https://www.faz.net/-gqe-7cj0l

Globetrotter-Chef im Interview : „Der Outdoor-Markt wurde überschätzt“

  • Aktualisiert am

Globetrotter-Chef Thomas Lipke Bild: Pilar, Daniel

Die Outdoor-Branche ist laut Globetrotter-Chef Lipke noch immer eine Nische. Der Händler reagiert auf den zunehmenden Wettbewerb und will vorerst keine neuen Filialen eröffnen.

          5 Min.

          Herr Lipke, Sie verdienen Ihr Geld mit Outdoor-Ausrüstung. Wann waren Sie das letzte Mal wandern?

          Letztes Jahr, in Südtirol. Meine Frau und ich waren im November für ein verlängertes Wochenende dort. Zu der Zeit ist dort Hochsaison, nach der Ernte wird der erste neue Wein ausgeschenkt. Es war also auch -kulinarisch ein Highlight.

          Was treiben Sie noch für Sport?

          Ich gehe auch Bergsteigen und Kanufahren, bin also ein echter Allrounder. Im April war ich auf einer Hundeschlittenexpedition in Spitzbergen, meine nächste Reise führt mich nach Kanada zum Angeln.

          Muss man als Chef von Globetrotter selbst ein Abenteurer sein?

          Ich mache das nicht nur wegen meines Berufs, sondern vor allem, weil es mir Spaß macht. Ich glaube aber, dass man so ein Unternehmen nicht führen kann, wenn man nicht selbst auch die Zielgruppe ist.

          Sind Sie deshalb 1980 zu Globetrotter gekommen? Das Unternehmen verkauft alles, was man für solche Touren braucht.

          Mich hat tatsächlich vor allem das Sortiment gelockt. Ich war schon damals passionierter Bergsteiger und brauchte neue Ausrüstung zum Klettern in den Alpen. Ich habe dann erst mal als Zeltverkäufer bei Globetrotter angefangen.

          Heute leiten Sie das Unternehmen. Womit verdient Globetrotter am meisten?

          Der Wanderer ist unser bester Kunde, weil er sich bei uns mit allem eindeckt. In diesem Bereich gibt es eine breite Zielgruppe. Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 40 Millionen Deutsche wandern. Damit ist nicht das klassische Spazierengehen gemeint, sondern dass man acht, neun Stunden am Stück unterwegs ist oder auch mal mehrtägige Touren macht.

          40 Millionen? Dabei galt Wandern gerade unter jungen Leuten doch lange als spießig.

          Das hat sich gewandelt. Mein Sohn war schon vor Jahren zum Wandern auf Klassenfahrt in Italien. Als ich ihn gefragt habe, warum sich seine Klasse ausgerechnet dafür entschieden hat, sagte er nur: „Das soll total cool sein.“ Die haben dann in Hütten übernachtet und gemeinsam gekocht - er war begeistert.

           Wandern ist der neue Trend?

          Ich glaube, da hat ein Sinneswandel stattgefunden. Viele wollen sich in ihrer Freizeit heute nicht mehr einfach an den Strand in die Sonne legen, sondern rausgehen, aktiv sein, sich bewegen. Und Wandern ist nun mal etwas für alle Altersgruppen: Man kann schnell oder langsam laufen, alleine oder in der Gruppe.

          Die Ausrüstung dafür bekommt man heute sogar bei Aldi oder Tchibo, und zwar deutlich günstiger als bei Ihnen.

          Das stimmt, und es hilft uns sogar. Bei Aldi oder Tchibo sind es meistens Einsteiger, die sich Wanderschuhe oder Rucksäcke kaufen. Sie wollen sich erstmal ran tasten. Diesen Markt können und wollen wir preislich nicht bedienen. Wenn diese Kunden dran bleiben, sind sie bereit, auch ein bisschen mehr Geld auszugeben. Dann kommen sie zu uns und kaufen sich höherwertige Produkte.

          Werden nicht auch deshalb so viele Outdoorjacken verkauft, weil jeder sie heute im Alltag trägt?

