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Geschäfte nach Gaddafi : Die Ölindustrie ist schon zurück in Libyen

Ein Rebellentrupp fährt an der nur 40 Kilometer von Tripolis entfernten Zawiya-Raffinerie vorbei Bild: AFP

Während in Tripolis noch Gefechte zwischen Rebellen und den Getreuen Muammar Gaddafis toben, bringt sich die Energiebranche in Stellung. Sie wird bei der wirtschaftlichen Stabilisierung Libyens eine entscheidende Rolle spielen.

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          Der Bürgerkrieg in Libyen ist noch nicht vorbei, aber die internationale Ölindustrie ist schon zurück. Mitarbeiter des italienischen Energiekonzerns Eni seien im Osten des ölreichsten afrikanischen Landes eingetroffen, um die Produktion wieder in Gang zu bringen, sagte Italiens Außenminister Franco Frattini am Montag. „Diese Einrichtungen wurden von Italienern errichtet und deshalb ist auch klar, dass Eni in Zukunft die Rolle einer Nummer eins übernehmen wird“, verkündete der Politiker. Der italienische Staat ist Großaktionär bei Eni („Agip“) und umgekehrt hält Libyen eine kleine Beteiligung an dem italienischen Unternehmen. Eni ist die größte ausländische Ölgesellschaft in Libyen, 14 Prozent der gesamten Fördermenge des Konzerns stammen aus dem Land.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während zu Wochenbeginn in der Hauptstadt Tripolis noch die Gefechte zwischen den Rebellen und den Getreuen des Diktators Muammar Gaddafis tobten, bringt sich die Energiebranche schon in Stellung. Die Konzerne, die noch vor wenigen Monaten Tausende von Mitarbeitern aus dem Krisenland brachten, setzen nun alles daran, um auch nach einem immer wahrscheinlicher werdenden Machtwechsel im Geschäft zu bleiben. Obwohl der Ölpreis am Montag fiel, stiegen an den europäischen Aktienbörsen die Notierungen von Ölgesellschaften mit bedeutendem Libyen-Engagement. Der Aktienkurs von Eni schoss zeitweise um mehr als 5 Prozent nach oben.

          Produktionsaufnahme binnen drei Wochen geplant

          Auch die Notierungen des französischen Total-Konzerns, die von Repsol aus Spanien und von OMV aus Österreich legten deutlich zu. Vor Ausbruch des Bürgerkriegs gingen 85 Prozent der libyschen Ölausfuhren nach Europa. Italien und Österreich deckten mehr als 20 Prozent ihres Importbedarfs mit libyschem Öl. Aus Deutschland ist vor allem der Öl- und Gaskonzern Wintershall, eine Tochtergesellschaft des Chemieriesen BASF, in Libyen aktiv.

          Bild: F.A.Z.

          Aber der Energieschatz, der unter dem Wüstenboden und vor den Küsten Libyens lagert, ist nicht nur für Europa wichtig. Die Öl- und Gasindustrie wird zugleich die entscheidende Rolle spielen bei der wirtschaftlichen Stabilisierung des zerrütteten Landes. Das von sechs Monaten Bürgerkrieg gezeichnete Libyen braucht dringend Devisen und der Staat hängt auf Gedeih und Verderb von den Einnahmen aus seinen Energierohstoffen ab. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) stammten im vergangenen Jahr 95 Prozent der gesamten Exporterlöse Libyens aus dem Verkauf von Öl und Gas.

          Zustand der Raffinerien unklar

          Entsprechend eilig haben es die vor der Machtübernahme stehenden Rebellen, die Förderung wieder hochzufahren. „Wenn die Sicherheitslage okay ist, werden wir anfangen“, sagte ein Sprecher der von den Rebellen kontrollierten staatlichen Arabian Gulf Oil Company (Agoco) der Nachrichtenagentur Reuters. Zumindest einige Ölfelder im Osten Libyens könnten binnen drei Wochen wieder die Produktion aufnehmen, hoffen die Rebellen.

          Derzeit ist die wichtigste libysche Wirtschaftsbranche dagegen fast vollständig zum Stillstand gekommen. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris schätzt, dass die Öl-Fördermenge wegen der blutigen Unruhen im Land auf weniger als 200.000 Fass (zu je 159 Liter) eingebrochen ist. Vor der Krise holte Libyen dagegen jeden Tag rund 1,6 Millionen Fass aus dem Boden.

          Bisher weiß niemand genau, wie lange es dauern wird, die libyschen Ölquellen und die anhängende Infrastruktur wieder flottzumachen. Doch Experten sind sich einig, dass bis dahin Jahre ins Land gehen werden. Es sei mit einem „quälend langsamen“ Neustart zu rechnen, warnte die IEA bereits im Juni. Mehr als drei Viertel der libyschen Vorkommen liegen im sogenannten Sirte-Becken, das zu den größten Öllagerstätten der Welt zählt. Aber wie viel Schaden hat der Krieg dort angerichtet? In welchem Zustand sind die fünf Raffinerien im Land? Noch ist die Informationslage dürftig.

          Hoffen auf Investitionsboom nach dem Machtwechsel

          Im März haben Gaddafis Truppen den größten Ölhafen des Landes Al Sidra bombardiert und nach Angaben der Rebellen schwer beschädigt. Ausgerechnet im wichtigen Sirte-Becken werde das Anfahren der Produktion voraussichtlich am längsten dauern, erwartet das renommierte britische Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Die Anlagen dort seien die ältesten und komplexesten. Die Experten von Wood Mackenzie schätzen, dass nach dem Ende der Unruhen drei Jahre vergehen werden, bevor Libyen seinen Ölausstoß wieder auf Vorkriegsniveau gebracht hat. Die IEA rechnet sogar damit, dass dies bis 2015 dauern wird.

          Die Ausgangsposition ist schwierig, denn schon vor dem Krieg war die libysche Energiebranche heruntergewirtschaftet. Mehr als ein Jahrzehnt hatten Sanktionen der Vereinten Nationen und der Vereinigten Staaten ausländische Investitionen weitgehend verhindert. Erst nach deren Aufhebung in den Jahren 2003 und 2004 begann das Geld der internationalen Ölkonzerne - wenn auch langsam - wieder nach Libyen zu fließen. Noch im Sommer 2010 hatte etwa BP angekündigt, in Kooperation mit dem inzwischen aufgespaltenen libyschen Staatskonzern NOC in der Tiefsee des Golf von Sirte nach Öl bohren zu wollen. Optimisten setzen darauf, dass ein Machtwechsel in Tripolis nun zum Türöffner für ausländische Konzerne wird und einen Investitionsboom entfacht. „Eine neue Regierung könnte Libyen in eine neue Ära führen, in der es seine Bodenschätze effektiver und zum Wohl der breiten Bevölkerung nutzt“, schreiben die Analysten von Wood Mackkenzie in einer Studie.

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