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Ende der Cookies : Google wegen Onlinewerbung am Pranger

Umstrittene Strategie für Werbung: Dem Suchmaschinenbetreiber Google drohen große Rechtskonflikte. Bild: Laura Morton/TNYT/Laif

Werbebranche und Publisher begehren auf: Eine Kanzlei hat in Großbritannien und den Niederlanden Sammelklagen angekündigt. Auch in Deutschland muss Google einen Streit ausfechten.

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          Google provoziert die Werbebranche im Moment mit seinem Vorhaben, sogenannte Drittanbieter-Cookies aus seinem Browser Chrome zu verbannen. Cookies sind kleine Dateien, die ein Browser auf dem Rechner oder Smartphone speichert. Weil Cookies oft eindeutige Kennungen enthalten, können Websites ihre Besucher damit wiedererkennen. Drittanbieter-Cookies werden indes nicht von der besuchten Webseite selbst gesetzt, sondern durch eingebettete Inhalte von anderen Seiten. So können Werbedienstleister die Nutzerinnen und Nutzer über verschiedene Seiten hinweg verfolgen. Um diese Drittanbieter-Cookies geht es, wie der für Europa, den Mittleren Osten und Afrika verantwortliche Google-Geschäftsführer Matt Brittin unlängst bekräftigte: „Cookies von Drittanbietern sind eine Technologie, die zunehmend missbraucht wird.“

          Gregor Brunner
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Chrome ist laut jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes mit 23 Prozent Marktanteil der beliebteste Browser in Deutschland. Setzt der Internetkonzern seinen Plan also um, würde das zu größeren Umsatzeinbußen für die Werbebranche führen. Von der zweiten Jahreshälfte 2024 an will Google nämlich Drittanbieter-Cookies in seinen Systemen durch „Topics“ (Themen) und weitere neue Technologien und Programmierschnittstellen ersetzen. Hierdurch erstellt der Chrome-Browser ein eigenes Interessenprofil der Nutzer, wodurch weiterhin personalisierte Werbung ausgespielt werden könnte.

          Die Marktmacht von Google auf dem Gebiet der Suchmaschinenwerbung ist beachtlich. In Kombination soll Googles Anteil am globalen Werbemarkt schon 2022 rund 30 Prozent betragen. Das ruft Kartellbehörden auf den Plan. In Europa ist der Konzern in zahlreiche Auseinandersetzungen mit staatlichen Wettbewerbshütern und Datenschutzbehörden verwickelt. Im vergangenen Jahr erlegte die französische Wettbewerbsbehörde Google schon eine Strafe von 220 Millionen Euro für den Missbrauch seiner Werbetechnologien zum eigenen Vorteil auf. Dabei waren die sogenannten Supply-­Side-Plattformen benachteiligt worden. Das Segment bedient die Schnittstellen zwischen dem Betreiber einer Website und den Werbetreibenden.

          Sammelklagen von Medienhäusern

          Laut den Franzosen seien die Praktiken „besonders schwerwiegend“, weil unter den Benachteiligten auch Presseverbände seien, deren Wirtschaftsmodell durch den Rückgang des Verkaufs von Zeitungsabonnements sowieso ernsthaft geschwächt sei. Mit seiner Stellung habe Google eine „besondere Verantwortung“, hieß es seitens der Wettbewerbsbehörde.

          Nun zieht der Streit weitere Kreise: Die französische Anwaltskanzlei Geradin Partners hat in den Niederlanden und Großbritannien zwei großvolumige Sammelklagen angekündigt, denen sich zahlreiche Verleger und Medienhäuser anschließen sollen. Die Anwälte sprechen von potenziellen Schäden von bis zu 25 Milliarden Euro, die Betroffene geltend machen könnten. Geradin Partners hatte im vergangenen Jahr auch den Kläger in dem französischen Ausgangsfall vertreten. In den Sammelklagen wird man sich auf die Feststellungen aus der Entscheidung stützen. Denn in der Entscheidung heißt es, dass Google jeden Verleger in Europa geschädigt haben kann, der auf seinen Websites oder Apps Werbung vertreibt. Google hat dies nicht mehr angefochten.

          „Verleger, einschließlich lokaler und nationaler Nachrichtenmedien, die eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielen, sind seit Langem durch Googles wettbewerbswidriges Verhalten geschädigt worden“, erklärt Rechtsanwalt Damien Geradin in einer Mitteilung. Es sei an der Zeit, dass Google zu seiner Verantwortung stehe und den Schaden, den man dieser wichtigen Branche zugefügt hat, zurückzahle.

          In den Niederlanden wird eine Kollektivklage von betroffenen Verlegern aus EU-Mitgliedstaaten angestrebt. Die niederländische Justiz ist erfahren im Umgang mit solchen Großverfahren. Die zweite Klage in Großbritannien soll hingegen direkt bei der Berufungsinstanz für Wettbewerbsfragen eingereicht werden. Sie zielt darauf ab, eine Entschädigung für entgangene Einnahmen aus dem Verkauf von Werbeflächen zu erhalten. Beide Klagen werden von Prozessfinanzierern begleitet, im Erfolgsfall behalten sie also einen Teil der erstrittenen Summe für sich ein.

          „Google arbeitet konstruktiv mit Verlagen in ganz Europa zusammen – unsere Werbetools und die unserer zahlreichen Wettbewerber im Bereich Adtech helfen Millionen von Webseiten und Apps bei der Finanzierung ihrer Inhalte. Sie ermöglichen es Unternehmen jeder Größe, neue Kunden effektiv zu erreichen. Diese Dienste werden stetig angepasst und entwickeln sich in Partnerschaft mit eben jenen Verlagen immer weiter. Sobald uns die offizielle Klage vorliegt, werden wir mit Nachdruck dagegen vorgehen“, lautet die Stellungnahme eines Google-Sprechers zur Ankündigung der Klagen.

          Auf Anfrage teilte Google zudem mit, die Cookie-Technologie werde zunehmend missbraucht und sei ein Problem für den Datenschutz. Bis zur geplanten Umstellung 2024 muss der Konzern auch noch einen Streit in Deutschland ausfechten. Anknüpfend an Sammelklagen in den Niederlanden und Großbritannien weist der Medienverband der freien Presse (MVFP) seine Mitglieder auf die Möglichkeit einer Massenklage hierzulande hin.

          Diese wird von der Kanzlei Hausfeld, die für ihre Prozessführung gegen Volkswagen und das Lastwagenkartell bekannt ist, und dem Prozessfinanzierer Ad Claim begleitet. Der Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) unterstützt das Vorhaben. „Die Materie ist höchst-komplex. Einzelklagen wären mit hohen Risiken und Kosten verbunden“, hieß es vor wenigen Tagen in einer Mitteilung zur „AdTech-Sammelklage“ .

          Die Stellungnahme des Google-Sprechers wurde nachträglich in den Artikel eingefügt. In einer früheren Version des Artikels hieß es zudem fälschlicherweise, dass Google über die Ersetzung von Drittanbieter-Cookies durch eigenen Technologien Erlös-Ströme bei sich konzentrieren könne.

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