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Geburtshilfe : Juristen erobern den Kreißsaal

  • -Aktualisiert am

Anstrengend ist so eine Geburt - nicht nur fürs Baby, auch für die Klinik. Bild: ddp

Wenn bei der Entbindung ein Fehler passiert, kann das Millionen kosten. Die Kliniken schließen ihre Kreißsäle, Hebammen und Ärzte sind nervös. Auf Sylt werden Schwangere im Extremfall sogar mit dem Hubschrauber von der Insel gebracht.

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          Auf der Insel Sylt ist es Anfang des Jahres passiert: Es gibt keine Geburtshilfe mehr. Die örtliche Nordseeklinik hat sie Ende 2013 geschlossen. Frauen, die auf Sylt wohnen, müssen seither zwei Wochen vor dem Geburtstermin aufs Festland fahren und dort darauf warten, dass das Kind kommt. Bei wem die Wehen früher einsetzen, womöglich gar während eines Urlaubs auf der Insel weit vor dem errechneten Geburtstermin, der wird Teil eines ausgeklügelten Notfallplans. Das wichtigste Ziel dabei: Schafft die Schwangere von der Insel – solange es geht, zur Not per Militärhubschrauber. 100 Geburten gab es früher auf Sylt pro Jahr. In Zukunft gibt es null, wenn alles gutgeht.

          Sylt ist ein extremes Beispiel für etwas, das so ähnlich überall in Deutschland geschieht. Die Geburtshilfen der Krankenhäuser schließen. Im Jahr 1991 gab es noch 1.200 davon, heute sind es nur noch 760. Wurden im Jahr 1991 noch in jedem zweiten Krankenhaus Kinder geboren, war das zuletzt nur noch in 38 Prozent der Kliniken der Fall. Gerade kleinere ländliche Kliniken schließen ihre Kreißsäle. Weil eine natürliche Geburt aber plötzlich einsetzt – mal drei Wochen vor, mal fünf Tage nach dem errechneten Geburtstermin –, ist sie nicht so planbar wie eine Knie-Operation. Das sorgt für Probleme, wenn die nächste Geburtshilfe weit entfernt ist – und für Protest der Leute im Ort, die sich sorgen, im Notfall allein zu sein.

          Eine hochgefährliche Abteilung für die Krankenhäuser

          Trotzdem schließen die Kliniken weiter ihre Kreißsäle. Der wichtigste Grund dafür sind nicht die Babys, die weniger werden. Der wichtigste Grund sind die seltenen Fälle, in denen Ärzte oder Hebammen bei einer Geburt einen Fehler machen, der dem Kind schadet, der dazu führt, dass es geistig oder körperlich behindert ist. Die Kosten, die aus einem solchen Fehler für das Krankenhaus erwachsen, sind enorm gestiegen.

          Das lässt sich in zwei einfachen Zahlen ausdrücken. Im Jahr 1998 mussten Kliniken (oder ihre Versicherungen) bei einem schweren Geburtsschaden nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft rund 340.000 Euro bezahlen. Darin enthalten sind Schmerzensgeld für die Eltern sowie Pflegekosten für das Kind. Zehn Jahre später lag die Summe für einen ähnlichen Fall schon bei 2,9 Millionen Euro.

          Die Geburtshilfe ist damit innerhalb kürzester Zeit für die Krankenhäuser zur hochgefährlichen Abteilung geworden. Cornelia Süfke, die für die Klinikkette Asklepios die Versicherungen managt, sagt: „Die Zahl der Schäden ist in der Geburtshilfe am geringsten, sie liegt im Promillebereich. Aber Geburtsschäden sind die teuersten.“ Schnell kommt man da auf mehrere Millionen Euro. Wenn dann wie auf Sylt zwei Säuglinge innerhalb zweier Jahre versterben, dann wird die Klinikleitung nervös, dann ist die Schließung der Geburtshilfe schnell beschlossen.

          Die Kranken- und Pflegekassen klagen mit

          Gründe für die hohen Zahlungen, die bei Geburtsschäden anstehen, gibt es gleich mehrere. So ist die Rechtsprechung peu à peu patientenfreundlicher geworden, so dass die Schmerzensgelder für Eltern und Kind gestiegen sind. Eine halbe Million Euro ist hier schon normal, wenn das Kind durch einen Fehler des Krankenhauses schwer behindert ist. Diese Fälle sind natürlich dramatisch, traumatisieren nicht nur die Eltern, sondern die verantwortlichen Hebammen und Ärzte gleich mit. Die meisten von ihnen finden es deshalb gut, dass Eltern und Kind jetzt mehr Geld bekommen. Was sie stört, ist der andere Grund für die hohen Kosten: die Kranken- und Pflegekassen der behinderten Kinder klagen heute gleich mit – schließlich muss das Kind möglicherweise sein Leben lang gepflegt werden.

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