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Gesundheitswesen : Ruhigere Zeiten für Privatkassen

  • -Aktualisiert am

Drohende Gefahr: Durch die Digitalisierung wächst neue Konkurrenz im Gesundheitswesen heran. Hier eine App, die Daten eines Fitnessarmbands auswertet. Bild: dpa

Für die Krankenversicherer läuft es derzeit. Spannend wird sein, wie die Branche mit Big Data umgeht.

          3 Min.

          Die Deutschen sind so zufrieden mit dem Gesundheitswesen wie lange nicht mehr. 70 Prozent der gesetzlich Versicherten schätzen die Leistungen, die es ihnen bietet. Noch zufriedener sind die Privatversicherten, 85 Prozent beurteilen ihre Versorgung positiv. So hoch war die Zustimmung noch nie, seit die Continentale Krankenversicherung 2001 ihre jährliche repräsentative Umfrage begonnen hat. Die günstigen Ergebnisse sind leicht- verständlich: Gesetzliche Kassen dürfen Leistungen einschränken, wenn steigende Kosten das verlangen. Private haben ihren wunden Punkt bei den Beiträgen, weil Leistungen garantiert sind und sie auf Kostensteigerungen mit höheren Preisen reagieren dürfen. Beides ist in den vergangenen Jahren indes kaum geschehen.

          Die gesetzlichen Kassen haben seit 2009 jährlich 14 Milliarden Euro Zuschuss aus Steuergeld erhalten. Im vergangenen und in diesem Jahr wurde dieser vom Bund wegen der Haushaltskonsolidierung etwas zurückgenommen, im kommenden wird er wieder ansteigen. Die Kassen haben diese kurzzeitige Delle verkraftet. Auch die privaten Versicherer segelten durch recht ruhiges Fahrwasser. In den vergangenen vier Jahren mussten sie ihre Beiträge weniger an steigende Kosten anpassen als sonst. Sie konnten Bewertungsreserven festverzinslicher Papiere heben und insgesamt beachtliche Kapitalanlageergebnisse erzielen.

          Dubiose Geschäftsmodelle

          Doch der Niedrigzins ist eine Last. Ihre erforderliche Verzinsung von 3,5 Prozent schaffen die meisten Unternehmen nicht mehr. Bald dürften die Beitragssteigerungen deshalb wieder höher ausfallen. Auch die künftige Gebührenordnung für Ärzte wird Wirkung entfalten und die Kosten erhöhen. Dennoch sind die Krankenversicherer derzeit in einer stabileren Lage als in den turbulenten Jahren zuvor. Sie haben – nicht immer aus eigener Kraft – einige der größten Schwierigkeiten der Vergangenheit behoben. Die „Umdeckungskaskade“ ist zum Erliegen gekommen: Zwielichtige Versicherungsvermittler hatten Kunden in regelmäßigen Abständen neue Verträge mit günstigeren Konditionen schmackhaft gemacht, um abermals Abschlussprovisionen zu erzielen. Immer ließ sich ein noch günstigerer Tarif finden. Wenn Kunden wechselten, konnte die Abschlussvergütung nicht allein aus ihren Beiträgen finanziert werden und schädigte so das Versichertenkollektiv.

          Hier hat ein sehr scharfes Schwert des Staates Abhilfe geschaffen. Erst nach fünf Jahren ist ein Vermittler heute sicher, dass er die volle Vergütung auch wirklich bekommt. Denn so lang haftet er mit einem Anteil seiner Provision, wenn der Kunde gekündigt hat. Für die betriebswirtschaftliche Sicherheit der selbständigen Unternehmer wäre es besser gewesen, hätte der Staat dieses Mittel nicht einsetzen müssen. Zudem hat er Provisionszahlungen gedeckelt, so dass exzessive Vergütungen unterbunden wurden.

          Die Versicherer waren auf staatliche Unterstützung angewiesen, aber dieser Eingriff hat den Markt gesäubert; fragwürdige Geschäftspraktiken wurden unterbunden, die scheinbar unaufhaltsam steigenden Abschlusskosten sind eingedämmt. Und auch dem blühenden Geschäft der Tarifwechselberater, die Kunden den Wechsel in einen günstigeren Tarif innerhalb einer Gesellschaft erleichtern, nimmt die Branche allmählich die Dynamik. Eine freiwillige Selbstverpflichtung, den Tarifwechsel transparenter zu gestalten, wird fruchten. Es ist traurig, dass es so lange gedauert hat, dieses zwei Jahrzehnte bestehende Gesetz umzusetzen. Aber auch dies verbessert den Markt.

          Datensammelei könnte im Desaster enden

          Die zwei größten Sorgen im operativen Geschäft sind der Niedrigzins und die schwierige Neukundengewinnung. Die Lage am Kapitalmarkt belastet die Unternehmen, aber sie stellt das Geschäftsmodell nicht so fundamental in Frage wie in der Lebensversicherung. Reichen die Anlageergebnisse nicht aus, dürfen Versicherer von bestimmten Schwellwerten an die Beiträge anpassen. Selbst wenn sich Alterungsrückstellungen schwächer verzinsen, helfen sie, Kosten im Alter zu drücken. Noch ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt positiv und hat die Zahl der Selbständigen sinken lassen. Sie waren lange Zeit das einzige Wachstumssegment der Branche. Das Neugeschäft stagniert, was schmerzlich ist, aber nicht existenzbedrohend: Entgegen dem gängigen Klischee sind Krankenversicherer nicht auf Neugeschäft angewiesen, um Beiträge zu stabilisieren, denn die Tarife sind für jeden Jahrgang auskömmlich kalkuliert.

          Die größte Herausforderung besteht in der Digitalisierung. Durch den smarten Umgang mit Big Data erwächst den Unternehmen eine neue Konkurrenz im Gesundheitswesen. Mit Wearables und Smartphone-Apps greifen Wettbewerber wertvolle Gesundheitsdaten von Versicherten ab. Die Versicherer verlieren damit ihren privilegierten Zugang zu Kundendaten und müssen befürchten, von Technikunternehmen überholt zu werden. Auf diese Konkurrenz eine passende Antwort zu finden wird viele Manager lang beschäftigen. Denn die einfachste Antwort, einfach selbst in die Datensammelei einzusteigen, könnte in einem Desaster für den Ruf der Branche münden. Denn der Vorwurf der Rosinenpickerei und der Entsolidarisierung wird schwer zu entkräften sein.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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