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Globalisierung : Markenartikel Mundharmonika

Einst der erste globale Markenartikel Deutschlands, heute im Besitz von Taiwanern Bild: F.A.Z./Helmut Fricke

Einst war die Mundharmonika des württembergischen Familienunternehmens Hohner der erste globale Markenartikel aus Deutschland. Heute ist ein taiwanesisches Unternehmen Mehrheitseigner. Doch das ist kein Grund für Pessimismus.

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          Es war mächtig hochgestapelt, was Matthias Hohner vor der Gemeinde-Obrigkeit von Trossingen zu Protokoll gab: er sei Mundharmonika-Fabrikant, behauptete Hohner, und dass er sein Gewerbe derart betreibe, „dass der Nahrungsstand für eine Familie hinreichend gesichert wäre“. Dabei war der Bauernsohn Matthias Hohner damals nicht mehr als ein frustrierter Uhrmacher auf der Suche nach einer Existenz.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Weil aber seine Freundin schwanger war und deshalb dringend geheiratet werden sollte und weil er selbst noch gar nicht volljährig war, nahm er es mit der Wahrheit nicht so genau. Bei allem Hochstapeln hätte aber wohl nicht einmal Matthias Hohner selbst gedacht, dass sein Name einmal weltbekannt werden würde. 150 Jahre später kennt man Hohner überall, wo Mundharmonika oder Akkordeon gespielt wird.

          Erste globale Markenartikel aus Deustchland

          Das Traditionsunternehmen aus dem württembergischen Trossingen war das Start-up eines cleveren jungen Mannes, dessen technisches Verständnis und feinmechanisches Können ausreichten, eine Mundharmonika zu entwickeln, ohne dass er die Produktionsverfahren wirklich kannte: Nur ein paar Stunden hatte er einem Altersgenossen in einer Mundharfenproduktion über die Schulter schauen können, bevor er als Werksspion enttarnt war und hinausgeworfen wurde.

          Clever auch die Vermarktung: Keinen Schritt hatte Matthias Hohner je ins Ausland getan, da lieferte er schon Mundharmonikas nach Amerika. Englisch konnte der Unternehmer übrigens nicht. Er wählte deutschstämmige Auswanderer als Vermittler: Ihnen war die Mundharmonika, preiswert und leicht zu erlernen, ein Stück Heimat. Doch Amerika war auch ein guter Markt, weil Country und Blues gerade in Mode kamen, das trieb die Nachfrage an.

          1890 lieferte Hohner fast seine komplette Produktion nach Amerika. Edle Etuis, ein einheitlicher Schriftzug und schöne Verzierungen machten die Hohner-Mundharmonika zu etwas Einzigartigem. Im Jahr 1900, als Matthias Hohner sein Unternehmen an seine fünf Söhne übergab, verließen drei Millionen Mundharmonikas die Trossinger Produktion, in der 1200 Menschen Arbeit fanden. Aus der Hohner-Mundharmonika war der erste globale Markenartikel aus Deutschland geworden.

          Das Traditionsunternehmen gibt auf

          Die Globalisierung indes hat Hohner längst eingeholt: Die Rockmusik machte dem Familienunternehmen den Garaus. Ernst Hohner, Vertreter der dritten Generation, hielt den neuen Musikstil für eine vorübergehende Erscheinung und verzichtete auf Neuheiten. Er hatte wohl vor Augen, wie gut Hohner zuvor alle Krisen überstanden hatte, sogar die beiden Weltkriege.

          Die Hohner-Harmonika sei im Ersten Weltkrieg das meistgespielte Schützengrabeninstrument gewesen, heißt es schließlich: Die Briten musizierten auf ihrer „Soldiers“, das Instrument der Franzosen hieß „Le Poilu“, und die Deutschen nahmen das Modell „Schwarz-Weiß-Rot“ oder eine „Imperator“. Doch diese Zeiten waren endgültig vorbei. Mit der Harmonika und erst recht mit dem 1902 von der zweiten Hohner-Generation eingeführten Akkordeon konnten Rockmusiker wenig anfangen.

          Hohner versuchte es mit elektronischen Heimorgeln, doch da hatten schon die Asiaten die Nase vorn: Yamaha, Kawai und Casio wiesen die Schwaben in ihre Schranken. So weit ging der unternehmerische Wagemut, dass Hohner sogar in die Computerproduktion einstieg, ein Exkurs, der aber schon 1972 wieder beendet wurde. Mitte der achtziger Jahre schien die letzte Stunde des Familienunternehmens geschlagen zu haben: Die Hohners gaben auf. Über Beziehungen fand man für das Traditionsunternehmen einen Investor. Doch die schlechten Nachrichten rissen nicht ab.

          Optimismus im Jubiläumsjahr

          Asiaten jagten Hohner dann nicht nur in der Musik, Asiaten sind mittlerweile auch die Eigentümer des Unternehmens. Die HS Investment Group, ein taiwanisches Unternehmen mit Firmensitz auf den britischen Jungferninseln, hält seit 1997 die Aktienmehrheit. „Ich kenne nur die Vertreter, die ihre Stimmen im Aufsichtsrat abgeben“, sagt Hohner-Chef Horst Bräuning über die Eigner, will heißen: Einmischung gibt es nicht, Hilfe aber auch nicht. So übt sich Bräuning im Jubiläumsjahr in Optimismus, wie in den letzten zehn Jahren auch schon. 411 Mitarbeiter hat Hohner noch, verglichen mit rund 5000 vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

          Der Umsatz ist gerade wieder einmal zurückgegangen, weil man mit dem Vertriebspartner im wichtigen amerikanischen Markt Probleme hatte. Doch, betont Bräuning, Hohner stehe heute auf einem finanziellen Fundament, das es erlaube die Produktentwicklung voranzutreiben: „Wir haben in den letzten sieben Jahren mehr Instrumente entwickelt als in den 30 Jahren zuvor.“ Wie dereinst Matthias Hohner setzt Bräuning auf neue Märkte: „In China wird mehr Beethoven auf dem Akkordeon gespielt als hierzulande“, gibt er zu bedenken - nur sind für die meisten Chinesen Hohner-Akkordeons unerschwinglich.

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