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Gesundheit : Mit Datenmassen gegen die Epilepsie

Besser schnell behandeln: Szene aus dem Film „Solage es noch Hoffnung gibt“ mit Meryl Streep, Fred Ward und Seth Adkins (v.l.). Bild: picture alliance / United Archiv

Wer Epilepsie früh erkennt, kann besser helfen. Der belgische Arzneimitelhersteller UCB will zusammen mit IBM die Behandlung verbessern - indem sie Tausende Krankenakten auswerten.

          2 Min.

          Kaum eine Krankheit ist so geheimnisvoll wie die Epilepsie. Schon in der Bibel wird über die Wunderheilung eines Epileptikers berichtet, je nach Epoche galt die Erkrankung des Zentralen Nervensystems mit ihren charakteristischen Krampfanfällen danach als Zeichen des Auserwählt- oder Verfluchtseins. Ein Tabu sei sie vor allem außerhalb der Industriestaaten für viele Menschen immer noch, sagt Roch Doliveux, der Vorstandsvorsitzende des belgischen Arzneimittelherstellers UCB, im Gespräch mit dieser Zeitung. Geht es nach ihm, dann soll in Zukunft Big Data den Aberglauben vertreiben.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dafür hat UCB im vergangenen Jahr eine Allianz mit dem amerikanischen IT-Spezialisten IBM abgeschlossen. Das Ziel ist eine Computeranwendung nach dem Modell von „Watson“, dem für seine künstliche Intelligenz gerühmten Supercomputer von IBM, die Ärzten die Diagnose und Behandlung von Epilepsie erleichtern soll. „Dafür füttern wir jetzt alle verfügbaren Patientendaten in den Computer“, sagt Doliveux.

          UCB hat vor acht Jahren den deutschen Anbieter Schwarz Pharma übernommen und ist der Marktführer im Geschäft mit Epilepsie-Medikamenten. Ein unter dem Markennamen Keppra vertriebenes Präparat zur Verhinderung von Krampfanfällen hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 712 Millionen Euro gebracht; das als Nachfolgeprodukt eingeführte, in den ersten Schritten schon von Schwarz entwickelte Präparat Vimpat kam auf 411 Millionen Euro.

          Früher die richtige Diagnose stellen

          Doliveux rechnet mit einem Umsatzpotential von 1,2 Milliarden Euro im Jahr, was Vimpat den in der Pharmabranche begehrten Status als „Blockbuster“-Medikament einbringen würde. Insgesamt hat UCB für 2013 einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 200 Millionen Euro verbucht; für Forschung und Entwicklung wurden 26 Prozent der Gesamterlöse ausgegeben. Diese im Branchenvergleich ungewöhnlich hohe Quote erklärt sich damit, dass die erforschten Krankheiten – UCB ist auf neurologische und immunologische Indikationen spezialisiert – besonders kompliziert sind.

          Rund 65 Millionen Menschen auf der Welt leiden nach Angaben der Epilepsie-Stiftung an der Krankheit; die Tendenz steigt. „Die Zahl der Patienten nimmt auch deshalb zu, weil die Menschen älter werden“, sagt Roch Doliveux. Doch nur jeder dritte Patient wird nach Schätzungen von Fachleuten auch behandelt, obwohl sich zumindest die Krampfanfälle in vielen Fällen auch mit günstigen Medikamenten schon zuverlässig kontrollieren lassen. In armen Regionen der Welt ist die Behandlungsquote zum Teil sogar noch geringer, die Folgen für die Patienten sind oft verheerend.

          Die Datensammlung, an der UCB und IBM seit einigen Monaten arbeiten, könnte eines Tages die Zahl der statistisch erfassten Epileptiker steigen lassen – weil Ärzte früher die richtige Diagnose stellen. IBM hat die Datenanalyse für die Gesundheitswirtschaft zu einem der wichtigsten Wachstumsfelder erklärt und arbeitet beispielsweise auch mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zusammen.

          Aus Tausenden Krankengeschichten, Laborwerten, EEG- und Tomografieergebnissen von Epileptikern soll das Analyseprogramm Behandlungsoptionen ermitteln, die zu dem jeweiligen Patienten passen. Es wird noch Jahre dauern, bis es so weit ist, räumt Doliveux ein. Aber in der Pharmabranche vergehen von den ersten Forschungsschritten bis zur Einführung eines neuen Medikaments oft sogar Jahrzehnte. „Wir werden damit also schneller als gewöhnlich sein.“

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