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Spielwaren : Gezänk im Playmobil-Land

Nur die Figuren lächeln noch. Bild: Jens Gyarmaty

Bei Kindern sind die Spielzeugfiguren beliebt wie nie. Das ist im Unternehmen aber kaum noch Grund zur Freunde, stattdessen wird dort gestritten. Eine Geschäftsführerin hat jetzt das Unternehmen verlassen.

          Schweigen, ein Knall, und dann wieder Schweigen - so lässt sich beschreiben, wie der fränkische Spielwarenhersteller Playmobil in der Öffentlichkeit von sich reden macht. Für den Knall sorgte eine interne Mitteilung, die schnell an die Öffentlichkeit durchsickerte. Geschäftsführerin Judith Weingart verlasse das Unternehmen. Es folgt eine knappe eher formale Dankesformel für die Managerin, die mehr als zwei Jahrzehnte im Unternehmen arbeitete, erst für das Marketing sorgte, dann die gesamte Außendarstellung verantwortete und 2015 schließlich die Geschäftsführung von Andrea Schauer übernahm, die wegen einer Erkrankung um die Entbindung von allen Aufgaben gebeten hatte.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seitdem ist es bei dem Spielwarenproduzenten mit dem internen Frieden vorbei. Die 7,5 Zentimeter großen Figuren tragen – egal im Kinderkrankenhaus, auf dem Bauernhof oder Piratenschiff – stets ein Lächeln im Gesicht. In der Belegschaft von Geobra Brandstätter, dem Playmobil-Hersteller, ist der fröhliche Gesichtsausdruck geschwunden. Obwohl Unternehmenspatriarch Horst Brandstätter selbst Weingart aus einer Vorschlagsliste Schauers auswählte, gab es von Anfang an Kritik an der Entscheidung.

          Dennoch scheint die Bilanz der nun kurzen Amtszeit Weingarts nicht schlecht: 2015 war mit einem Umsatz von 616 Millionen Euro das stärkste Jahr seit der Gründung. Elf Monate lang lag man in den Verkaufsstatistiken des deutschen Handels sogar vor der langjährigen Nummer zwei, dem Barbie-Konzern Mattel, der erst auf den letzten Metern im Weihnachtsgeschäft seinen alten Rang zurückerobern konnte.

          Doch all das verhinderte offenbar nicht die internen Grabenkämpfe. Der Tod Brandstätters machte die Lage noch verworrener. Der im Juni kurz vor seinem 82. Geburtstag verstorbene Inhaber war selbst keine unkomplizierte Person. Seinen Kindern wollte er die Führung des Unternehmens nicht übertragen. In Kleinarbeit ersann er mit einem ihm vertrauten Rechtsanwalt für die Zeit nach seinem Ableben eine Konstruktion, die den Anschein erweckt, dass auch sonst keine Einzelpersonen in seine Fußstapfen treten sollten.

          Die Playmobil-Welt besteht nun aus gleich zwei Stiftungen, eine für die Unternehmensleitung und eine als Haupteigentümerin. Dazu kommt eine Holding für die Playmobil-Landesgesellschaften und die Vermögensverwaltung. Über allem wacht wie einst der Inhaber nun ein fünfköpfiger Beirat. Kein Geschäftsführer – weder die zuletzt für Marketing, Vertreib und Entwicklung zuständige Weingart noch einer ihrer Amtskollegen - durfte etwas im Alleingang entscheiden. Das erwies sich als kompliziert – und trug mit dazu bei, dass in der Belegschaft der Eindruck entstand, die Manager des Hauses überwachten, blockierten und misstrauten einander.

          Die internen Verwerfungen führten nun zu Weingarts Abschied „mit sofortiger Wirkung“. Das bestätigt das Unternehmen auf Nachfrage. Um die Erfolgsgeschichte von Playmobil nachhaltig fortzuschreiben, würden Strukturen auf den Prüfstand gestellt und notwendige Veränderungen eingeleitet. „Aufgrund von unterschiedlichen Vorstellungen haben wir uns entschieden, die Zusammenarbeit mit Judith Weingart als Vorstand zu beenden“, heißt es allgemein. Mehr ist nicht herauszubekommen. In Branchenkreisen kursiert, dass eigentlich schon geklärt sei, wer Weingart nachfolgen soll. Doch wann und wie man die hastigen Änderungen erklären will, sei noch offen.

          Ein Unternehmen hält sich bedeckt zu internen Streitigkeiten - das ist nachvollziehbar. Doch zuletzt verschwieg Playmobil beinahe auch seine Erfolge. Die üblichen Termine, zu denen das Unternehmen über sein Ergehen berichtete, wurden seit zwei Jahren immer wieder verschoben oder abgesagt. Begründung: Man sei noch in der Findungsphase nach Chefwechsel und Tod des Inhabers. Je häufiger das vorgetragen wurde, desto weniger überzeugend klang es.

          Als wären die Führungsquerelen nicht des Ärgers genug, eskalierte ein Streit um eine Betriebsratswahl. Das Bundesarbeitsgericht erklärte im Februar die jüngste Wahl für ungültig, die Arbeitnehmervertretung muss neu gewählt werden. Auslöser für den Rechtsstreit war, dass der damalige Wahlvorstand die Kandidatenliste der IG Metall nicht zur Wahl zugelassen hatte. Die Gewerkschaft wollte erstmals mit einer eigenen Liste antreten, obwohl in der Vergangenheit auch IG-Metall-Mitglieder im Betriebsrat saßen.

          Welche Rolle das Unternehmen dabei spielt, ist unklar. Playmobil sieht den Konflikt als eine Auseinandersetzung in der Belegschaft an – unangenehm, aber hinzunehmen. Gleiches gelte für Flugblätter, die im Playmobil-Werk im fränkischen Dietenhofen auftauchten. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen aber vor, die Zettel „stillschweigend geduldet, schlimmstenfalls sogar gebilligt“ zu haben. Sie zeigen unter dem Slogan „Die IG Metall hat schon einige Schiffe absaufen lassen“ Logos einstiger Traditionsunternehmen wie Grundig und AEG – und ein Playmobil-Piratenschiff.

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