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Männersachen : Mein Haus, mein Auto, mein Grill

Gerne gegrillt wird mit der Holzkohle „Männerglut“: Sie ist „extra heiß und glüht extra lang“. Bild: dapd

Mit Bier überschüttete Würstchen - das war gestern. Heute beweist sich der versierte Griller an der 1000-Euro-Gasstation. Das Geschäft der Hersteller brummt.

          3 Min.

          183.400 Euro - so viel haben 20 Sekunden Fernsehwerbung in der Halbzeitpause des WM-Vorrundenspiels zwischen Deutschland und Portugal gekostet. Eine Menge Geld für eine derart kurze Werbeeinblendung. Für den Grillhersteller Weber dürfte es sich trotzdem auszahlen. Besser jedenfalls hätte es kaum laufen können bei der Fernsehpremiere. Ausgerechnet den Dreifachtorschützen und Bayern-Sympathiebolzen Thomas Müller hat der amerikanische Grillhersteller mit Deutschlandsitz im rheinhessischen Ingelheim als Werber verpflichtet. Ein Glücksgriff. Und so sahen an diesem Dienstag mehr als 26 Millionen Zuschauer den erfolgreichen Kicker nicht nur am Ball, sondern auch noch am Grill.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Für Müller und die Griller läuft es gleichermaßen blendend. Seit ein paar Jahren erleben die Grillhersteller in Deutschland einen Boom, von dem andere Branchen nicht zu träumen wagen. Weber, deren Mutterkonzern Weber-Stephen Products aus dem amerikanischen Illinois die Erfindung des Kugelgrills für sich reklamiert, gibt sich überaus optimistisch. Das Umsatzwachstum liege „konstant im zweistelligen Bereich“, sagt Europa-Marketingchef Marc André Palm. Manuel Gandt vom größten Online-Grillhändler Grillfürst wird noch deutlicher: Allein in den vergangenen beiden Jahren seien die Umsätze um 70 Prozent gestiegen. „Und wir spüren nicht, dass diese Entwicklung aufhört.“ Auf zwei Millionen Besucher und 70.000 Bestellungen im Jahr kommt allein Grillfürst.

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          Und beide, sowohl der Hersteller als auch der Online-Händler, investieren noch mehr in den Vertrieb. Weber hat gerade erst den ersten „Weber Original Store“ in Berlin eröffnet. Grillfürst stampfte im hessischen Bad Hersfeld den nach eigenen Angaben deutschlandweit größten Fachmarkt für Grills und Grillzubehör aus dem Boden. Auf 2000 Quadratmetern präsentiert das Unternehmen seit Mai mehr als 3000 Artikel. Das Geschäft sei besser angelaufen als erwartet, sagt Gandt. „Dieser Megastore wird nicht der einzige bleiben.“ Dass der Onlinehändler den umgekehrten Weg geht und seine Kunden nicht mehr nur im Internet bedient, hat einen einleuchtenden Grund: Nach Gandts Worten werden online vor allem billige Grills bestellt. Teure Geräte würden nach wie vor lieber im Geschäft gekauft. Weber-Grill verlange ohnehin von seinen Händler einen stationären Laden. Und Baumärkte, die in Deutschland den Großteil des Grillgeschäftes machen, seien keine echte Konkurrenz für Markenartikel. Dort werde meistens nur ein abgespecktes Sortiment der Markenartikler angeboten.

          Das Grillen hat sich gewandelt

          Keine Frage: Grillen ist heute Lifestyle. Mein Haus, mein Auto, mein Grill. Das jahrtausendealte Fleischbraten über offenem Feuer hat einen bemerkenswerten Wandel hinter sich. Bierüberschüttete Billigwürstchen auf dem Dreibeingrill aus der Tankstelle, das war gestern. Heute steht der versierte Griller vor seiner 1000-Euro-Gartengrillstation mit Seitenkocher, Hähnchensitz, Funkthermometer, eigenem Brandeisen und hebt das Barolo-Glas. Die Deutschen würden beim Grillen immer experimentierfreudiger, entsprechend steige die Nachfrage nach neuen Zubereitungsmethoden und Equipment, sagt Weber-Marketing-Mann Palm. „Wir sind überzeugt, dass diese äußert positive Entwicklung auf dem deutschen Markt weiter anhält“, meint Palm. Tatsächlich ist es mit laienhaftem Würstchenversengen schon lange nicht mehr getan. Unter den 20 meistverkauften Produkten bei Grillfürst befindet sich neben der Grillbürste Silvi auch Grillschokolade, eine Popcornpfanne, Pizzasteine, Grillhandschuhe aus Wildleder und ein Funk- Grillthermometer für iPhone- und Android-Handys. Und natürlich die Holzkohle „Männerglut - extra heiß und glüht extra lang“.

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          Ohnehin stellten Männer den Löwenanteil der Kundschaft. „Das war schon immer so“, sagt Gandt. Zwischen 1,1 und 1,4 Milliarden Euro soll der Gesamtmarkt für Grillen und Grillzubehör mittlerweile groß sein. Landmann, Marktführer in Deutschland und Lieferant von Baumärkten und Discountern, hat die Zahl der verkauften Grills vor einigen Jahren auf 4,5 Millionen beziffert. Einig sind sich alle Beobachter, dass das Geschäft rasant gewachsen ist. Nach Schätzung des Industrieverbands Garten (IVG) hat sich der Markt in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. Nach wie vor ist der Holzkohlegrill die Nummer eins, gefolgt vom Elektrogrill. Gasgrills stehen noch dahinter zurück, sind aber stark im Kommen. Der Trend gehe ohnehin zum Zweitgrill. Smoker heißt es, seien sehr gesucht. Ihre größten Hoffnungen setzt die Branche auf den Zubehörmarkt - von der Grillschürze bis zum Gourmet BBQ System - einem „Systemrost für kulinarische Vielfalt mit einer runden Aussparung in der Mitte“. Das Angebot wächst ständig.

          Nur der Versand von Biofleisch hat die Erwartungen noch nicht erfüllt, sagt Gandt. Vermutlich sei Grillfürst damit zu früh auf den Markt gekommen. Das Dry Aged Black Angus Ochsenkotelett aus Bayern für 45 Euro das Kilo ist dann doch für die Masse der Griller des Guten zu viel. Manches am Grillen bleibt eben doch, wie es war. Eine Nachfrage beim Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie bringt Klarheit: „Bratwürste und marinierte Schweinesteaks sind eindeutig die beliebtesten Grillprodukte der Deutschen. Mit großem Abstand folgen marinierte Steaks von Hähnchen und Pute. Die Nachfrage nach diesen Artikeln erreicht zwischen April und September Spitzenwerte.“

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