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VW-Eigentümer sagt : „Autos nicht für Klimaziele aussperren“

Volkswagen zeigt das ID. Buggy Showcar auf dem Genfer Autosalon. Bild: dpa

Der größte Autohersteller der Welt drängt vehement in Richtung Elektromobilität und trommelt für Klimaschutz. In Genf wird die Volkswagen-Konzernführung konkret.

          Schon die ersten Automodelle, die der Volkswagen-Konzern im Rahmen des Autosalons in Genf zeigt, geben die Richtung vor, in die sich der derzeit absatzstärkste Autohersteller der Welt bewegt. Der batteriebetriebene E-Tron der VW-Tochtergesellschaft Audi steht am Montagabend im Foyer zur Genfer Messehalle 7, wohin VW zu seinem traditionellen Konzernabend im Vorfeld der Automesse in der Schweiz geladen hat. Gleich daneben der ID Vizzion, eine elektrisch angetriebene Limousine, die VW nun schnell zur Serienreife bringen will.

          Zu den beiden alternativ angetriebenen Fahrzeugen am Eingang gesellen sich im Laufe des Abends weitere elektrische oder zumindest teilelektrische Modellvorhaben der Konzernmarken Porsche, Seat oder Škoda. Sie alle haben eines gemein: Den teilweisen oder sogar schon vollkommenen Abschied vom Verbrennungsmotor. Diesel und Benziner waren gestern, will Volkswagen mit diesen Autos verdeutlichen. „Seien Sie elektrifiziert“, heißt es in Zukunft – so lautet jedenfalls das VW-Motto an diesem Abend in Genf.

          Diese Herangehensweise spiegelte auch der Auftritt des Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess. Das laufende Jahr werde entscheidend für VWs Wandel zur Elektromobilität, sagte Diess in Genf. Sein Konzern sei darauf gut vorbereitet, ob es nun um die Ausweitung der elektrisch angetriebenen Produktpalette, die Vorbereitung des Werks in Zwickau zu einer reinen Elektroautofabrik oder um die Frage der Ladeinfrastruktur geht.

          „VW muss bei der E-Mobilität schneller werden“

          So werde VW das gemeinsam mit den Konkurrenten Daimler und Ford betriebene Netz von Schnellladesäulen an europäischen Autobahnen zum Ende dieses Jahres knüpfen, sagte der VW-Vorstandsvorsitzende. Dazu kommen Kooperationen, um die Elektromobilität mit aller Macht in den Markt zu bringen.

          In Genf kündigte Volkswagen an, mit dem Elektroauto-Start-up Ego Mobile AG zu kooperieren und für das Aachener Unternehmen, aber auch für andere Partner die konzerneigene Plattform zu öffnen, auf der VW-Elektroautos künftig entstehen sollen. Das betriebswirtschaftliche Kalkül dahinter lautet: Je mehr Autos auf der Plattform namens modularer Elektrifizierungsbaukasten (MEB) irgendwann entstehen, desto schneller rechnen sich die Plattform-Investitionen in Milliardenhöhe.

          Das höhere Ziel ist Diess’ zufolge aber der Schutz des Klimas und die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 bis maximal 2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, so wie es der Klimaschutzvertrag von Paris vorsieht. „Jeder sollte sich auf das Pariser Übereinkommen verpflichten“, sagte der VW-Vorstandsvorsitzende.

          Auch die Autobranche könne dazu ihren Beitrag leisten, indem sie individuelle Mobilität bis zum Jahr 2050 frei von Kohlendioxid-Emissionen mache. Die Elektromobilität sei der beste Weg zu diesem Ziel.

          Was den schnellen und bedingungslosen Wandel zu E-Autos und das Teilen der eigenen Elektroplattform angeht, kann sich der VW-Vorstandsvorsitzende auf die Rückendeckung der einflussreichen VW-Miteigentümer aus den Familien Porsche und Piëch verlassen. „Ich glaube, dass der Volkswagen-Konzern bei der Elektromobilität noch viel schneller werden muss, wir müssen akkurater und agiler arbeiten“, sagte VW-Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Porsche vor Journalisten.

          Porsche vertritt die Interessen der beiden Familien, die über die Porsche SE die Mehrheit der Stimmrechte an Volkswagen halten. „Dazu kommt, dass wir nicht alles alleine machen können, so dass Partnerschaften großen Sinn ergeben, wenn sie sich für beide Seiten lohnen.“

          „Wir müssen den Speck loswerden“

          Auch was die Eindämmung der Erderwärmung betrifft, unterstützt Porsche Diess’ Vorgehen, wenngleich er nicht allein die Autobranche in der Verantwortung sieht. „Um die Klimaziele zu erreichen, muss man nicht unbedingt Autos aus den Innenstädten aussperren“, sagte er: „Die Politik muss uns Vorgaben setzen, die auch erfüllbar sind. Klar ist aber auch, dass wir Klimaschutz als Gesellschaft nur gemeinsam erreichen können.“ Es könne zum Beispiel nicht sein, dass zwar über Klimaschutz geredet werde, aber zum Beispiel Flugtickets oder Schiffsreisen immer günstiger würden.

          Geschwindigkeit spielt für den Aufsichtsrat Porsche indes auch eine Rolle, wenn er auf den nach fast vier Jahren immer noch nicht ganz überwundenen Skandal um manipulierte Dieselmotoren von Volkswagen, Audi und Porsche blickt. „Es geht darum, dass wir die Diesel-Thematik aufklären. Das ist im Falle der Kernmarke VW schneller geschehen als bei unserer Tochtergesellschaft Audi“, sagte der Aufsichtsrat.

          Die Aufarbeitung innerhalb der VW-Premiummarke habe zu lang gedauert. „Aber ich bin zuversichtlich, dass der neue Audi-Chef Bram Schot und Audi-Finanzvorstand Alexander Seitz das Thema nun zum Abschluss bringen.“

          Zugleich  sei es nicht einfach, die Volkswagen-Kultur zu ändern, sagte Porsche. „Die Strukturen sind teilweise sehr verkrustet. Und wir müssen den Speck loswerden, den wir über Jahre angesetzt haben. Das zu tun, ist die Aufgabe des Vorstands um Herbert Diess, und der Aufsichtsrat unterstützt ihn dabei.“

          Dabei gilt es laut dem Mitaufseher Porsche auch, sich zum Teil von liebgewordenen Besitzständen zu verabschieden. Ob nun mit Elektroantrieb oder mit Verbrennungsmotoren – in beiden Antriebswelten muss es sich ihm zufolge weiter rechnen, Autos herzustellen.

          Was das betrifft, sieht Porsche weitere Herausforderungen auf die Mitarbeiter von VW zukommen. „Wir müssen günstiger produzieren, gerade wenn man an den zunehmenden Wettbewerb zum Beispiel aus China denkt“, sagte er auch mit Blick auf die Tochtergesellschaft Audi. „Das müssen die Arbeitnehmervertreter und die Gewerkschaften verstehen. Wir können nicht alle Wünsche erfüllen sondern müssen flexibler werden, um erfolgreich zu bleiben.“

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