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Gold und Silber aus der Tiefe : Schatz, wo bist du? Im Meer

  • -Aktualisiert am

Taucher vor der Küste von Mozambique Bild: Fabrice Dall'Anese

Graf Sandizell wollte nicht mehr bloß Manager sein, sondern Schätze finden. Jetzt fahndet er mit Arqueonautas nach uralten Schiffswracks in der Tiefe. Sein Lohn: Gold, Silber und Porzellan.

          3 Min.

          Gleich am Anfang hätte es auch wieder zu Ende sein können mit dem Unternehmen Schatzsuche. An der Küste der Kapverdischen Inseln suchten Taucher nach werthaltigen Schiffswracks, nach Gold- und Silbermünzen, nach alten Kanonen und gut erhaltenen Artefakten: Zwei Taucher durchkämmten eine Bucht, sie schauten, was ihnen auf dem Meeresboden auffiel. Und auf einmal kamen drei große Wellen aus dem Atlantik, die Strömung wurde so stark, dass sie die Männer durchs Wasser wirbelte - direkt auf eine Felsnadel, fünf Meter unter der Wasseroberfläche, von oben unsichtbar. Der eine Taucher rollte sich zusammen und kam mit einer blauen Schulter davon. Der andere fiel mit dem Kopf auf den Felsen und brach sich das Genick.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Unternehmen Arqueonautas Worldwide war gerade im vierten Monat seiner Arbeit, als dieses Unglück Anfang 1996 geschah. „Das hätte jede andere Gesellschaft gar nicht verkraften können“, sagt ihr Vorstandsvorsitzender Nikolaus Graf Sandizell heute. Andere hätten danach womöglich das Geschäft mit den Schätzen im Meer gelassen. Der Graf sagte sich: Wenn wir jetzt aufgeben, ist der Taucher umsonst gestorben. Die Polizei und die deutsche Botschaft bestätigten nach drei Tagen, dass es ein Unfall war; die Versicherung zahlte nach drei Wochen. Es blieb der bislang einzige Todesfall.

          Das war das tragischste und traurigste Kapitel der Firmengeschichte, sagt Nikolaus Graf Sandizell, der Chef des Unternehmens. Nachdem er davon erzählt hat, klopft er dreimal auf Holz. Toi, toi, toi. Mit zehn Mitarbeitern sucht der 51 Jahre alte Sandizell nach Schiffswracks in einer Wassertiefe von bis zu 60 Metern. Sie bergen Gold- und Silbermünzen oder chinesisches Porzellan aus dem 16. Jahrhundert. Die Bilanz: 300 Schiffswracks in Afrika, Asien und Südamerika geortet, 15 Wracks ausgegraben und 100 000 Münzen sowie 10 000 kulturell bedeutende Artefakte geborgen. Der größte Fang war die San José, ein portugiesisches Flaggschiff von 1622, im Wert von 2,5 Millionen Dollar. Und auf dem Grund der Weltmeere sollen noch 200 000 werthaltige Wracks liegen.

          Nikolaus von Sandizell, Chef der Schatzsucher von Arqueonautas
          Nikolaus von Sandizell, Chef der Schatzsucher von Arqueonautas : Bild: Edgar Schoepal

          Er wetteifert gegen moderne Piraten

          Die Suche beginnt stets mit der Recherche in zig Archiven der früheren Seefahrernationen, für die Sandizell, der seit 22 Jahren in Portugal lebt, freie Mitarbeiter anheuert. Vermuten sie danach viele werthaltige Schiffwracks in einem Gebiet, verhandelt der Graf mit den Regierungen, um dort tauchen zu dürfen - bislang erfolgreich mit Kapverden, Moçambique und Indonesien sowie neuerdings auf Einladung einer Nichtregierungsorganisation in Brasilien.

