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Gesundheit : Aufruhr in der Pharmabranche

  • Aktualisiert am

Forschung unter erhöhtem wirtschaftlichem Risiko? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für die deutsche Pharmabranche hat die wichtigste politische Auseinandersetzung der vergangenen Jahre begonnen. Sie fühlt sich zu Unrecht angegriffen, mit falschen Argumenten konfrontiert und fordert Korrekturen des Entscheidungsprozesses zur Nutzenbewertung von Medikamenten.

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          Für die deutsche Pharmabranche hat die wichtigste politische Auseinandersetzung der vergangenen Jahre begonnen. Sie fühlt sich zu Unrecht angegriffen, mit falschen Argumenten konfrontiert und fordert nachhaltige Korrekturen des Entscheidungsprozesses zur Nutzenbewertung von Medikamenten.

          Der Beschluß, mit den Insulin-Analoga zum ersten Mal eine ganze Gruppe von Medikamenten aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen Diabetiker müssen teures Insulin selber bezahlen, wird damit zum Präzedenzfall. "Die täglichen Zusatzkosten für ein modernes Insulin sind mit etwa 30 Cent pro Patient sehr niedrig", sagt Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer des Pharmaunternehmens Novo Nordisk in Deutschland.

          Erster Fall seit bestehen der Bundesrepublik

          "Im Vergleich zu den immensen Kosten für die gefürchteten diabetischen Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Amputationen, Erblindung oder Nierenversagen, ist das ein sehr kleiner Betrag." Jetzt werde erstmalig seit Bestehen der Bundesrepublik eine gesamte Klasse zugelassener Arzneimittel gesetzlich Versicherten vorenthalten. Dabei werde es nicht bleiben. Millionen Kassenpatienten, die an anderen Erkrankungen leiden, würden künftig auch ihre Medikamente nicht mehr erhalten.

          Erzürnt ist die Industrie dabei vor allem über die Vorgehensweise des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Entscheidungsgremiums der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen (G-BA), seine Entscheidung allein auf der Basis eines umstrittenen Berichts des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu treffen. "Die Meinungen nationaler und internationaler Fachgesellschaften blieben unberücksichtigt. Ebenso die Erfahrungen von Ärzten und Patienten, die seit zehn Jahren die Vorteile kurz wirksamer Insulin-Analoga nutzen", sagte Heinz-Werner Meier, Vorsitzender der Geschäftsführung des Pharmaherstellers Sanofi-Aventis in Deutschland, dieser Zeitung.

          Stimme für die Patienten gefordert

          Meier fordert deshalb, den Patienten künftig eine Stimme im Gemeinsamen Bundesausschuß zu geben, in dem bisher nur Vertreter von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern abstimmen dürfen. Bei den nächsten Medikamenten, die vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen geprüft werden, empfiehlt er Hinzuziehung unabhängiger Fachleute aus dem Ausland.

          Den vom Institutsleiter Peter Sawicki erhobenen Vorwurf, die Pharmaindustrie habe keine Studien vorgelegt, die belegten, daß sich die Lebensqualität der Patienten mit dem Gebrauch der nun aus dem Leistungskatalog gestrichenen Insulin-Analoga verbessere, weist Meier scharf zurück. "Das sind Schutzbehauptungen, die den Schwarzen Peter der Industrie zuschieben sollen." Es habe sehr wohl eine Reihe interessanter Studien der Pharmaindustrie gegeben, deren Ergebnisse aber nicht berücksichtigt worden seien.

          Bewertungsbegründung nicht veröffentlicht

          Meier nennt als Beispiel die Studie "Apidra 3005" von Sanofi-Aventis, die nach sechs Monaten Behandlungsdauer eine Halbierung des Risikos von schweren Unterzuckerungen bei Insulin-Patienten gegenüber Humaninsulin zeige. Da diese Situationen lebensbedrohlich sein können, wäre dies ein wichtiges Ergebnis gewesen. Warum diese Studie nicht berücksichtigt werde, sei unklar: "Wir tappen im dunkeln, denn der G-BA hat seine Bewertungsbegründungen bis jetzt nicht veröffentlicht. Dennoch läßt aber der G-BA die Presse vorsorglich schon mal wissen, die Industrie hätte keine Studien vorgelegt", sagt Meier. Es sei nicht akzeptabel, daß das Institut der Öffentlichkeit erkläre, Humaninsulin könne ohne jeden Abstand zur jüngsten Mahlzeit gespritzt werden, obwohl die zuständige Zulassungsbehörde etwas anderes festlege.

          Die Tatsache, daß die Ärztevertreter im Ausschuß den Argumenten der Industrie nicht gefolgt seien, sei nicht erstaunlich. "Die Entscheidung der Funktionäre hat nichts zu tun mit der Einschätzung der behandelnden Ärzte vor Ort", sagt Meier. In Zeiten leerer Kassen würde mit aller Macht bei den Arzneimitteln Einsparungen gesucht.

          Forderung nach gemeinsamen Richtlinien für Studien

          Auch die Arbeit des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit sei ganz erheblich zu beanstanden. "Es fällt auf, daß im Fall der Insulin-Analoga ausschließlich externe Gutachter aus dem Freundeskreis und Meinungsumfeld von Sawicki beauftragt worden sind, der dies auch nicht abstreitet." Sein Argument, dies sei so, weil man keine anderen unabhängigen Gutachter finden würde, sei völlig unverständlich. "Selbst wenn man den Streit um die Insulin-Analoga in Deutschland einmal außer acht läßt, gäbe es im Ausland Dutzende von Experten mit Weltklasseniveau, die jederzeit eine wirklich unabhängige Meinung abgeben könnten, wenn sie nur gefragt werden würden", sagt Meier. Kosten-Nutzen-Bewertungen seien eine vernünftige Sache, wenn sie fair, transparent und wissenschaftlich unabhängig durchgeführt würden. In Zweifelsfällen und bei allen neuen Medikamenten sollte in Zukunft zwischen Industrie und G-BA ein gemeinsames, verbindliches Studiendesign festgelegt werden, um zu profunden Messungen medizinischen Nutzens zu kommen.

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