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Abgase : Italienischer Persilschein für Fiat-Chrysler

Wie süß: Fiats schmücken alle Straßen und tun der Umwelt nicht weh – so ungefähr sehen das Nostalgiker, aber auch der italienische Verkehrsminister. Bild: Getty

Die deutschen Behörden forden noch Erklärungen von Fiat zu rätselhaften Emissionen. Für den italienischen Verkehrsminister hat dagegen allein der Volkswagen-Konzern betrogen. Ergebnisse der angekündigten Tests bleiben unter der Decke.

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          Während das deutsche Kraftfahrtbundesamt vom Fiat-Chrysler-Konzern noch Erklärungen zu rätselhafen Abgasemissionen fordert, hat der italienische Verkehrsminister Graziano Delrio den ehemals italienischen Autokonzern von jedem Verdacht freigesprochen: „Nur in den Autos von Volkswagen haben wir betrügerische Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung entdeckt. Es gibt keine illegalen oder irreführenden Mechanismen in Autos von anderen Herstellern“, sagte er am Rande der europäischen Verkehrsministerkonferenz.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          In der italienischen Öffentlichkeit steht Deutschland nun als doppelter Betrüger da: Zum einen werden von Italiens Politikern und von Journalisten „die Deutschen“ mit den betrügerischen Volkswagen-Managern gleichgesetzt und wegen des Abgasskandals als doppelzüngige Heuchler dargestellt, die einerseits in der Währungsunion auf Regeln pochen, andererseits im Verborgenen Vorschriften verletzen. Zudem wird der Eindruck verbreitet, dass das Kraftfahrtbundesamt und Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit Verdächtigungen gegenüber Modellen von Fiat-Chrysler einen Entlastungsangriff auf Italien gestartet hätten, um Volkswagen zu verteidigen.

          Das Kraftfahrtbundesamt hatte die Emissionen von Autos aller Hersteller untersucht und dazu einen ausführlichen Bericht veröffentlicht. Darin hieß es, das Emissionsverhalten von Modellen des Fiat-Chrysler-Konzerns müsse noch weiter untersucht werden. Danach wurde in deutschen Medien verbreitet, dass ein fragliches Modell von Fiat nicht wie im Fall Volkswagen programmiert worden sei, um einen Abgastest zu erkennen und dann irreführende Werte zu liefern. Vielmehr hieß es, die Abgasreinigungsanlagen von Fiat seien einfach nach 22 Minuten abgeschaltet worden – wobei der Abgastest immer nur 20 Minuten dauere. Das deutsche Verkehrsministerium hatte daraufhin Vertreter von Fiat-Chrysler zu einer Konferenz über die Emissionen einbestellt. Fiat-Chrysler kam aber nicht und verwies auf die alleinige Zuständigkeit der italienischen Behörden für die Typzulassung und für den Test der italienischen Modelle.

          Bisher ist nichts veröffentlicht worden

          Vergangenen Herbst hatte der italienischen Verkehrsminister Delrio dagegen noch umfangreiche Tests von Modellen verschiedener Hersteller in Italien angekündigt. Eine Stichprobe der 80 meistgekauften Modelle in Italien solle überprüft werden, sagte der Minister Anfang Oktober. Die Tests mit Kosten von 8 Millionen Euro konzentrierten sich auf Autos mit Emissionen nach den Vorschriften von „Euro5“, doch sei eine Ausweitung auf Autos mit „Euro6“ nicht auszuschließen. Für Anfang Mai wurden die Resultate dieser Tests angekündigt, doch ist bisher nichts veröffentlicht worden – während das Kraftfahrtbundesamt alle Erkenntnisse und Emissionswerte veröffentlicht hat.

          Italien unterstellt der deutschen Regierung, Volkswagen als einen „nationalen Champion“ mit allen Mitteln der Politik zu beschützen. Doch bisher galt diese Maxime der Politik vor allem in Italien und vor allem gegenüber Fiat. Italien hatte mit dieser Maßgabe schon Anfang der neunziger Jahre die europaweite Einführung der Katalysatorpflicht für alle Neuwagen jahrelang verzögert, weil Fiat befand, damit würden die Kleinwagen zu teuer. Der Reflex zugunsten von Fiat gilt noch immer, obwohl der frühere Konzernsitz in Turin nun nahezu verwaist ist. Die Konzernzentrale des vereinigen Fiat-Chrysler-Konzerns, nun unter dem Kürzel „FCA“ ist faktisch in Detroit, der Steuersitz in London, der juristische Firmensitz in Amsterdam.

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