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Genossenschaftsbanken : "Die Zentralisierung geht nicht zu Lasten der Ortsbanken"

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Wie gelingt es Pleister, gleichzeitig für die Volks- und Raiffeisenbanken und für deren Spitzeninstitut DZ Bank tätig zu sein? Schließlich scheinen sich deren Interessen zuweilen zu widersprechen. "BVR-Präsident zu sein und gleichzeitig im Aufsichtsrat zum Beispiel der DZ Bank zu sitzen ist kein Spagat, sondern eine notwendige Ergänzung", widerspricht Pleister. "Die Übernahme von Aufsichtsratsmandaten in den Verbundunternehmen durch den BVR-Präsidenten ist von Mitgliederversammlungen stets mit großer Mehrheit gewünscht worden. Ich habe mir das nicht genommen." Zudem sei es sinnvoll, denn: "Es gibt niemanden, der dem Gesamtzweck der Organisation so verpflichtet ist wie der Verbandspräsident. Ich stehe für die Einhaltung der BVR-Strategie in den Verbundunternehmen." Pleister überläßt es den regionalen Gremien, darüber nachzudenken, ob nicht stärker unterschiedliche Personen in die Aufsichtsräte und Beiräte von Verbänden, Verbundunternehmen und Zentralbanken entsandt werden sollten.

Rund 50 Banken sind derzeit in Sanierung. 200 Ortsbanken sind als überdurchschnittliches Risiko klassifiziert. "Wir arbeiten mit einem neuen System daran, daß aus der hohen Ausfallwahrscheinlichkeit kein schlagender Fall wird", sagt Pleister. Müssen die Beiträge erhöht werden? "Ich beteilige mich nicht an öffentlichen Spekulationen, bevor die zuständigen Gremien Beschlüsse gefaßt haben."

Die inzwischen beim Verband angesiedelte Sicherungseinrichtung stützt die Institute in der Regel durch Garantien für nötig werdende Wertberichtigungen auf Firmenkredite. Kann der BVR Banken in Schieflage zur Fusion mit anderen Genossenschaftsinstituten zwingen? "Wir können im Sanierungsvertrag auf Fusionen hinwirken", sagt Pleister. "Aber die Banken gehören ihren Mitgliedern, im Schnitt sind das 10 000 Anteilseigner. Für Fusionen ist auf den Mitgliederversammlungen eine Dreiviertelmehrheit nötig." Prinzipiell könne die Sicherungseinrichtung widerspenstige Banken zwar insolvent gehen lassen. Doch Pleister hält nichts von Schwarzweißdiskussionen. "Das Ausüben von Zwang entspricht nicht unserer Führungsphilosophie. Wir wollen überzeugen."

Einige Vorstände aus Genossenschaftsbanken, die keine Hilfe der Sicherungseinrichtung benötigen und statt dessen mit Beiträgen von 1,75 Promille auf ihr Kreditvolumen immerhin insgesamt rund 560 Millionen Euro an jährlichen Beiträgen aufbringen müssen, wünschten sich zumindest manchmal vielleicht mehr Strenge. Zumal die Rechnungslegung der Sicherungseinrichtung sogar für die Beitragszahler im dunkeln bleibt. "Was legt denn Ihre AOK offen", zieht Pleister fragend eine überraschende Parallele. "Die genossenschaftliche Sicherungseinrichtung ist ein Versicherungssystem. Wir haben in den letzten Jahren schon ein Maximum an Transparenz gezeigt."

Unzufrieden zeigt sich Pleister mit der teilweise uneinheitlichen Bewertungspraxis der acht regionalen Prüferverbände, die zudem ihre Prognosen für nötige Sanierungen nicht einhielten. Dies erschwere eine Budgetplanung für die Sicherungseinrichtung. Verständnis zeigt er für die Verärgerung, die im Verbund darüber herrscht, daß der Feuerwehrfonds bis zum Jahr 2004 1,5 Milliarden Euro für die Sanierung der Berliner Volksbank wird aufbringen müssen. "Die Option des Neuanfangs in Berlin war nicht gegeben", hält Pleister den Kritikern entgegen, obwohl die Entscheidung über die Sanierung vor seiner Berufung zum BVR-Präsidenten erfolgte. "Die Zentralisierung der Sicherungseinrichtung beim BVR ist ein Durchbruch", gibt er sich kämpferisch. "Mit der Umstellung auf risikobasierende Beitragssätze statt der pauschalen 1,75 Promille und der auf den Rating-Ergebnissen aufbauenden Prävention gelingt es der Sicherungseinrichtung ab diesem Jahr erstmals, präventiv zu wirken." Die Sparkassen gehen in der Hinsicht den gleichen Weg. "Nichts ist ein größeres Kompliment als die Nachahmung", sieht Pleister dies als Bestätigung für die Richtigkeit seiner Reformen.

"Das Ausüben von Zwang entspricht nicht unserer Führungsphilosophie."



Zäher Reformer

Christopher Pleister hat seit seinem Amtsantritt als Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken zum Jahresanfang 2000 viel bewegt. Die Strategie des BVR, Bündelung der Kräfte, setzt der 1948 in Hamburg geborene Volkswirt mit Schwung und Hartnäckigkeit, aber ohne Peitsche durch. 57 Projekte, darunter die Straffung der Produktpalette der Banken, das sanfte Drängen auf Fusionen der oftmals zu kleinen Volks- und Raiffeisenbanken, der Druck auf die immer noch acht Prüferverbände gehören dazu. Höhepunkt von Pleisters Tätigkeit war bislang seine gelungene Moderation der Fusion von DG Bank und GZ-Bank, die im Sommer 2001 mit der Entstehung der DZ Bank vollzogen wurde. Zuletzt stand die Reform der genossenschaftlichen Sicherungseinrichtung an, die Pleister - allerdings erst im zweiten Anlauf im März 2003 - durchsetzte. Die Unzufriedenheit der Genossenschaftsbanken über die Erhöhung der Beiträge für diesen Stützungsfonds bekam Pleister damals auf der Mitgliederversammlung des BVR zu spüren, als ihm immerhin 20 Prozent der anwesenden Mitglieder die Entlastung verweigerten. Manche in der Gruppe wünschten sich auch ein entschiedeneres Eintreten gegen Zentralisierungstendenzen, wie sie zum Beispiel von der DZ Bank ausgehen. Neigungen in dieser Richtung werden Pleister deswegen nachgesagt, weil er in den achtziger Jahren im Vorstand des Vorgängerinstituts DG Bank für das Firmenkundengeschäft zuständig war. Doch zu dem hervorragenden Redner gibt es als Verbandspräsident keine Alternative.

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