https://www.faz.net/-gqe-8y6ba

Grammer-Hauptversammlung : „Ein Anschlag auf das Unternehmen“

  • Aktualisiert am

Harmonie sieht anders aus: Rechtsanwalt Reinhard Eyring, Aufsichtsratschef Klaus Probst, Vorstandschef Harmut Müller und Finanzvorstand Gerard Cordonnier auf der Hauptversammlung Bild: dpa

Beim Autozulieferer Grammer tobt ein Machtkampf zwischen einer bosnischen Investorenfamilie, dem Vorstand, dem Aufsichtsrat und den Aktionären. Auch auf der Hauptversammlung ging es heute hoch her.

          3 Min.

          Mit scharfer gegenseitiger Kritik haben Firmenspitze und Großaktionär des Autozulieferers Grammer ihren Machtkampf am Mittwoch auf der Hauptversammlung ausgetragen. Man müsse befürchten, dass der Investor Cascade, hinter dem die bosnische Unternehmerfamilie Hastor steht, „lediglich eigene Ziele verfolgt“, sagte Grammer-Chef Hartmut Müller, den die Hastor-Seite stürzen will.

          Der Großaktionär wolle zulasten der anderen Anteilseigner das Sagen bei dem Konzern übernehmen und ihn kurzfristig auf Gewinnmaximierung trimmen. Cascade-Anwalt Franz Enderle warf dem Vorstand auf dem Aktionärstreffen in Amberg in der Oberpfalz Pflichtvergessenheit vor: Er denke nur daran, „wie er seine eigene Position sichern kann“, nicht an die Zukunft der Firma.

          Hastors wollen den Vorstand absetzen

          Die Unternehmerfamilie Hastor ist seit dem erbitterten Streit der zu ihrem Imperium zählenden Prevent-Gruppe mit Volkswagen einer breiten Öffentlichkeit bekannt; die ruppig geführte Auseinandersetzung legte im vergangenen Sommer zeitweise die Produktion des Autobauers lahm. Fachleute befürchten, dass Hastor auch bei Grammer eine schärfere Tonart gegenüber den Kunden aus der Autoindustrie anschlagen wird.

          Zu den größten Abnehmern des Herstellers von Kopfstützen, Armlehnen und Mittelkonsolen für Pkw und von Sitzen für Nutzfahrzeuge zählen Volkswagen, BMW und Daimler. Mehrere Hauptkunden haben laut Grammer-Chef Müller bereits angekündigt, ihre Geschäftsbeziehungen zu Grammer zu überdenken. Die Hastors wollen den Vorstand und fünf Aufsichtsräte absetzen und die Kontrolle übernehmen.

          Grammer-Mitarbeiter protestieren auf dem Werksgelände in Kümmersbruck nahe Amberg.

          Müller bat die Aktionäre, gegen die Anträge der Hastor-Seite zu stimmen. Diese könnten möglicherweise „die Zukunft von Grammer substanziell gefährden“. Der Vorstandschef verwies auf die Rekordzahlen aus dem Jahr 2016 und die guten Perspektiven für den Interieurspezialisten. „Jetzt, wo wir das beste Geschäftsjahr in der Geschichte der Firma präsentieren, wirft man uns vor, schlecht gearbeitet zu haben. Wir haben unsere Ergebnisverbesserung nicht zulasten unserer Zukunft erspart.“ Die Rendite von zuletzt 4,3 Prozent werde bis 2021 auf sieben Prozent steigen. Die Prevent-Gruppe leide dagegen seit Jahren unter sinkenden Umsätzen.

          „Nicht nachvollziehbarer Anschlag auf das Unternehmen“

          Cascade-Anwalt Enderle hielt der Grammer-Spitze vor, hinter der Abwehrstrategie gegen Hastor stehe Volkswagen. Weil der Großkunde Vorstandschef Müller „den Sattel gehalten“ habe, seien ernsthafte Preisverhandlungen künftig nicht mehr möglich. „Sie werden nicht umhinkommen, jeden Preis, den VW diktiert, zu akzeptieren.“ Zudem sei der Vorstand „völlig pflichtvergessen“ und wie der Aufsichtsrat „für die Führung des Unternehmens nicht mehr geeignet“.

          Der Vorstand habe sich eine „großzügige Abfindung“ von drei Jahresgehältern bei einem Kontrollwechsel zusichern lassen, das Kontrollgremium dadurch eine Straftat begangen. Der öffentliche Widerstand von Aufsichtsratschef Klaus Probst gegen Hastor sei „ein Skandal“; zudem habe er Betriebsgeheimnisse verraten. Cascade beabsichtige weder, seine Beteiligung an Grammer aufzustocken noch eine Übernahme und erst recht keinen Anteilsverkauf. „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

          Günther Hausmann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) warf den Hastors einen "nicht nachvollziehbaren Anschlag auf das Unternehmen" vor. Mit ihnen müsse man Angst um den Bestand des Unternehmens, die Arbeitsplätze und den Wert der Aktien haben. Unter Vorstandschef Hartmut Müller habe sich das Unternehmen hervorragend entwickelt, seine Expansionsstrategie im Ausland sei richtig, die jüngsten Geschäftszahlen seien hervorragend. "Bitte lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen", appellierte er an die rund 500 anwesenden Aktionäre: Grammer dürfe nicht "unter die Kontrolle undurchsichtiger Machenschaften" geraten.

          GRAMMER

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          “Hastorenschreck treibt Grammer Kunden weg“, stand auf einem Plakat zu lesen, mit dem vor Beginn der Hauptversammlung Mitarbeiter und Mitglieder der IG Metall gegen den Investor protestierten. Rund 2000 Menschen machten mit Trillerpfeifen und Trommeln ihrem Ärger lautstark Luft. „Die Hastors interessieren sich nur für kurzfristige Gewinne“, sagte der bayerische Gewerkschaftschef Jürgen Wechsler. Sie schadeten Grammer und gefährdeten Arbeitsplätze. „Alle Akteure stellen sich gegen diesen Investor: Grammer, die Beschäftigten, die Kunden von Grammer, Aktionärsvertreter, Analysten und die Politik.“

          Die Demonstranten kündigten mit Plakaten an, gegen Großaktionär Hastor kämpfen zu wollen, der laut Grammer-Chef derzeit über zwei Investmentvehikel rund 23 Prozent der Anteile hält. Je nach Präsenz bei den Abstimmungen könnte dies für Hastor reichen, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Der chinesische Großaktionär Ningbo Jifeng, den die Grammer-Spitze als Retter und „weißen Ritter“ an Bord geholt hatte, hält gut 15 Prozent.

          Weitere Themen

          Der Exodus

          Start des Facebook-Boykotts : Der Exodus

          Seit diesem Mittwoch läuft der Werbeboykott. Viele Unternehmen machen mit, auch Prinz Harry engagiert sich offenbar. Die Werbekunden stellen eine brisante Frage: Beschädigt Facebook-Werbung unsere Marke?

          Topmeldungen

          Christian Sewing und Martin Zielke (rechts)

          Nach Zielkes Rückzug : Sewing, übernehmen Sie!

          Es darf bezweifelt werden, dass die Commerzbank den Weg aus ihrer schwersten Krise alleine findet. Und so dürfte es mit Blick auf den Chef der Deutschen Bank bald heißen: Herr Sewing, übernehmen Sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.