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Goethe als Inspiration : Verstorbener Unternehmer nannte sein Unternehmen „Lotte“

In den vergangenen Jahren verlor Shin Kyuk-ho an Macht und musste sich vor Gericht für die Beteiligung in einem Korruptionsskandal verantworten. Bild: EPA

Der Koreaner Shin Kyuk-ho verehrte Johann Wolfgang von Goethe so sehr, dass er sein Unternehmen Lotte nannte. Der Name steht heute für das fünftgrößte Konglomerat Südkoreas. Am Sonntag starb er nach einem bewegten Unternehmerleben.

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          Fern in Ostasien hat Johann Wolfgang von Goethe Eingang in die Wirtschaft gefunden. 1948 gründete der junge Koreaner Shin Kyuk-ho in Tokio ein Unternehmen, das er nach der Figur Charlotte im Roman „Die Leiden des jungen Werther“ Lotte nannte. Shin verewigte so seine Verehrung vor dem Werk des Dichters.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Dass sein Unternehmen Kaugummi produzierte war dabei weniger ausschlaggebend. Die Lotte-Kaugummis sollen aber bei den Soldaten der amerikanischen Besatzungsmacht sehr beliebt gewesen sein und schufen so das Fundament einer Erfolgsgeschichte. Heute ist die Lotte-Gruppe neben Samsung, Hyundai Motor, LG und SK eines der fünf großen familiengeführten Konglomerate in Südkorea.

          Shin war einer der letzten der großen Gründer Südkoreas, die im engen Verbund mit der Politik den raschen wirtschaftlichen Aufstieg des kriegszerstörten Landes vorantrieben. Er war aber auch ein Symbol dafür, dass sich trotz aller politischen Spannungen zwischen Südkorea und der ehemaligen Kolonialmacht Japan erfolgreich wirtschaften lässt.

          Firmengründungen in Japan und in Südkorea

          In den frühen vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts reiste der junge Shin aus seiner Heimatstadt Ulsan nach Japan, um dort Chemie zu studieren und, wie es in der Firmengeschichte heißt, sein Glück zu machen. Im dritten Gründer-Anlauf gelang das mit den Kaugummis. Shin entwickelte Lotte zu einem erfolgreichen Süßwaren-Hersteller, der in die Werbung oder den Handel expandierte. In Japan agierte Shin dabei unter dem japanischen Namen Takeo Shigemitsu, um wie viele der koreanischen Immigranten nach Japan nicht aufzufallen.

          1967, nach der vertraglichen Normalisierung der Beziehungen zwischen Korea und Japan, kehrte Shin  in sein Heimatland zurück. Wieder unter dem Namen Lotte gründete er in Seoul einen Süßwarenhersteller, der zum Kern der Lotte-Gruppe wurde. Der Gründer, der seinen Reichtum nur verhalten lebte, teilte seine Zeit zwischen den Geschäften in Korea und Japan auf. In Korea wurde ihm gelegentlich sein wirtschaftliches Engagement in der ehemaligen Kolonialmacht angekreidet.

          Das familiengeführte Konglomerat vereint heute Dutzende Unternehmen von Süßwaren über den Einzelhandel und Hotels bis in die Chemie oder den Bau. In Japan und in Südkorea unterhält Lotte je eine Baseball-Mannschaft. Mit einem Vermögen von mehr als 100 Billionen Won (80 Milliarden Euro) liegt die Lotte-Gruppe in Südkorea nur hinter Samsung, Hyundai Motor, SK und LG. In Seoul symbolisiert der 2017 eröffnete Lotte World Tower mit 123 Stockwerken und einer Höhe von 555 Meter den Erfolg. Es ist das sechsthöchste Gebäude der Welt.

          Prägt die Skyline von Seoul: Der Lotte World Tower bei seiner Eröffnung im April 2017.

          Die guten Beziehungen zur Politik zahlten sich nicht immer aus. 2017 wurde Lotte Opfer im diplomatischen Streit zwischen China und Südkorea, nachdem die Regierung in Seoul entschieden hatte, ein amerikanisches Raketenabwehrsystem als Schutz vor der Bedrohung aus Nordkorea aufzubauen.

          Lotte hatte der südkoreanischen Regierung in einem Grundstückstausch das Land für das Raketensystem zur Verfügung gestellt. China boykottierte daraufhin die meisten der Lotte-Supermärkte im Land, bis die Gruppe sich entnervt zurückzog.

          Shin wurde in Korruptionsstrudel um Präsidentin Park gezogen

          Die vergangenen Jahre trübten das Bild des erfolgreichen Unternehmers. Erst kam es zu einem Streit der beiden Söhne um die Führung der Gruppe, in der Shin sich auf die Seite des älteren Sohns schlug und gegen Shin Dong-bin, den jüngeren Sohn, verlor. 2016 wurde der gesundheitlich angeschlagene Shin auf die Rolle des Ehrenvorsitzenden abgeschoben.

          Dann folgten Ermittlungen rund um den Korruptionsskandal um die aus dem Amt gejagte Präsidentin Park Geun-hye, die auch die Lotte-Gruppe ergriffen und die Kritik an dem Einfluss der familiengeführten Chaebols auf die Politik Südkoreas aufblühen ließen. Der Vorsitzende Shin Dong-bin saß fast acht Monate lang im Gefängnis und erhielt wegen Bestechlichkeit eine Haftstrafe auf Bewährung.

          Lotte hatte einer Vertrauten Parks 7 Milliarden Won Schmiergeld für zwei Stiftungen bezahlt, um im Gegenzug eine Duty-Free-Lizenz zu erhalten. Der Gründer Shin Kyuk-ho wurde im Zuge der Ermittlungen wegen Veruntreuung verurteilt, entging aber wegen seiner Gesundheit und Alter dem Gefängnis. Am Sonntag ist Shin in Seoul im Alter von 98 Jahren gestorben.

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