https://www.faz.net/-gqe-6ml4f

Geflügelindustrie : Vom Wiesenhof zur Hühnerfabrik

  • -Aktualisiert am

In 20 Tagen werden Wiesenhof-Küken ausgebrütet, nach 30 Tagen Mast sind sie schlachtreif Bild: dpa

Wiesenhof schlachtet 240 Millionen Hühner im Jahr. Und produziert sie so professionell wie andere Autos oder Radios. Wie schlimm ist das für die Tiere?

          4 Min.

          Furchtbar viel Neues hatte der ARD-Beitrag über die Geflügelindustrie nicht zu bieten, aber das war furchtbar genug: Verschwommene Aufnahmen einer Nachtbildkamera zeigten Männer in Overalls, die in einer Halle auf Puten herumtrampeln und die Vögel durch die Gegend schleudern. Andere Männer stopfen Hähne brutal in Boxen, reißen ihnen fast die Flügel aus. Die Betriebe der Missetäter gehören entweder zum Geflügelriesen Wiesenhof aus Visbek in Niedersachsen oder beliefern ihn. Mehrmals schon haben Tierschützer und Medien Deutschlands größtem Hühnerfleischproduzenten angeprangert. Sie förderten zutage, dass sein Fleisch zu wenig gekühlt wird oder zu wässerig ist, dass Hallenwände schimmeln und die Transportbänder so schnell laufen, dass die Fleischkontrolle 0,8 Sekunden Zeit pro Tier haben.

          Wiesenhof ist nur einer von vier großen Geflügelkonzernen im Land – von den anderen hört man nie etwas. „Weil wir eine bekannte Marke und deshalb eine dankbare Zielscheibe sind“, sagt Wiesenhof. „Weil Wiesenhof die Ausbeutung von Tier und Umwelt auf die Spitze treibt“, sagt Peta, die Tierschutzorganisation, deren Aktivisten die Gruselfilme drehten. Fest steht, dass Wiesenhof die industrielle Geflügelproduktion auf eine Weise professionalisiert hat, die an Maschinenbauer oder Autohersteller erinnert. Betriebswirte würden sagen: Die Fertigungskette stimmt, beim Qualitätsmanagement hapert es. Nur dass Fehler im Qualitätsmanagement hier nicht tote Materie betreffen, sondern lebende Hühner. „Selbstverständlich ist ein Huhn kein normales Produkt“, sagt Paul-Heinz Wesjohann, der jahrzehntelang Chef von Wiesenhof war, bis sein Sohn Peter übernahm. Man könne ein Huhn nicht fertigen wie ein Auto, sagt der 68-Jährige. Aber nichts anderes hat er als Chef von Wiesenhof betrieben: Seine Hähnchen sind Ergebnis eines integrierten, hochtechnologisierten Produktionsprozesses, den man unter den Titel „Pharmaindustrie meets McDonald’s“ fassen könnte.

          Aus dem Hof seines Vaters hat Wesjohann in gut 50 Jahren ein Imperium geschmiedet, mit 5000 Mitarbeitern, 2,1 Milliarden Euro Umsatz und 240 Millionen geschlachteten Vögeln im Jahr. Wiesenhof ist nur eine von drei Sparten unter dem Dach der PHW Gruppe: Eine Sparte produziert Vitamine für Menschen, eine andere Impfstoffe und Tierfutter, und die dritte eben Broiler und Chicken Wings. In sechs Brütereien züchtet Wiesenhof Küken. Sie schlüpfen unter UV-Licht in der Schlupfmaschine und sind keimfrei bis in die Federspitze. Wer Brütereien besuchen will, muss sich erst duschen und desinfizieren. Doch hier bleiben die Küken nicht. Sie werden weiterverkauft an Mastbetriebe, die teils zum Konzern gehören, teils selbständig sind und weniger steril arbeiten. Dort werden die Hähnchen aufgezogen, bis sie schlachtreif sind. Dann kauft Wiesenhof sie zurück, schlachtet, verarbeitet und verkauft sie an den Handel.

          Paul-Heinz Wesjohann, jahrzehntelang Chef von Wiesenhof
          Paul-Heinz Wesjohann, jahrzehntelang Chef von Wiesenhof : Bild: Kai Nedden

          Jeder Akteur fühlt sich auch als Opfer

          Das System Wiesenhof ist in „Cluster“ organisiert, also Knotenpunkte: An drei Standorten im Land stehen Brüterei, Futtermittelfabrik und Schlachthof auf einem Gelände. So können die Betriebe im Umland erst Küken und Futter abholen, dann Eier und Hühner liefern. Diese industrielle Hühner-Fertigung ist keine Wiesenhof-Besonderheit, die Konkurrenz macht es genauso. Wiesenhof ist hierzulande nur der größte Spieler. Die Geflügel-Industrie dürfte eine der am strengsten kontrollierten sein. Jeder Akteur kontrolliert den anderen. Futtermittellieferanten werden von Mastbetrieben kontrolliert, Mastbetriebe von Wiesenhof-Kontrolleuren besucht, Händler und Supermarktketten schicken ihre Prüfer in die Schlachthöfe. Über alle wachen Veterinäre und Beamte der Landkreise, Landesministerien und der EU.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

          Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

          In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
          Chinesische Soldaten in Peking

          Rüstung : Verteidigungsministerium warnt vor Bedrohung durch China

          Zwei Millionen Soldaten, rund 6850 Kampfpanzer und die weltweit größten konventionellen Raketenpotentiale: Mit seinem Militär versuche China, die internationale Ordnung entlang eigener Interessen zu ändern, warnt das Verteidigungsministerium. Auch Russland bleibe eine Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.