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Glencore : Der verschwiegene Konzern aus der Provinz

  • -Aktualisiert am

Zinnbarren aus Bolivien Bild: REUTERS

Der Börsengang des Schweizer Rohstoffhändlers Glencore wird begleitet von neuen Beschuldigungen zwielichtigen Verhaltens. Das undurchsichtige Geschäftsgebaren von Glencore hat es Kritikern leicht gemacht.

          2 Min.

          Nichts Neues im Süden: Der Börsengang von Glencore wird begleitet von neuen Beschuldigungen zwielichtigen Verhaltens. So war es schon immer in der Geschichte des größten Rohstoffhändlers der Welt mit Sitz in der Schweizer Provinz. Umweltgruppen, Globalisierungskritiker und Menschenrechtsaktivisten nahmen Glencore aufs Korn, glaubten sie doch dort besonders leicht fündig zu werden. Die Verschwiegenheit des Riesen aus Baar war Wasser auf ihre Mühlen. "Geheimnisumwittert" ist noch die freundlichste Vokabel, welche die wenig transparente Vergangenheit des Konzerns beschreibt. Hier hat Glencore, das aus dem 1974 von dem schillernden Marc Rich gegründeten Unternehmen hervorgegangen ist, zweifellos Nachholbedarf. Gestern machte der Konzern einen kleinen Schritt, nachdem er in der Vergangenheit Kritik vielfach von sich abperlen ließ.

          Im Mittelpunkt der jüngsten Anschuldigungen steht die Tochtergesellschaft Mopani Copper Mines in Sambia. Hier haben die linksstehende "Erklärung von Bern" und Partnerorganisationen beim Staatssekretariat für Wirtschaft in Bern eine Beschwerde eingereicht, deren Adressat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris ist. Der Vorwurf: Mopani habe eine "skandalöse Steuervermeidung" betrieben. Die Erklärung von Bern bezieht sich auf zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die im Auftrag der Regierung von Sambia die Bücher der Bergbaugesellschaft durchforstet haben. Angeblich fanden sie allein für 2007 nicht weiter belegbare Betriebskosten in Höhe von 380 Millionen Dollar. Betriebsaufwendungen drücken die Steuerschulden. "Dazu kommen im Vergleich mit anderen Minen viel zu tiefe Kobalterträge und Verkaufspreise für Kupfer, die weit unter dem internationalen Referenzpreis lagen", behaupten die Unternehmenskritiker. Glencore entgegnet, seine Buchführung werde jedes Jahr von unabhängigen Wirtschaftsprüfern unter die Lupe genommen. Dabei erhalte auch Mopani stets ein gutes Zeugnis. Im übrigen sorgten Investitionen von mehr als einer Milliarde Dollar für die Beschäftigung von 15 000 Menschen in dem afrikanischen Entwicklungsland.

          Glencore ist nur ein Beispiel für extreme Verschwiegenheit. Als größter Spieler im Rohstoffhandel und namhafter Akteur im Bergbau einschließlich der daran gekoppelten Verarbeitungsbetriebe ist der Konzerngigant in einer Branche tätig, in der unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ausbeutung von Entwicklungsländern und Umweltschäden gang und gäbe sind. Mopani Copper Mines geriet schon Anfang des Jahrtausends in die Schusslinie. In den Jahren 2001 und 2006 soll die Gesellschaft an der Vertreibung von Bauern beteiligt gewesen sein, die auf Land gesiedelt hatten, das im Zuge der Privatisierung an Mopani ging.

          Kritik hagelt es von verschiedenen Seiten. 2002 lancierte der damalige britische Premierminister Tony Blair die "Extractive Industries Transparency Initiative", die Länder mit großen Rohstoffvorkommen ermuntern wollte, ihre Einnahmen offenzulegen. Diese Gruppe beschuldigte Glencore mit Verweis auf einen Bericht des amerikanischen Geheimdienstes CIA, bis 2002 im Irak das Regime von Saddam Hussein geschmiert zu haben, um beim Programm "Oil for Food" an Öl zu gelangen.

          Angesichts solcher Vorkommnisse tat sich Boliviens Präsident Evo Morales leicht, 2007 eine Zinnhütte von Glencore zu verstaatlichen.

          Der Konzern reagiert auf solche Vorwürfe mit dem Hinweis, dass seine Mitarbeiter gehalten seien, in allen Ländern die Gesetze zu befolgen. Aber Gewerkschaften sind Glencore ein Greuel. "Wie arbeitgeberfreundlich die Gesetze in einem Land auch sind - Glencore reizt sie aus und zieht Urteile notfalls bis zur letzten Instanz durch", urteilte ein Kenner der Verhältnisse in Kolumbien in der "Zeit". Eine Schwierigkeit besteht darin, die von dem Unternehmen beschworene Gesetzestreue in jenen Dritte-Welt-Ländern zu verfolgen, in denen die Korruption grassiert. Zudem wird die Marktmacht von Glencore in den Rohstoffmärkten rasch mit Marktmanipulationen und Spekulation in Verbindung gebracht. Sowieso herrschen in der Branche rauhe Sitten. Als Mick Davis, der Chef der Beteiligungsgesellschaft Xstrata, sich 2003 um eine Zinkmine in Australien bemühte, wurde er als "Gnom aus Zürich" verunglimpft.

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