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Gläubiger stimmen Rettung zu : Weg frei für Sanierung von Karstadt Kaufhof

  • -Aktualisiert am

Arndt Geiwitz (l), Generalbevollmächtigter von Karstadt Kaufhof und Sachwalter Frank Kebekus, auf der Gläubigerversammlung des Warenhauskonzerns. Bild: dpa

Die Gläubiger des angeschlagenen Warenhauskonzerns stimmen dem Insolvenzplan zu. Trotzdem verlieren Tausende ihre Stelle. Der neue Chef motiviert die verbliebenen Mitarbeiter jetzt – das wichtige Weihnachtsgeschäft steht an.

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          Der Andrang der Gläubiger ist überschaubar gewesen, dafür, dass es um viel Geld geht. Nur rund 100 Gläubiger und Gläubigervertreter haben sich am Dienstag an der Messe in Essen versammelt, um über den Insolvenzplan von Galeria Karstadt Kaufhof abzustimmen. Einige wenige Gewerkschaftsvertreter von Verdi demonstrierten vor der Messe dafür, einen „Kahlschlag“ durch Stellenstreichung und Filialschließung im Konzern zu verhindern. Stefanie Nutzenberger, die bei Verdi für den Handel zuständige Vertreterin, sprach sich gleichwohl dafür aus, dem Plan der Insolvenzverwalter zuzustimmen, um eine Abwicklung des angeschlagenen Warenhauskonzerns zu verhindern.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die Zurückhaltung der Gläubiger und Gewerkschaftler hängt auch damit zusammen, dass ihnen kaum eine Alternative offenstand, wenn sie wenigstens etwas von ihrem Geld wiedersehen wollten. Deshalb haben sie am Dienstag dem Insolvenzplan nach einer siebenstündigen Sitzung zugestimmt. „Der heutige Tag ist der Startschuss für einen Neuanfang, denn unser Unternehmen hat jetzt wieder eine gesunde Basis und die Aussicht auf eine sichere Zukunft“, schrieb Geschäftsführer Miguel Müllenbach in einem Brief an die Mitarbeiter. Nun könne das Insolvenzverfahren noch im Oktober beendet werden, womit der angeschlagene Warenhauskonzern ohne Insolvenz-Ablenkung in das für ihn überlebenswichtige Weihnachtsgeschäft starten kann. „Wir werden dann stärker und besser aufgestellt sein als vor der Corona-Krise, die voraussichtlich schon im Herbst noch einige Unternehmen in Schieflage bringen wird, die sich anders als wir hoch verschuldet haben“, schreibt Müllenbach.

          Eigentümer investiert weiteren Millionenbetrag

          Der Geschäftsführer dankte dem Eigentümer Signa, der dem Immobilieninvestor René Benko gehört. Denn von ihm kommt vor allem das Geld für die Sanierung. Im vergangenen Jahr hatte er gut eine halbe Milliarde Euro investiert und in der Zeit der geschlossenen Geschäfte im Frühling weitere 162 Millionen Euro zugeschossen. Als die Warenhäuser geschlossen waren, verlor das Unternehmen jede Woche 80 Millionen Euro Umsatz. Auch um die Liquidität für das Weihnachtsgeschäft aufrecht zu erhalten, stellt Benko nun weitere 366 Millionen Euro bereit, wovon unter anderem die Gläubiger bezahlt werden.

          Mit ihrer Zustimmung verzichten die Gläubiger auf Milliarden. Arndt Geiwitz und Frank Kebekus, die Sanierer und Sachwalter von Karstadt Kaufhof, hatten ihnen im Insolvenzplan skizziert, dass sie bei einer Abwicklung des Unternehmens leer ausgehen würden. Im „Schließungszenario“ liege die geschätzte Insolvenzquote bei „null Prozent“, hieß es in dem Entwurf. Im Sanierungsfall bleibt zwar auch bloß eine Quote von 4,55 Prozent stehen, doch wird immerhin nicht die gesamte freie Masse von Verbindlichkeiten aufgezehrt. Die quotenberechtigten Forderungen liegen bei 2,2 Milliarden Euro, wovon die Gläubiger jedoch nur 100 Millionen Euro erhalten. In einer zweiten Tranche fließen bis Ende kommenden Jahres zudem 370 Millionen Euro zur Begleichung sogenannter Aus- und Absonderungsrechte, die an Gläubiger mit besonderen Sicherungsrechten gehen.

          Auch die katholische Kirche gehört zu den Gläubigern

          Zu den Gläubigern gehört der Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) und die Bundesagentur für Arbeit wegen der Zahlung des Insolvenzgeldes im Frühjahr. Auf Geld warten auch noch der Warenkreditversicherer Zurich und Zahlungsregulierer Euro Delkredere, die Forderungen von Lieferanten bündeln. Und dann sind da noch die Vermieter wie der Einkaufszentrumsbetreiber ECE oder die katholische Kirche, deren Erzbistümer Köln und Bamberg über die Aachener Grundvermögen auch in den letzten Monaten hart um Warenhausschließungen verhandelt haben. Viele Vermieter haben deutliche Mietreduzierungen akzeptiert, damit Filialen nicht geschlossen werden. Als Druckmittel war einst von 80 zu schließenden Häusern die Rede, später standen noch 62 Filialen auf der Schließungsliste, in mehreren Nachverhandlungen wurde diese Zahl inzwischen auf 46 reduziert. Viele der nun doch geretteten Häuser sind große Filialen mit vielen Beschäftigten. Gleichwohl plant Karstadt Kaufhof nach der Sanierung mit knapp über 16000 Mitarbeitern. Unmittelbar vor dem Insolvenzantrag hatte Karstadt Kaufhof noch etwas mehr als 22000 Menschen beschäftigt.

          Die Zustimmung zum Sanierungsplan folgt auch äußerem Druck. Konservativ geschätzt hängen noch einmal gut 30000 Arbeitsplätze von Zulieferern und Warenhauspartnern am Fortbestand von Karstadt Kaufhof. Politiker und andere Händler sorgen sich zudem um die Zukunft der Innenstadt. Wenn ein Warenhaus in der Größe eines Karstadts oder Kaufhofs verschwindet, gibt es keinen einzelnen Nachmieter. Eine soeben erschienene Auswertung der Beratung PWC zur Nachnutzung der 52 Warenhäuser, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland dichtgemacht haben, kam zum Ergebnis, dass vier Fünftel von ihnen umgebaut werden mussten, damit sie weitergenutzt werden konnten. Auch bei den nun zu schließenden Warenhäusern haben eher gemischte Konzepte mit Büros, Wohnungen und Gastronomie eine Chance. Zu sehen ist diese Entwicklung auch in den Verkaufsverhandlungen um die SB-Warenhauskette Real. Auch dort will der russische Investor, der Real vom Großhändler Metro gekauft hat, neben klassischen Supermarktkonkurrenten auch Schuh- oder Sportgeschäfte als weitere Mieter gewinnen.

          Um die Sanierung zu stemmen, muss Karstadt Kaufhof, das in diesem Jahr wohl eine Milliarde Euro Umsatz verlieren wird, drastisch sparen, etwa in der Logistik. Von sieben Zentren sollen nur noch zwei in Unna und Essen-Vogelheim übrigbleiben. Die Sportgeschäfte werden in dem vor kurzer Zeit von Signa zugekauften Sportscheck gebündelt, das Geschäft mit Reisebüros drastisch reduziert. In diesem und den nächsten Jahren sind Verluste unvermeidbar, doch für das Geschäftsjahr 2022/2023 peilt die Geschäftsführung einen operativen Gewinn von 188 Millionen Euro an.

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