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Gentherapien : Die nächste Phase der Biotechbranche

Innovation aus Amsterdam: Arzneimittelentwicklung im Labor von Uniqure Bild: Uniqure

Zum ersten Mal ist in Europa eine Gentherapie zugelassen worden. Jetzt steht der Hersteller vor der Aufgabe, die teure Entwicklung auf den Markt zu bringen.

          5 Min.

          Für die Biotechbranche war es die Sensation des vergangenen Jahres: Im Sommer empfahl die europäische Arzneimittelbehörde EMA erstmals eine Gentherapie zur Zulassung, im November folgte ihr die Europäische Kommission. Jetzt darf das niederländische Unternehmen Uniqure als erster Anbieter überhaupt in der westlichen Welt eine Therapie vermarkten, die endlich das große Versprechen der Genforschung einzulösen scheint, das sie schon vor einem Jahrzehnt mit der zum ersten Mal gelungenen Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gegeben hat: Den Patienten, die an der seltenen Stoffwechselkrankheit Lipoprotein-Lipase-Mangel (LPLD) leiden, wird mit dem Präparat Glybera nicht etwa - wie in den bisher gängigen biotechnologischen Therapien üblich - ein künstlich hergestellter Ersatz für das Enzym injiziert, das ihr eigener Körper wegen eines Defekts im Erbgut nicht bilden kann. Sie erhalten vielmehr das ihnen dafür fehlende oder beschädigte Gen selbst in einer funktionstüchtigen Form.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bestätigen sich die klinischen Studien, denen die Arzneimittelbehörde in ihrer Entscheidung gefolgt ist, indem die Patienten das zugeführte Gen dauerhaft als Blaupause für die körpereigene Enzymbildung nutzen, bedeutet dieser Unterschied einen großen Schritt hin zu einem Ideal der Medizin: Es würde nicht nur das Symptom der Krankheit behandelt, sondern ihre Ursache behoben. Einen vergleichbaren Erfolg in der Behandlung von Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich reklamiert ein chinesisches Unternehmen seit einigen Jahren für sich, hat dies aber noch nicht nach den in Europa, Amerika und Japan geltenden Regeln überprüfen lassen.

          „Der Preis wird in einer anderen Dimension liegen“

          „Wir planen die erste Auslieferung im Spätsommer oder Herbst, vermutlich an ein Krankenhaus in Deutschland“, kündigt Jörn Aldag, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Uniqure, im Gespräch mit dieser Zeitung an. Seit 2009 steht der deutsche Biotechmanager an der Spitze des Unternehmens, das elf Jahre vorher als Ausgründung aus dem Universitätskrankenhaus AMC am Stadtrand von Amsterdam entstanden ist. Noch immer hat Uniqure seinen Sitz in einem Nebengebäude des Großklinikums, an dem LPLD schon seit langem intensiv erforscht wird. „Eine einmalige Verabreichung, eine Spritze in den Oberschenkel, sollte für mehrere Jahre genügen.“ Vor sieben Jahren wurde Glybera erstmals an einem LPLD-Patienten erprobt und wirkt den Studiendaten zufolge noch immer. Die Bauchspeicheldrüsenentzündung, die am schwersten wiegende Folge der Erkrankung, bleibt in der Regel aus. Dass es grundsätzliche ethische Bedenken gegen die Gentherapie gibt, führt Aldag auf die Verbreitung falscher Vorstellungen zurück. „Uns geht es immer nur um Körperzellen, nicht um einen Eingriff in den Vererbungsprozess“, versicher er. „Nichts, was wir machen, wird an die Kinder der Patienten weitergegeben.“

          Jörn Aldag, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Uniqure
          Jörn Aldag, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Uniqure : Bild: Uniqure

          Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, im Juni 2000 öffentlichkeitswirksam von den Forschern Craig Venter und Francis Collins zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton verkündet, vergleicht Aldag nun mit dem Aufschreiben aller Telefonnummern einer Stadt. „Es fehlte aber die Verbindung zu den Namen der Menschen, die in dieser Stadt leben“, sagt er. „Medizinisch war damit noch relativ wenig anzufangen.“ Uniqure hat, um im Bild zu bleiben, für seine Pionierleistung die Nummer zu einem ausgesprochen seltenen Namen identifiziert. Höchstens tausend Menschen in Europa leiden Schätzungen zufolge an genetisch bedingter LPLD.

