis 30 Milliarden Euro schwanken. Kaeser bezifferte den Nettobuchwert von Siemens Energy auf 17 Milliarden Euro, was eine Indikation sein könnte.

          Der Börsengang via Abspaltung hat besonders im Fall von Siemens Energy den großen Vorteil, dass das Unternehmen ohne überzeugende Börsengeschichte und kurzfristige Perspektiven plaziert werden kann. Zu groß sind nämlich die Baustellen bei Siemens Energy. Das hohe Defizit der Sparte ist ein Resultat der harten Wettbewerbslage, sowohl im konventionellen Bereich der Stromerzeugung mit Kohle, Gas und Öl wie auch mit erneuerbaren Energien. Die Energietechnik mit Kohle- und Gaskraftwerken leidet wegen der globalen Energiewende unter mitunter deutlich sinkender Nachfrage, besonders in Europa. Das Windkraftgeschäft der in Spanien notierten Siemens Gamesa (Anteil 67 Prozent) leidet ebenso unter schwacher Nachfrage in wichtigen Ländern sowie wachsenden  Ausschreibungen zu niedrigeren, marktfähigen, also nicht mehr subventionierten Preisen. Hinzu kommen seit Jahren schwerwiegenden hausgemachte Problemen, etwa in der Abwicklung von großen Windkraftprojekten. In beiden Bereichen laufen tiefgreifende Kostenprogramme.

          Querelen belasten die Vorbereitung

          Hinzu kommen personelle Querelen mit Michael Sen und Klaus Patzak, die mitten in der heißen Phase der Vorbereitungen für die Abspaltung und den Börsengang von Bord gingen. Erst vor wenigen Wochen musste auch Siemens-Gamesa-Chef Markus Tacke gehen. Der neue Energy-Vorstandschef Bruch benötigt indes noch Einarbeitungszeit. So vermochte er bis dato noch nichts über den zukünftigen Sitz der Gesellschaft zu sagen. Die Entscheidung hat ihm nun Kaeser abgenommen. Am Donnerstag verkündete er, dass Siemens Energy in München sitzen werde.

          Die von der Siemens AG üppige Kapitalausstattung von Energy scheint viele Investoren zu besänftigen. Und doch war die Zustimmung der Aktionäre von Zweifeln begleitet. „Mit ausgewechseltem Führungspersonal bei Siemens Energy und der Tochter Siemens Gamesa soll nun der große Wurf gelingen“, brachte Winfried Mathes von Deka Investment das Dilemma auf den Punkt. „Allerdings stellt sich die Frage, für was Siemens Energy eigentlich steht: für eine Restrukturierungsstory mit weiteren harten Kostensenkungsrunden, eine Service-Dienstleistungs-Story für ein starkes Fundament des Geschäftsmodells, eine Wachstumsstory mit Wasserstoff- und Power-to-X-Lösungen oder doch für alles zusammen?“ Die Profitabilität müsse unbedingt steigen. Und: Mit Herrn Kaeser als Aufsichtsratsvorsitzenden und Herrn Thomas als Prüfungsausschuss-Vorsitzenden seien die beiden wichtigsten Positionen im Aufsichtsrat von Siemens Energy an Siemens-Vertreter vergeben. „Das ist aus Corporate Governance-Sicht nur schwer verdaulich und nicht gerade Best Practice.“ Da werde wohl über die Zusammensetzung und das Kompetenzprofil des Aufsichtsrats bis zur Hauptversammlung im Jahre 2021 noch viel zu diskutieren sein.

          Vera Diehl von der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment fragte sich, wie Kaeser sicherstellen wolle, dass Siemens Energy möglichst unabhängig und im Interesse aller Aktionäre kontrolliert werde. Mit mehr Unabhängigkeit bekomme Siemens Energy die Chance, Rendite und Klimaschutz miteinander zu verbinden, so Diehl weiter. „Aber der Weg zum ’grünen Unternehmen` ist noch weit; wir werden das Unternehmen danach bewerten, ob es liefert, das heißt konstante Margen erwirtschaftet und selbst gesteckten Ziele erreicht.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht den Fehler nicht bei sich: Olaf Scholz Ende April

          Cum-Ex : Schweigen über Steuertricks

          Alle Parteien begrüßen die höchstrichterliche Entscheidung zu Cum-ex, da die verwerfliche Praxis doch den Staat Milliarden gekostet hat. Der Bürger darf sich weiterhin fragen, wie es dazu kommen konnte.
          Guckloch: Blick auf die Altstadt Jerusalems mit dem Tempelberg

          Muslimisch-Jüdischer Dialog : Koscher oder halal?

          Ein muslimisch-jüdisches Paar bietet Anlass zu Projektionen. Ihre Ehe ist kein politisches Projekt – und führt doch in etliche Konfliktfelder. Davon berichten unsere beiden Kolumnisten von nun an in „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.