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Gläubigerversammlung : Arcandor-Pleite belastet auch die Staatskassen

  • -Aktualisiert am

Kaufvertrag und Insolvenzplan sind bei Karstadt eng miteinander verbunden Bild: ddp

An diesem Montag wird Insolvenzverwalter Görg in der Essener Karstadt-Zentrale seinen Insolvenzplan für das Handelsunternehmen zur Abstimmung vorlegen. Doch der Insolvenzplan wird nur wirksam, wenn bis Ende April ein Kaufvertrag für die rund 120 Filialen unterzeichnet ist.

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          Der Zusammenbruch der Essener Kaufhausgruppe Karstadt wird den Staat voraussichtlich rund 650 Millionen Euro kosten. Auf dieses Volumen veranschlagt Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg die gesamten Ansprüche der Finanzbehörden, der Bundesagentur für Arbeit und der Sozialkassen, so wurde am Wochenende ein Bericht der „Wirtschaftswoche“ bestätigt. Mit rund 500 Millionen Euro an Forderungen entfalle dabei der Hauptanteil auf die Finanzbehörden. An diesem Montag wird Görg in der Essener Karstadt-Zentrale in einer zweiten Gläubigerversammlung seinen Insolvenzplan für das Handelsunternehmen zur Abstimmung vorlegen.

          Wie es heißt, sind insgesamt Forderungen im Volumen von rund 2,7 Milliarden Euro angemeldet. Bei Annahme des Plans sollen Gläubiger in einem ersten Schritt grundsätzlich 3 Prozent auf den Rest ihrer Insolvenzforderungen erhalten. Auf die öffentlichen Kassen entfiele somit ein Betrag von lediglich rund 20 Millionen Euro.

          800.000 Euro für Middelhoffs Flugkosten

          Unterdessen haben Ermittler der Staatsanwaltschaft Bochum in der vergangenen Woche in der Konzernzentrale weitere Unterlagen im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen den früheren Chef der Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor, Thomas Middelhoff, gesichtet. Nach Informationen des „Spiegel“ soll es dabei auch um dessen ungewöhnlich hohe Reisespesen gegangen sein, die Görg schon unmittelbar nach der Arcandor-Pleite heftig kritisiert hatte. So soll der Manager allein im Jahr 2006 rund 800.000 Euro an Flugkosten verursacht haben, unter anderem durch intensive Nutzung der Firmenjets der Challenge Air, einer auf Geschäftsreisende spezialisierte Fluggesellschaft des Vermögensverwalters und Bauunternehmers Josef Esch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit dem vergangenen Sommer.

          Es geht dabei aber nicht nur um Middelhoff und dessen umstrittene Immobilienanlagen in die Oppenheim-Esch-Fonds, denen einige der Karstadt-Häuser gehören. Angesichts der Dimension der Arcandor-Pleite, die als größter Unternehmenszusammenbruch der Nachkriegszeit gilt, geht die Staatsanwaltschaft grundsätzlich der Frage nach, ob es auch strafrechtlich relevante Ursachen für den Zusammenbruch gab. Die Mitarbeiter seien nach wie vor damit beschäftigt, die Fakten zu sammeln und sich aus der Fülle der Informationen einen Überblick zu verschaffen, sagte der Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft der F.A.Z. Noch sei nicht klar, in welche Richtung die Kompassnadel ausschlagen werde. Middelhoff hatte den Verdacht der Untreuehandlung während seiner Amtszeit stets zurückgewiesen.

          Kaufvertrag muss Ende April unter Dach und Fach sein

          Auf dem für diesen Montag anberaumten Erörterungs- und Abstimmungstermin über den Insolvenzplan werden die Gläubiger – darunter als größte Gruppe die Karstadt-Mitarbeiter – wohl kaum Details über die laufenden Verhandlungen mit möglichen Investoren erfahren. In dem von der Investmentbank Merrill Lynch begleiteten Prozess sei strenge Vertraulichkeit vereinbart worden, sagte der Sprecher von Görg. Die Zustimmung zum Insolvenzplan und der Verkauf des Unternehmens sind miteinander verknüpft. So wird der Insolvenzplan nur wirksam, wenn bis Ende April ein Kaufvertrag unterzeichnet ist.

          Die in diesem Vertrag vereinbarten Bedingungen müssten dann mit dem endgültigen Abschluss am 30. September erfüllt sein. Zugleich verschafft der Insolvenzplan dem potentiellen Erwerber Klarheit über die festgezurrten Zugeständnisse der rund 26000 Mitarbeiter, der Vermieter der Warenhäuser, der Lieferanten und der sonstigen Dienstleister. Allein die Mitarbeiter wollen in den nächsten drei Jahren über einen Sanierungstarifvertrag auf rund 150 Millionen Euro verzichten. Einen ähnlich hohen Einsparungsbetrag sollen die Vermieter zugestanden haben.

          Über das in der ersten Gläubigerversammlung im vergangenen November beschlossene Insolvenzplanverfahren soll Karstadt finanzwirtschaftlich reorganisiert werden, so dass das Unternehmen nach Abschluss des Verfahrens weitgehend schuldenbefreit wäre. Görg will die verbliebenen 120 Häuser als Einheit verkaufen. Angeblich gibt es noch immer eine Handvoll Finanzinvestoren, mit denen intensiv verhandelt wird. Die Zeit, einen passenden Käufer zu präsentieren, drängt sehr, da andernfalls der Insolvenzplan hinfällig wird. Dann droht dem Traditionsunternehmen doch noch die Zerschlagung.

          Schon vor der Karstadt-Gläubigerversammlung steht fest, dass die Steuerzahler zu den Hauptverlierern gehören. Die Staatsanwaltschaft forscht weiter, ob strafrechtlich relevante Sachverhalte vorliegen.

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