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Gesundheit : Teures Insulin aus der eigenen Tasche bezahlen

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Stimmt der Blutzucker nicht, kann es teuer werden Bild: picture-alliance / dpa

Ärzte dürfen Kassenpatienten nur noch in Ausnahmefällen Humaninsulin auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung verschreiben. Der Zusatznutzen eines synthetischen Insulins rechtfertige den höheren Preis nicht - sagt eine Kommission. Patienten und Pharmaindustrie protestieren.

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          Ärzte dürfen Kassenpatienten, die an Altersdiabetes erkrankt sind, künftig nur noch in Ausnahmefällen Insulin auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verschreiben, das von der pharmazeutischen Industrie mit dem Ziel einer höheren Lebensqualität der Patienten synthetisch verändert worden ist.

          Der gemeinsame Bundesausschuß der Kassen und Ärzte begründete diese Entscheidung am Mittwoch mit dem Einsparpotential von jährlich 30 Millionen Euro. Die kurzwirksamen Insulinanaloga zur Behandlung von Diabetes Typ2 dürften bis auf wenige Ausnahmen nur dann zu Lasten der GKV verordnet werden, wenn sie nicht teurer seien als Humaninsulin.

          GKV zahlt Ausschlußmedikamente nicht mal anteilig

          Damit hat der Ausschuß erstmals Präparate mit einer großen Breitenwirkung aus dem Erstattungskatalog gestrichen. Ähnliche Entscheidungen werden vorbereitet. "Das angestrebte Behandlungsziel einer guten medizinischen Versorgung von Diabetes-Typ-2-Patienten ist mit Humaninsulin ebenso zweckmäßig und derzeit wesentlich kostengünstiger zu erreichen", begründete das Gremium seine Entscheidung, der auch die Patientenvertreter zustimmten. Sie wird nun vom Gesundheitsministerium geprüft und mit Veröffentlichung im Bundesanzeiger voraussichtlich im Herbst in Kraft treten.

          Patientenverbände und Arzneimittelhersteller bekräftigten ihren Protest. Sie ziehen die wissenschaftlichen Grundlagen in Zweifel. Da die Insulinanaloga zwischen 30 und 60 Prozent teurer sind als das Humaninsulin, bedeutet der Beschluß faktisch den Ausschluß des Medikamentes aus der Erstattung. Patienten, die dennoch die Analoga dem Humaninsulin vorziehen, müssen die gesamten Kosten von etwa 50 Euro im Monat alleine tragen. Eine Anrechnung der Kosten des Humaninsulins auf Kassenkosten ist nicht möglich. Nach Schätzungen der Kassen versorgen sich hierzulande 200.000 Patienten mit kurzwirksamen Insulinanaloga. Der Deutsche Diabetikerbund rechnet damit, daß derzeit 400.000 der 1,3 Millionen insulinpflichtigen Diabetiker in Deutschland mit Insulinanaloga behandelt werden.

          Rechtfertigt der Zusatznutzen den höheren Preis?

          Diese synthetischen Abwandlungen von Nachbildungen des körpereigenen Hormons Insulin wirken schneller als Humaninsulin. Patienten können sich Insulinanaloga deshalb ohne großen zeitlichen Abstand vor dem Essen spritzen. Die Produkte sind in Deutschland seit etwa zehn Jahren auf dem Markt. Nach dem Beschluß dürfen die Insulinanaloga nur auf Kosten der Kassen verordnet werden, wenn Patienten allergisch auf Humaninsulin reagieren oder bei denen trotz Intensivierung der Therapie eine stabile adäquate Stoffwechsellage mit Humaninsulin nicht erreichbar sei, dies aber mit kurzwirksamen Insulinanaloga nachweislich gelinge. Ferner können jene Diabetes-2-Patienten das Präparat erhalten, bei denen wegen einer unverhältnismäßig hohen Humaninsulindosis eine Therapie mit kurzwirksamen Insulinanaloga wirtschaftlicher sei. Alle anderen Patienten müßten auf das preiswertere Humaninsulin umgestellt werden.

          Bei dem Beschluß sei es nur darum gegangen, ob die Analoga für die Diabetiker einen Zusatznutzen ergäben, der den deutlich höheren Preis rechtfertige, sagte der Vorsitzende des Gremiums, Rainer Hess. "Die Belege hierfür hat die pharmazeutische Industrie bisher nicht vorlegen können." Deshalb habe man "im Interesse von vielen Millionen gesetzlich krankenversicherten Menschen und Beitragszahlern die Kostenbremse" ziehen müssen.

          „Absage an Forschung innovativer Medikamente“

          Mit der Entscheidung habe es "erstmalig eine Rationierung gegeben", kritisierte der Diabetikerbund. Der Verband Forschener Arzneimittelhersteller rief den Gesetzgeber auf, wie im Ausland klare Kriterien festzulegen, nach denen Kosten und Nutzen der Arzneien bewertete würden."In das neue Gesundheitsstrukturgesetz gehört ein Kriterienkatalog, der klar und unmißverständlich das "Wie" der Kosten-Nutzen-Bewertung festschreibt", sagte Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer. Der Hersteller Sanofi-Anventis sprach von einer "Absage an die Erforschung und Entwicklung innovativer Medikamente in Deutschland."

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