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Glücksspiel : Die große Zeit der Spielbanken ist vorüber

  • -Aktualisiert am

Spielkasino in Bad Homburg: Ein Gast versucht den Jackpot zu knacken Bild: dpa

Geldwäschegesetz, Einlasskontrollen, Rauchverbot: Deutsche Spielbanken hadern mit verschärften Bedingungen. Zudem scheint das Publikum älter geworden zu sein. Ein Ortstermin in Bad Homburg.

          Für einen Moment schimmert noch etwas alter Glanz von Monte Carlo wieder auf, wenn Franz M. von seinem ersten Erlebnis in einer Spielbank erzählt. 1962, auf seiner Hochzeitsreise, sei er mit seiner Frau zufällig in Monaco gelandet. Und da habe das junge Glück es halt einfach mal probiert mit dem Spielen. Umgerechnet dreihundert Mark haben sie gewonnen - „damals viel Geld“. Es war die Grundlage für das erste eigene Auto, einen Opel Kapitän.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Spielbank Bad Homburg war lange Zeit ein Wahrzeichen solch glanzvollen Glückspiels - doch das hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Im gediegenen Kurpark liegt das Gebäude zwar immer noch sehr hübsch, aber drinnen im Bereich „klassisches Spiel“ herrscht an diesem Abend eines normalen Wochentages nicht gerade viel Betrieb, fast könnte das Personal die Zahl der Gäste überwiegen.

          Im Casino-Pendelbus, der täglich mehrmals vom Frankfurter Hauptbahnhof hierher fährt, saßen acht Fahrgäste. Vier davon nahmen beim Ausstieg nicht den Weg in die Spielbank, sondern verschwanden im Kurpark. Die anderen vier - ältere Herren in Beige -, sahen, ohne sie im Mindesten beleidigen zu wollen, nicht nach dem großen Geld aus. Im Saal herrscht eine merkwürdige Stille, und das „Nichts geht mehr“ des Croupiers hatte man sich irgendwie auch dramatischer vorgestellt: Hier an einem der Roulettetische ist der Ausruf kaum zu hören, dann klackert leise die Kugel im Zylinder und kommt ohne euphorische Reaktionen zu liegen.

          Für Franz M. war seine Monaco-Episode ein Schlüsselerlebnis: Hätte er damals verloren, wäre er wohl nie wieder in ein Casino gegangen, sagt er. So jedoch blieb er dabei und kommt seit nunmehr fünfzig Jahren etwa zweimal pro Woche in die Spielbank Bad Homburg. Der 77 Jahre alte ehemalige Taxiunternehmer aus Frankfurt setzt bis zu zweihundert Euro pro Woche ein - zum Spaß, wie er sagt. „Manchmal geht man mit hundert Euro Gewinn nach Hause, manchmal ist das Geld auch weg. Aber mir geht es mehr um die Unterhaltung.“

          Am Roulette-Tisch gefällt es ihm am besten. Besondere Freude zieht er aus der Beobachtung anderer Spieler. Da ist zum Beispiel die Frau, die immer nur auf die 32 setzt - und immer verliert. Einmal kam die Zahl, aber gerade in jener Runde hatte die Dame nicht gesetzt. „Man darf natürlich nie Einzelzahlen spielen“, sagt M. Er pflegt seine Spielchips stets auf das erste oder zweite Dutzend zu legen.

          Das Engagement des Langzeitspielers kann jedoch den generellen Niedergang einer Branche, vielleicht einer Idee nicht verhindern. Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre unter dem Begriff „Spielbank“ legen nahe, dass es im Grunde seit langem nur noch bergab geht: „Spielbanken verzeichnen starke Einbußen“, „Deutlicher Rückgang des Bruttospielerlöses“, „Einlasskontrollen schrecken Spieler ab“ - und dann eben auch noch, horribile dictu, „Rauchfrei am Roulette“.

          Seit dem Geldwäschegesetz geht es bergab

          Die Einbußen sind besonders auf das sogenannte Geldwäschegesetz zurückzuführen. „Zu D-Mark-Zeiten kamen hier noch Handwerker an den Tisch und haben richtig hohe Summen eingesetzt“, erzählt Saalleiter Uwe Lämmel. Das sei natürlich oft Schwarzgeld gewesen - mit dem Gesetz seien die Einsätze dann schlagartig geringer geworden. Mit der Einführung von Einlasskontrollen kam im Jahr 2008 der Glücksspielstaatsvertrag zum Greifen, der eine Überwachung der Spieler ermöglichte und den Betreiber verpflichtet, im Falle größerer Verluste ein Gespräch mit dem betreffenden Spieler zu führen, um ihn über Suchtberatung zu informieren.

          Und das von vielen Wirten kritisierte Rauchverbot hat auch vor den Spielbanken nicht haltgemacht. Der generelle Rückgang ist aber wohl auch stark auf die Konkurrenz durch Internetglücksspiel zu erklären. Poker zum Beispiel laufe nur noch als Online-Spiel gut, sagt Lämmel.

          Die Gesetze und das Internet sind also die Hauptfaktoren des Niedergangs der staatlichen Spielbanken, aber dazu kommt wohl auch noch ein anderer, den man als Mode- oder Mentalitätswandel bezeichnen kann. In der Spielbank Bad Homburg zum Beispiel sind an diesem Abend kaum junge Leute an den Spieltischen. Viele hier fallen eher in die Kategorie der „beigen Herren“, die regelmäßig eine überschaubare Summe einsetzen, aber nie über die Stränge schlagen: keine Exzesse, keine flamboyanten Vögel, keine großen Zocker.

          Mit der Großzügigkeit ist es wohl auch vorbei. Wie zum Beweis ist am Nebentisch gerade mitzubekommen, wie ein Croupier einen Gast beiseite nimmt und auf seine Trinkgeldvergabe anspricht. Er habe nun mehrfach ein bei seiner Gewinnsumme unangemessen geringes Trinkgeld gegeben und die Croupiers lebten schließlich davon. Allein vier Croupiers braucht man, um einen Tisch mit Französischem Roulette zu bespielen. Längst stehe die Personalgröße in keinem Verhältnis mehr zu den Einnahmen der Spielbank, außerdem sei das Personal im Schnitt zu alt, meint Uwe Lämmel. Der Saalleiter selbst ist auch schon seit 30 Jahren im Geschäft, dessen Zukunft er alles andere als rosig sieht.

          Wen der Glanz des Glücksspiels und der Traum vom schnellen Geld fasziniert hat, der mag über diese Entwicklung trauern - falls sie aber auch etwas mit erfolgreicher Suchtberatung und Abkehr von einer in diesen Zeiten ohnehin viel gerügten „Zocker-Mentalität“ allerorten zu tun haben sollte, dann wäre das am Ende sogar vielleicht eine erfreuliche Nachricht.

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