          Dann läuft das Rennen gegen die Zeit - und gegen moderne Piraten: Oft haben illegale Schatzsucher die Wracks schon geplündert, zerbrochen oder gar gesprengt. Im Gegensatz zu ihnen dokumentiert Arqueonautas jeden Schritt und jeden Fund. Finden Sie nationales maritimes Kulturgut, wandert dies ins Museum. Nur alles andere verkaufen sie. Meist teilen sie den Erlös daraus abzüglich der Kosten mit der Regierung - wie bei einem versilberten Astrolabium, das Seefahrer früher zur Navigation nutzten und das für mehr als 200 000 Euro versteigert wurde.

          „Mich lässt Gold kalt“

          Ihre Gewinne investiert die Firma, um weiter zu wachsen. Sandizell gründete die Aktiengesellschaft Arqueonautas Worldwide 1995 als Offshore-Unternehmen auf Madeira in Portugal. Zuvor hatte er fast 15 Jahre als Manager für MAN-Roland gearbeitet und Zeitungsrotationsmaschinen verkauft, die erste mit 22 Jahren in Indonesien. Er stieg im Auslandsgeschäft schnell auf, leitete Dependancen, der nächste Schritt wäre zurück nach Deutschland gewesen; doch mit 36 Jahren sattelte er um - auf das Geschäft mit der Schatzsuche. „Es ist eine Industrie, in der man das Rad selbst erfinden muss.“ Führend in seiner Zunft ist das amerikanische Bergungsunternehmen Odyssey Marine (siehe Die börsennotierten Schatzsucher), das sich aber auf Tiefsee und internationale Gewässer konzentriert, während Arqueonautas nur in einer Tiefe von bis zu 60 Metern sucht und in diesem Feld nach eigenen Angaben Nummer eins ist.

          2009 setzte Arqueonautas, das an der Frankfurter Börse notiert ist, 3,37 Millionen Euro um und erreichte einen operativen Gewinn von 1 Million Euro. Die Aktie ist hochriskant, weil nie klar ist, ob und was die Schatzsucher finden. „Nichts für den Sparstrumpf unterm Kopfkissen“, sagt Sandizell, „sondern pures Risikokapital.“

          Sein Unternehmen klingt nach modernen Piraten, die, wenn auch ohne Augenklappe und Holzbein, aber dennoch mit Säbelrasseln auf See fahren. Aber so ist es nicht. „Mich lässt Gold kalt“, sagt zumindest Sandizell. Der Mann mit Seitenscheitel und Einstecktuch im Sakko taucht zwar auch mal mit, aber meist sitzt er am Schreibtisch und koordiniert die große Schnitzeljagd, die er eine Detektivgeschichte nennt.

          Keine Piratenkluft

          Reich werden will er mit seiner Arbeit nicht. Die ersten zehn Jahre verzichtete er auf einen Lohn, lebte von Reserven und ließ sich in Aktien bezahlen. Erst seit fünf Jahren bezieht er Gehalt. Ihn fasziniert es, eine Unternehmung zu organisieren, die ihresgleichen sucht. Dabei hilft es ihm, dass jeder neuerdings offiziell auch Schatzsuchermode kaufen kann. Nein, keine Piratenkluft. Das Düsseldorfer Unternehmen Kitaro, an dem die Otto-Gruppe beteiligt ist, verkauft Arqueonautas-Kollektionen: Kleidung, die so robust und wasserfest sein soll, dass sie selbst Schatzsucher auf hoher See tragen können. Ein cleveres Nebengeschäft: Von jedem verkauften Kleidungsstück fließt ein Euro an den Lizenzgeber. 2009 erhielt Arqueonautas so 100 000 Euro für Expeditionen.

          Über diesen Weg hofft Sandizell die Arbeit eines Tages komplett finanzieren zu können. Dann würde er die Investoren auszahlen und die Gesellschaft in eine Stiftung umwandeln. Das wäre dann, sagt er, der Beweis, dass er tatsächlich nicht dem großen Goldrausch verfallen ist.

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