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Google-Musikchef im Gespräch : „Die Musikindustrie sieht uns als größten Hoffnungsträger“

Ein Branchenveteran in Google-Diensten: Lyor Cohen kennt die Musikindustrie bestens. Bild: Mielek/Yotube

YouTube soll nach dem Willen von Lyor Cohen bis 2025 die größte Einnahmequelle der Musikindustrie sein und scheint gut auf Kurs. Neue Abo-Zahlen kommen in der Branche gut an. Doch Konfliktpotential gibt es weiterhin.

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          Schickt der aktuell wohl mächtigste Mann der Musikindustrie Glückwünsche, dürfte der Anlass von gewisser Bedeutung sein. Im Falle von YouTube fiel die Gratulation von Universal Music-Chef Lucian Grainge kürzlich jedoch recht speziell aus: „Unsere wegweisende Lizenzvereinbarung mit YouTube vor mehr als drei Jahren hat die Basis für ihr Bekenntnis zum Abogeschäft geschaffen, die zum Launch von YouTube Music geführt hat.“ Der Ansatz habe sich mit dem Erreichen des Meilensteins von mehr als 50 Millionen Abos mehr als bestätigt.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lyor Cohen dürfte sich nur allzu gut an die Auseinandersetzungen mit der Musikindustrie über die Vergütung aus dem Video-Konsum und der Wahrung der diversen Musikrechte auf YouTube erinnern. Angesprochen auf die besondere Art der Gratulation lacht Googles Musikchef kurz und reagiert dann ebenso gelassen wie selbstbewusst: „Wir sind sehr glücklich darüber, heute mit Lucian und allen anderen in der Musikindustrie partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Es gab eine Zeit, in der wir der meistgefürchtete Player überhaupt waren und jetzt sieht uns die Industrie als größten Hoffnungsträger.“

          19,7 Milliarden Dollar nur aus Werbung

          Bis zum Wechsel zu Google im Sommer 2016 stand Cohen gewissermaßen auf der anderen Seite. Der 61 Jahre alte New Yorker führte unter anderem einst Def Jam – heute eines der Kern-Labels von Universal Music mit Fokus auf Hip-Hop – später stieg er bei Warner Music zum globalen Verantwortlichen für das gesamte Label-Geschäft auf, bevor er 2012 nicht zuletzt mit Google als Investor das Musikunternehmen 300 Entertainment gründete. „Lange ging es einfach nur darum, regelmäßig eine neue Lizenzvereinbarung zu unterschreiben und das war es“, blickt Cohen. „Mittlerweile haben wir bei YouTube ein wirkliches Verständnis dafür, wie wir für die Musikindustrie Mehrwert schaffen und ihnen Dinge erleichtern können.“

          Wissen war nie wertvoller

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          Die Basisvariante des YouTube-Streamingdienstes kostet wie auch bei Spotify oder Apple Music üblich 9,99 Euro. Für zwei Euro mehr erhält der Einzelnutzer unter anderem werbefreien Zugriff auf alle Videos der Plattform. Die Anfang September vermeldeten mehr als 50 Millionen Abonnenten bezogen sich auf beide Modelle. Genauer aufgeschlüsselt wurde die Zahl nicht, dafür beinhaltete sie allerdings auch kostenlose Probeabos. Sehr bald dürften es aber auch mehr als 50 Millionen zahlende YouTube Music- und YouTube Premium-Abonnenten sein, betont Cohen. Erst Anfang Juni hatte er erklärt, YouTube sei aktuell mit Blick auf die Abos der am stärksten wachsende Anbieter überhaupt.

          Als vierter westlicher Dienst nach Spotify, Apple und Amazon Music die 50 Millionen-Marke geknackt zu haben, dürfte indes nur ein Zwischenschritt: Bis 2025 soll YouTube die größte einzelne Einnahmequelle für die Musikindustrie zu sein. Auf dem Weg dahin, spart die Google-Tochtergesellschaft nicht mit weiteren auf den ersten Blick beeindruckenden Wasserstandsmeldungen.

          Streit um Anteil vom Kuchen

          Mehr als vier Milliarden Dollar habe man in den vergangenen 12 Monaten an die Musikindustrie ausgezahlt, hieß es Anfang Juni. Rund 30 Prozent hiervon sei über von Nutzern und nicht den eigentlichen Rechteinhabern erstellte Videos erwirtschaftet worden. Wie viel anteilig aus dem Abo-Geschäft auf der einen und den Werbe-Einnahmen über die Videoplattform auf der anderen Seite stammte, blieb offen. Zum Vergleich: Spotify, der mit Stand Ende Juni 165 Millionen Abonnenten und 365 monatlich aktiven Nutzern, größte Streamingdienst auf dem Markt hatte 2020 nach eigenen Angaben mehr als fünf Milliarden Dollar an die diversen Rechte-Inhaber ausgezahlt. Gleichwohl hat YouTube in 2020 alleine über Werbung 19,7 Milliarden Dollar eingenommen – Tendenz steigend: Nur im zweiten Quartal 2021 waren es rund 7 Milliarden Dollar. Spotify hingegen als reiner Audio-Dienst erwirtschaftete im vergangenen Jahr lediglich einen Gesamtumsatz von 7,9 Milliarden Euro, gut 90 Prozent davon aus Abo-Einnahmen. Was die Nutzerzahlen angeht ist Youtube sowieso der mit Abstand größte Dienst für Musikkonsum.

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