          Das trägt sicher auch dazu bei. Nicht jeder geht mit unseren Regen- und Softshell-Jacken wandern. Viele tragen sie auch auf dem Fahrrad oder in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit.

          Der Outdoor-Markt ist lange rasant gewachsen auf einen Branchenumsatz von zuletzt etwa zwei Milliarden Euro, jetzt geht er zurück. Warum?

          Daran sind wir selbst nicht ganz unschuldig. Globetrotter ist über Jahre zweistellig gewachsen, damit ist der Markt für andere natürlich attraktiv geworden. Jeder hat sein Glück versucht: Die Hersteller haben expandiert, viele neue Marken sind hinzugekommen. Doch der Markt wurde überschätzt, Outdoor ist immer noch eine Nische. Jetzt müssen alle ihre Erwartungen mal wieder auf ein vernünftiges Maß zurückschrauben.

          Auch Globetrotter musste die Erwartungen senken, erstmals stagniert ihr Geschäft.

          Wir sind mit diesem Ergebnis nicht zufrieden. Auch unsere Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr haben wir schon angepasst: Wir rechnen jetzt mit einem Wachstum von etwa zwei bis vier Prozent, 2011 waren es noch zehn Prozent. Der Markt hat sich nicht so entwickelt, wie wir es gerne hätten. Nun werden wir unsere Unternehmensstrategie daran anpassen müssen.

          Was wollen Sie anders machen?

          Zum einen werden wir nach der Eröffnung unserer Filiale in Stuttgart erst mal keine weiteren Häuser in Deutschland eröffnen. Das ist der letzte große Standort, den wir in Deutschland noch sehen. Wir haben dann mit anderen Großstädten wie Hamburg, Köln und München neun Filialen. Außerdem werden wir unsere Zusammenarbeit mit den Marken überdenken.

          Jack Wolfskin, The North Face und Mammut machen Ihnen mit eigenen Filialen Konkurrenz.

          Viele Marken haben keine richtige Strategie, wie sie ihre Produkte plazieren wollen. Sie machen eigene Läden auf, beliefern jeden, der sie anfragt und wundern sich dann, dass ihre Sachen bei uns liegenbleiben. Wir haben deshalb in den letzten Monaten viele Gespräche mit den Herstellern geführt.

          Sie machen Druck, damit die Marken ihre Geschäfte wieder schließen?

          Das ist unterschiedlich. Mit vielen Marken arbeiten wir partnerschaftlich und sehr langfristig zusammen. In den Gesprächen haben wir ihnen erklärt, was wir in den nächsten Jahren vorhaben - und jetzt müssen die sich eben überlegen, welchen Weg sie einschlagen wollen.

          Was heißt das? Werden Sie Marken aus Ihrem Sortiment rausschmeißen?

          Das würde ich so nicht sagen. Aber die Marken merken ja auch, wenn sie in unserem Kundenkreis nicht mehr nachgefragt werden. Unsere Kunden erwarten bei uns Produkte, die sie woanders nicht bekommen. Wenn Marken zu konsumig werden, wenn es sie also überall anders auch gibt, haben sie für uns keinen Wert mehr.

          Sie meinen Jack Wolfskin? Deren Jacken bekommt man heute überall.

          Es gibt mehrere Beispiele, aber der partnerschaftlichen Zusammenarbeit wegen werde ich keine Namen nennen.

          Probleme bereitet Ihnen auch das Internet, wo es viele Produkte deutlich günstiger gibt. Ein Beispiel: Eine Jacke von Jack Wolfskin, Modell Highland Women, schwarz, Größe L, kostet bei Ihnen 150 Euro, bei Amazon nur 111 Euro. Da ist doch klar, wo ich die Jacke kaufe.

          Das hängt von Ihrer sozialen Gesinnung ab.