          Für die Kommerzialisierung der Therapie, die das von privaten Investoren finanzierte Unternehmen nun anstrebt, birgt dies eine besondere Herausforderung. Rund 100 Millionen Euro sind seit der Gründung in Forschung und Entwicklung geflossen, überschlägt Aldag. Diese Kosten gilt es, den Regeln der Branche folgend, nun wieder einzuspielen. Welchen Preis müsste Uniqure also für eine Dosis Glybera von den Krankenkassen verlangen, die ja nicht wie für die Behandlung von chronischen Krankheiten üblich über einen langen Zeitraum von Woche zu Woche, sondern je Patient womöglich nur ein einziges Mal verabreicht werden soll? „Wir haben noch keine Verhandlungen darüber geführt“, schränkt Jörn Aldag ein. „Aber der Preis wird in einer anderen Dimension liegen als gewöhnlich.“

          In ganz Europa gibt es nur 500 LPLD-Patienten

          Er klickt in seinem Laptop auf eine Liste der teuersten Medikamente der Welt. An der Spitze steht ein Präparat des amerikanischen Herstellers Alexion, das in Deutschland vor anderthalb Jahren als Mittel zur Behandlung der Ehec-Epidemie bekannt wurde. Die Jahrestherapiekosten liegen dafür bei rund 400.000 Dollar. „Der Nutzen von Glybera ist unglaublich hoch, weil die Wirkung so lange anhält“, rechtfertigt Aldag den unausgesprochenen Vergleich. Die Kosten für die Behandlung der Folgen von LPLD seien immens, fügt er hinzu. Sie fielen künftig größtenteils weg, was die Krankenkassen entlaste. Doch jeder Pharmamanager weiß, dass sich sechs- oder sogar siebenstellige Erstattungsbeträge für eine einzige Dosis angesichts des Spardrucks in den meisten Gesundheitssystemen der Welt nicht mehr ohne Widerstand erzielen lassen werden. Deshalb bietet Aldag eine Alternative an: „Wir könnten uns vorstellen, mit den Kassen einen Preis auf Jahresbasis zu vereinbaren, der nur so lange erstattet wird, wie sich auch ein klinischer Nutzen für den Patienten feststellen lässt.“

          Schon für die Zulassung war die geringe Verbreitung von LPLD eine Hürde, die Uniqure erst im zweiten Anlauf genommen hat. Weil Glybera nur an 27 Patienten getestet worden war, lehnte die Arzneimittelbehörde den Antrag mit Verweis auf die zu geringe statistische Belastbarkeit der vorgelegten Daten zunächst ab. Aldag macht dafür ein Kriterium verantwortlich, das nach seiner Ansicht mit Gentherapien für seltene Krankheiten systematisch unvereinbar ist. „Um den formalen Anforderungen zu genügen, hätten wir eine Studie mit 350 Patienten durchführen müssen“, erläutert er. „Weil es aber vielleicht nur 500 in ganz Europa gibt, hätten wir dafür mehr als die Hälfte aller in Frage kommenden Patienten gratis behandeln müssen.“

          Rund vierzig weitere Zulassungsanträge für Gentherapien

          Auf den abschlägigen Bescheid reagierte der damals noch als Amsterdam Molecular Therapeutics firmierende Anbieter mit einer Neuausrichtung samt Neufinanzierung, legte die Pläne für das Flaggschiff Glybera zu den Akten, reduzierte die Belegschaft von 95 auf 45 Mitarbeiter und konzentrierte sich auf andere gentherapeutische Entwicklungsprojekte, etwa zur Behandlung von Parkinson und der Bluterkrankheit. Dann erging die Zulassung trotz der geringen Probandenzahl doch noch, beschränkt auf besonders schwere Fälle und verbunden mit der Auflage weiterer Datensammlung. Eine Rolle rückwärts, auch für das Unternehmen - inzwischen beschäftigt Uniqure wieder 75 Mitarbeiter, Tendenz steigend.

          Jörn Aldag zieht aus dem Hin und Her einen allgemeinen Schluss. Es gebe rund 5000 seltene Erkrankungen, die ähnlich wie der LPL-Mangel auf ein einziges defektes Gen zurückzuführen und deshalb für die Wissenschaft besonders zugänglich seien. Die Aufsichtsbehörden hätten es in der Hand, die Entwicklungskosten und damit auch die später geforderten Erstattungen für neue Behandlungsmethoden für solche Krankheiten sinken zu lassen, indem sie den Herstellern in diesen Fällen weniger Aufwand für die klinischen Studien aufbürdeten. Aldag begründet den Vorschlag pragmatisch: „Die statistische Sicherheit, wie sie zum Beispiel für ein millionenfach eingesetztes Schlafmittel vorliegt, gibt es bei seltenen Krankheiten ohnehin nicht.“ Dass eine verfügbare Therapie aus Kostengründen verweigert werde, halte er dagegen nicht für vorstellbar. „Die Frage, was uns das Leben eines Patienten wert ist, haben wir gesellschaftlich schon beantwortet. Wenn wir ein Leben retten können, tun wir es.“

          Rund vierzig weitere Zulassungsanträge für Gentherapien liegen der europäischen Arzneimittelbehörde zurzeit vor. Noch befinden sich Volkskrankheiten wie Diabetes oder auch bestimmte Krebsarten nicht unter den Indikationen, die mit den Neuentwicklungen behandelt werden sollen. „Aber zwischen 2020 und 2030 werden wir so weit sein“, vermutet Aldag.

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