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Golf von Mexiko : Zwischen Ölpest und Garnelenfang

  • -Aktualisiert am

Unfall mit Folgen: Auch ein Jahr danach erhitzt die Ölkatastrophe noch immer die Gemüter Bild: Roland Lindner

Ein Jahr nach dem Unglück am Golf von Mexiko gibt es für die Menschen der Region keinen Grund zur Entwarnung. Das Ausmaß der Schäden ist noch immer schwer abschätzbar.

          Jesse Morris will sich nicht beklagen. Die Ölpest im Golf von Mexiko hat den 66 Jahre alten Fischer aus dem Hafenort Venice vom gewohnten Garnelenfang abgehalten, aber sie hat ihn nicht arm gemacht. Im Gegenteil: Morris wurde wie viele andere Fischer aus der Region vom Ölkonzern BP angeheuert, mit ihren Booten bei den Aufräumarbeiten zu helfen. 120 Tage lang ist er mit einer 14 Mann starken Besatzung in den Golf hinausgefahren. Als Bootskapitän bekam er einen Tagessatz von 2100 Dollar. Insgesamt sprangen also mehr als 250.000 Dollar heraus. Für eine solche Summe müsste er lange Garnelen fangen: Mehr als 100.000 Dollar hat Morris noch nie in einem Jahr mit der Fischerei eingenommen. Das Geld von BP hat Morris zum Teil in sein Boot gesteckt und einen neuen Motor gekauft. Heute hat ihn der Alltag als Fischer wieder: Er steht am Hafen von Venice und bringt sein Boot in Schuss, denn in ein paar Wochen beginnt hier die Garnelensaison. Sein persönliches Fazit der Katastrophe in seiner Heimatregion fällt pragmatisch aus: „Die Ölpest war für mich finanziell eine gute Sache“, sagt er.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Nur ein paar Meter von Morris entfernt sind von Leon Bourgeois ganz andere Töne zu hören. Bourgeois hatte nicht das Glück, mit seinem Boot von BP rekrutiert zu werden, und er saß nach der Ölkatastrophe erst einmal untätig herum. Zwar hat auch bei ihm BP-Geld akute Finanznot verhindert: Er bekam 70.000 Dollar Nothilfe, womit er neben seinen Ausgaben für den täglichen Bedarf sogar alte Schulden abbezahlen konnte. Weitere 25.000 Dollar will er aus dem von BP eingerichteten Entschädigungsfonds annehmen und im Gegenzug darauf verzichten, den Ölkonzern zu verklagen. Aber das tut der 63 Jahre alte Bourgeois nur, weil er einen langwierigen Rechtsstreit mit BP vermeiden will, und nicht, weil er den Schaden für beglichen hält. Ihn plagen Sorgen um die Zukunft: Wie wird die kommende Garnelensaison ausfallen, und wie wird es in den nächsten Jahren aussehen? Hat die Ölpest die Bestände dauerhaft geschädigt? Wird sein Enkel, der ihm auf seinem Boot aushilft, die Familientradition fortsetzen und seinen Lebensunterhalt mit dem Fischfang bestreiten können? Bourgeois hat keine Antworten darauf, aber er hat ein ungutes Gefühl: „Da draußen ist noch immer so viel Öl. Wir können heute gar nicht sicher sein, was das mit unserem Fisch gemacht hat.“

          780 Millionen Liter Rohöl ergossen sich ins Meer

          Am Mittwoch jährt sich zum ersten Mal der Unfall, der zur schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten geführt hat. Auslöser war eine Explosion auf der im Auftrag von BP betriebenen Tiefseebohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko. Elf Menschen starben, die Plattform ging unter, und es entstand ein Ölleck, das monatelang nicht geschlossen werden konnte. Rund 780 Millionen Liter Rohöl sind nach Schätzungen der amerikanischen Regierung ins Meer geströmt. Das zwei Autostunden südlich von New Orleans gelegene Venice und der Rest der Golfküste standen unter Schock. Das Einkommen der meisten Menschen hier hängt von der Ölindustrie oder der Fischerei ab. Nach dem Unglück wurden die ölverseuchten Gewässer aber erst einmal für den Fischfang gesperrt. Die Ölindustrie wurde von einem Moratorium der amerikanischen Regierung gebremst, das bestimmte Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko untersagte.

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