          40 Euro sind ein so deutlicher Preisunterschied, dass man die mal kurz vergessen könnte.

          Das tun Sie? Das ist gar nicht schön. Natürlich gibt es immer Angebote, die günstiger sein können. Die Frage für uns ist dann, mit welchen Konsequenzen wir das verfolgen: Gehen wir auf diesen Preis ein, oder trennen wir uns von der Marke, weil wir ihre Produkte nicht mehr verkauft kriegen.

          Auf den Preiskampf können Sie sich kaum einlassen.

          Nein, darauf ist unser Konzept nicht ausgelegt. Wir arbeiten mit teuren Flächen und hochbezahltem Personal. Wir wollen nicht zum Discounter werden, das funktioniert bei uns nicht. Unser Alleinstellungsmerkmal ist unsere hohe Qualität bei der Beratung, und die muss vom Markt honoriert werden. Das ist zurzeit schwierig.

          Welche Druckmittel haben Sie überhaupt? Wenn man Jack Wolfskin oder The North Face bei Ihnen nicht mehr findet, kauft keiner mehr bei Ihnen ein.

          Immerhin sind wir Marktführer in Deutschland. Und wir führen rund 1000 Marken, sind also sehr breit aufgestellt. Natürlich sind große Namen wichtig. Aber das schließt nicht aus, dass da eine Umsatzumverteilung stattfindet.

          Sprechen wir über Innovationen: Wie viel tut sich überhaupt noch im Outdoorbereich?

          Die Frage nach Innovationen stellen sich alle. Im Moment werden vor allem Details verbessert.

          Alles wird immer noch ein bisschen leichter?

          Ja, so kann man immer noch ein bisschen Gewicht und Platz sparen. Wenn man irgendwo noch einmal 20 Gramm rausholen kann, ist das schon toll. Und die Sachen werden funktionaler: Outdoor-Kleidung ist heute sehr robust und trocknet schnell.

          Machen 20 Gramm wirklich so viel aus?

          Wenn Sie bei allem, was Sie zum Beispiel bei einer Wandertour mit sich rumtragen - das Zelt, der Schlafsack, der Rucksack - ein bisschen was einsparen, macht sich das insgesamt schon deutlich bemerkbar. Aber es stimmt, es geht meistens eher um kleine Verbesserungen, große Würfe passieren nur noch selten.

          Dafür kommt allerlei Zubehör auf den Markt, das die Leute kaufen sollen, wenn sie eh schon in Ihrem Laden sind. Wer braucht Champagnergläser beim Wandern?

          Das Champagnerglas kann einen irren Effekt haben, wenn man mal zu zweit unterwegs ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind den ganzen Tag auf einer Paddeltour unterwegs und zaubern dann zwei Gläser und eine kühle Flasche Champagner hervor. Damit werden Sie sicher Eindruck hinterlassen.

          Globetrotter

          Der Allrounder Thomas Lipke startete 1980 als Zeltverkäufer bei Globetrotter, nachdem er eine Ausbildung als Mess- und Regeltechniker abgeschlossen hatte. 1991 wurde er geschäftsführender Gesellschafter, er hält heute etwa ein Viertel der Anteile an dem Unternehmen. 2005 zogen sich die beiden Globetrotter-Gründer Klaus Denart und Peter Lechhart aus dem operativen Geschäft zurück. Heute hat Globetrotter wieder vier Geschäftsführer, Lipkes Aufgaben liegen im Vertrieb. Globetrotter beschäftigt 1500 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von rund 250 Millionen Euro. Das Unternehmen macht keine Angaben zum Gewinn. Die Zentrale befindet sich in Hamburg. Lipke, 54 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, ist selbst begeisterter Outdoor-Sportler und bezeichnet sich gerne als am besten ausgerüsteten Mann Deutschlands.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

          Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

          In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
          Robert Lewandowski (links) schießt noch ein Tor mehr als Erling Haaland.

          FC Bayern besiegt Dortmund : Die große Show des Robert Lewandowski

          Das Topspiel der Bundesliga wird zur Bühne der Torjäger. Haaland trifft früh doppelt für den BVB, doch die Bayern sind am Ende wieder stärker. Denn Lewandowski schießt noch mehr Tore als Haaland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.