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Nachruf auf Werner Müller : Ein Gestalter des Ruhrgebiets

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Werner Müller war ein Gestalter des Ruhrgebiets. Bild: dpa

Brillanter Redner, kluger Kopf und Querdenker: Der frühere Wirtschaftsminister Werner Müller ist gestorben. Ein Nachruf.

          Werner Müller war es eine Herzensangelegenheit, dem traditionsreichen Steinkohlenbergbau in Deutschland ein würdiges Ende zu bereiten. Er wollte an dem Tag, als an der Schachtanlage Franz Haniel in Bottrop symbolisch der Deckel auf die letzte deutsche Zeche gekommen ist, persönlich die Kumpel nach ihrer finalen Schicht am Förderkorb empfangen – entsprechend dick stand die zentrale Abschiedsveranstaltung kurz vor Weihnachten 2018 frühzeitig in seinem Terminkalender.

          Zwar nahm letztlich nicht er, sondern Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das letzte Stück Kohle am Schacht entgegen. Müller konnte gleichwohl trotz seiner Krankheit an den Feierlichkeiten teilnehmen. Und sich unter der Vielzahl prominenter Teilnehmer wie ein Ehrengast fühlen – bis Mai des vergangenen Jahres noch Vorsitzender der RAG-Stiftung, war er schließlich der Architekt des Stiftungskonzepts zum sozialverträglichen Ausstieg aus dem Steinkohlenbergbau.

          Schon als Müller, vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) einmal als ein Gestalter des Ruhrgebiets tituliert, im Mai 2018 überraschend seinen Rückzug aus dem Vorsitz der RAG-Stiftung und dem Aufsichtsratsvorsitz der Tochtergesellschaft Evonik bekannt gab, löste dies große Betroffenheit aus. Denn wer ihn kannte, wusste, wie unglaublich schwer ihm diese Schritte gefallen sein mussten. Und er ahnte zugleich, wie ernst Müllers Situation war.

          Müller sprach damals offen von seiner schweren Erkrankung, die es ihm leider nicht mehr erlaube, seinen Verpflichtungen in diesen Ämtern nachzukommen. Sein Vertrag als Stiftungschef wäre eigentlich bis zum Jahr 2022 gelaufen. Erst kurz vor seinem 70. Geburtstags war er im Sommer 2016 für eine zweite Amtszeit bestellt worden.

          Begnadeter Netzwerker

          Ans Aufhören hatte Müller damals also noch lange nicht gedacht – der nach seinem Rückzug aus den aktiven Ämtern zum Ehrenvorsitzenden der Stiftung und deren Tochtergesellschaft Evonik ernannte Manager wirkte fast bis zum Schluss voller Tatendrang.

          Müller prägte eine Ära in der Region. Vielfach wurde er als der letzte Ruhrbaron bezeichnet. So ganz passte dieses Attribut nicht. Das Verhalten des meist dezent elegant im Dreiteiler gekleideten Mannes war nie manieriert. Ein Aufkreuzen auf den angesagten gesellschaftlichen Events, bei Jagdgesellschaften oder Golfturnieren, war nicht sein Ding.

          Und auch in seiner Ausdrucksweise konnte er, der brillante Redner, kluge Kopf und Querdenker, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, zuweilen sehr volksnah und drastisch sein. Aber er war ein begnadeter Netzwerker, manche mögen sagen: Strippenzieher, der wusste, wie man vor oder hinter den Kulissen Einfluss nimmt.

          Der in Essen geborene Diplom-Volkswirt und promovierte Sprachwissenschaftler hat zwischen Anfang der siebziger und Ende der neunziger Jahre eine Karriere in der Stromwirtschaft absolviert, zunächst beim Essener RWE-Konzern, später bei der Düsseldorfer Veba, der Vorgängerin des heutigen Eon-Konzerns. Zunächst grundsätzlich Befürworter der Atomkraft, plädierte er später für den Ausstieg aus dieser Art der Energieerzeugung und machte sich damit im Konzern wenig Freunde.

          „Strotznormalen Konzern“

          Nach seinem Ausscheiden bei Veba Ende der neunziger Jahre war er, der schon während seiner Industrietätigkeit den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD) beraten hatte, für kurze Zeit selbständiger Industrieberater. Sein Wechsel in die Politik kam überraschend – auch für ihn selbst: Im September 1998 zum Kanzler gewählt, machte Schröder den parteilosen Energieexperten zum Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.

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